1890
The Man from Snowy River
Überblick↑
Zu den bekanntesten Gedichten der australischen Literatur zählt The Man from Snowy River von Andrew Barton Paterson, der unter dem Beinamen „Banjo“ schrieb. Die Ballade erschien am 26. April 1890 in der australischen Zeitschrift The Bulletin. Im Oktober 1895 brachte der Verlag Angus & Robertson sie zusammen mit weiteren Gedichten Patersons in dem Band The Man from Snowy River and Other Verses heraus. Erzählt wird von einer Verfolgungsjagd zu Pferd im australischen Bergland. Das Gedicht entstand in einer Zeit, in der Australien noch aus selbstverwalteten Kolonien unter britischer Oberhoheit bestand und ein eigenes Nationalgefühl suchte. Stadt- wie Landbewohner blickten damals auf das Buschland, um dort ihre Helden und Mythen zu finden. Im Reiter vom Snowy River sahen viele einen solchen Helden: mutig, wendig und bereit, etwas zu wagen. Die Bedeutung des Werks für Australien zeigt sich bis heute auf der Zehn-Dollar-Note, auf der Paterson und dieses Gedicht geehrt werden; der vollständige Text ist dort mehrfach in Kleinstschrift als Sicherheitsmerkmal aufgedruckt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Den Anstoß der Handlung gibt ein entlaufenes Pferd. Das Fohlen eines preisgekrönten Rennpferdes ist aus seiner Koppel ausgebrochen und lebt nun bei den Brumbies, den wilden Pferden der Bergketten. Um das wertvolle Tier zurückzuholen, versammelt sich eine Schar von Reitern zur Jagd.
Unter ihnen sind erfahrene Männer, darunter zwei Gestalten, die aus früheren Gedichten Patersons bekannt sind: Clancy, die Hauptfigur von Clancy of the Overflow, und Harrison aus Old Pardon, Son of Reprieve. Mit dabei ist außerdem ein junger Reiter auf einem kleinen Pferd, dem die Älteren zunächst wenig zutrauen. Clancy ist es, der den anderen erklärt, aus welcher Gegend dieser junge Mann stammt.
Die Jagd führt die Männer immer tiefer ins Gebirge. Dann erreichen die wilden Pferde einen Hang, der so steil ist, dass er unmöglich zu bewältigen scheint. Vor dieser Stelle müssen sich die Reiter entscheiden.
Die Handlung im Detail↑
Am Anfang steht ein Verlust: Das Fohlen eines preisgekrönten Rennpferdes ist aus der Koppel entkommen und hat sich den Brumbies angeschlossen, den wilden Pferden der Bergketten. Ein solches Tier will man nicht verlieren, und so kommen die Reiter der Umgebung zusammen, um es zurückzuholen.
Zu der versammelten Schar gehören bekannte Namen. Clancy tritt auf, den Paterson schon in Clancy of the Overflow besungen hatte, und Harrison, der aus Old Pardon, Son of Reprieve stammt. Unter den Männern befindet sich auch ein junger Bursche, der nur ein kleines Pferd reitet. Clancy schildert den anderen die Gegend, aus welcher der junge Mann kommt, und spricht damit für ihn.
Die Verfolgung geht über die Hänge des Gebirges. Schließlich stürmen die wilden Pferde einen Abhang hinunter, der so steil ist, dass er unpassierbar erscheint. An dieser Stelle geben die versammelten Reiter auf. Sie halten an und sehen die Herde entkommen.
Nur der junge Mann gibt nicht auf. Er treibt sein kleines Pferd den furchtbaren Abhang hinab und reitet die Strecke, vor der alle anderen zurückgeschreckt sind. Unten holt er die Herde ein und bringt sie zur Strecke. Aus dem Burschen, dem man wenig zugetraut hatte, wird auf diese Weise der Reiter vom Snowy River, dessen Ritt in die Erinnerung eingeht.
Wer diesen Reiter im wirklichen Leben war, ist bis heute umstritten. Die kleine Stadt Corryong am Westrand des Gebirges beansprucht den Viehtreiber Jack Riley (1841–1914) als Vorbild und wirbt mit ihm um Besucher. Riley arbeitete zurückgezogen für John Pierce von der Greg Greg Station und hütete Rinder in Tom Groggin; Paterson soll ihn der örtlichen Überlieferung nach mindestens zweimal getroffen haben. Paterson selbst erklärte, die Figur gehe nicht auf einen einzigen Menschen zurück, sondern auf mehrere, unter ihnen Owen Cummins. Dessen Familie war aus Irland nach Melbourne ausgewandert und ließ sich in Dargo nieder; Cummins galt als hervorragender Reiter und arbeitete später in Wave Hill im Northern Territory, wo ein Denkmal an ihn erinnert. Auch in der Stockmen's Hall of Fame in Longreach wird er geführt. Genannt wird ferner Charlie McKeahnie, der 1885 im Alter von siebzehn Jahren einen waghalsigen Ritt in der Snowy-River-Gegend vollbrachte; der Historiker Neville Locker vertritt diese Zuschreibung und verweist unter anderem auf einen Brief von McKeahnies Schwester. McKeahnie kam 1895 bei einem Reitunfall ums Leben. Andere Historiker nennen Jim Troy, der mit 33 Jahren starb und mit Thomas McNamara verschwägert war, dem Vorbild für Clancy. McNamara gab 1938 der Brisbane Courier-Mail ein Interview über die Jagd. Als weitere Möglichkeit gilt J. R. Battye aus Walgett, über dessen unfreiwilligen Ritt hinter einer Brumby-Herde 1877 in den Zeitungen berichtet wurde.
Auch der Schauplatz ist nicht der, den der Titel nahelegt. In Patersons ausgewählten Werken ist überliefert, dass der Ritt in der Gegend des heutigen Burrinjuck Dam nordwestlich von Canberra angesiedelt ist. Paterson hatte als Kind selbst beim Zusammentreiben von Brumbies geholfen und besaß später Land in dieser Region. Der Snowy River entspringt in den Snowy Mountains, dem höchsten Teil der Great Dividing Range nahe der Grenze zwischen New South Wales und Victoria. Von dort stammt der junge Reiter, dort spielt der Ritt aber nicht: Clancy beschreibt den anderen Männern lediglich die Heimat des Mannes.
Stil↑
Geschrieben ist das Werk als Ballade des australischen Buschlands, in einer Tradition, für die sich der Begriff der Buschdichtung eingebürgert hat. Paterson erzählt eine einzige durchgehende Handlung in Versen und steuert sie auf einen Höhepunkt zu: den Ritt den steilen Hang hinab, den das Gedicht als furchtbaren Abstieg bezeichnet. Die Sprache nimmt Wörter des australischen Alltags auf, etwa die Brumbies für die wilden Pferde der Berge. Die Figuren sind knapp und wiedererkennbar gezeichnet, und mit Clancy und Harrison greift Paterson auf Gestalten zurück, die er in früheren Gedichten bereits eingeführt hatte. Der Rhythmus der Verse ist so gebaut, dass er sich zum lauten Vortrag eignet; darauf beruht die lange Reihe von Einspielungen und Lesungen, die das Gedicht erfahren hat.
Rezeption↑
Wenige Gedichte haben sich so tief in das australische Selbstverständnis eingeschrieben wie dieses. Paterson und The Man from Snowy River werden auf der australischen Zehn-Dollar-Note geehrt, wo der vollständige Text mehrfach in Kleinstschrift als Sicherheitsmerkmal steht.
Musiker und Schauspieler haben das Gedicht immer wieder vorgetragen. Slim Dusty nahm es 1972 mit neuer Musik auf, um die Aufmerksamkeit auf die alten Buschballaden zu lenken. Eine Lesung des Schauspielers und Sprechers Leonard Teale wurde 2019 in das Verzeichnis kulturell bedeutsamer Tonaufnahmen des National Film and Sound Archive aufgenommen. Jack Thompson veröffentlichte Aufnahmen mehrerer Paterson-Gedichte, darunter dieses und Clancy of the Overflow, auf dem Album The Bush Poems of A.B. (Banjo) Paterson. Die australische Folkband Wallis and Matilda vertonte den Text auf ihrem Album Pioneers. Auch eine Aufnahme mit Tim Elliott als Sprecher und dem Concert Band of the 2nd Military District liegt vor.
Drei Filme, eine Fernsehserie und ein Arena-Musical gehen auf die Ballade zurück. 1920 entstand ein Stummfilm in Schwarzweiß mit Cyril Mackay als Jim Conroy und Stella Southern als Kitty Carewe. Der Kinofilm von 1982, in deutscher Fassung unter dem Titel Snowy River gezeigt, wurde von George Trumbull Miller inszeniert; Tom Burlinson spielte Jim Craig, Sigrid Thornton die Jessica Harrison. Beide kehrten 1988 in der Fortsetzung zurück, die im englischsprachigen Raum unter verschiedenen Titeln lief. Die Fernsehserie spielt fünfundzwanzig Jahre nach dem berühmten Ritt und zeigt Andrew Clarke als Matt McGregor. Das Bühnenwerk The Man from Snowy River: Arena Spectacular von 2002 besetzte Martin Crewes als Jim Ryan und Georgie Parker als Kate Conroy; Steve Bisley sprach darin als Banjo Paterson den Text der Ballade.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →