1866
Wer lebt glücklich in Russland
Überblick↑
Das Versepos Wer lebt glücklich in Russland? (im russischen Original «Кому на Руси жить хорошо») ist das letzte große Werk von Nikolai Alexejewitsch Nekrassow. Es erzählt von sieben einfachen Bauern, die kurz nach dem Ende der Leibeigenschaft durch das ganze Land ziehen, um einen einzigen glücklichen Menschen zu finden. Aus ihren Begegnungen entsteht ein weites Bild des russischen Volkes nach der Bauernbefreiung von 1861. Nekrassow arbeitete über Jahre daran und ließ das Werk bei seinem Tod unvollendet.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Am Anfang steht ein Streit. Sieben Bauern aus Dörfern mit sprechenden Namen treffen sich unterwegs und geraten über eine einfache Frage aneinander: Wer lebt in Russland eigentlich gut? Jeder nennt einen anderen. Der eine tippt auf den Gutsherrn, ein anderer auf den Beamten, den Popen, den dickbäuchigen Kaufmann, den hohen Minister oder gar den Zaren. Einigen können sie sich nicht.
Über dem Streit vergessen sie den Heimweg und übernachten im Wald. Dort erhalten sie von einem kleinen Vogel ein Wundertischtuch, das sie unterwegs speist und tränkt. So versorgt, schwören sie einander, nicht eher nach Hause zurückzukehren, bis sie die Antwort gefunden haben.
Ihre Wanderung führt sie zu ganz unterschiedlichen Menschen. Sie befragen einen Dorfpopen, geraten auf einen lärmenden Jahrmarkt, erleben eine durchzechte Nacht, treffen einen alten Gutsherrn und suchen das Glück schließlich auch bei den Frauen. Jeder, dem sie begegnen, erzählt ihnen aus seinem Leben. So entfaltet sich vor den sieben Wanderern nach und nach ein ganzes Land.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn treffen sich sieben Bauern und streiten, wem es in Russland gut geht. Roman meint den Gutsherrn, Demjan den Beamten, Luka den Popen; die Brüder Iwan und Mitrodor Gubin nennen den Kaufmann, der alte Pachom den Minister und mächtigen Bojaren, und Prow schließlich den Zaren. Über dem Zank endet der Tag, und am Lagerfeuer im Wald beginnt der Streit von vorn. Da fällt ein Vogeljunges aus dem Nest. Zum Dank für die Rettung ihres Kükens verrät der Muttervogel den Bauern, wo ein Wundertischtuch vergraben liegt, das sie fortan mit Speise und Trank versorgt. Die sieben beschließen, so lange zu wandern, bis sie die richtige Antwort gefunden haben.
Im ersten Kapitel begegnen sie gegen Abend einem Popen. Luka fragt ihn, ob er ein leichtes Leben führe. Der Geistliche klagt: Er hat keine Ruhe, denn man ruft ihn zu Kranken und Sterbenden. Er hat keine Ehre, denn man verspottet ihn und geht ihm aus dem Weg. Und er hat keinen Reichtum mehr, denn die Gutsherren sind in die Fremde zerstreut, und von den armen Bauern bleibt nur ein Groschen und ein Ei zu Ostern. Die Männer machen Luka Vorwürfe, der behauptet hatte, die Popen lebten in Saus und Braus.
Weiter zieht die Gruppe auf den Jahrmarkt im Handelsdorf Kusminskoje, ein reiches, schmutziges Dorf, in dem es alles gibt, was Russland kennt. In der „trunkenen Nacht“ danach liegen überall Betrunkene. Pawluscha Weretennikow lobt das kluge Volk mit seinen Liedern und Sprichwörtern und beklagt zugleich die Sauferei. Ihm widerspricht ein Bauer: Man trinke, weil die Arbeit so hart sei; auf jede trinkende Familie komme eine, die nüchtern schuftet und das Land ernährt. Dieser Bauer ist Jakim Nagoi. Bei einem Brand hatte er zuerst seine geliebten Bilder aus dem Feuer geholt, während sein gespartes Geld zu einem wertlosen Klumpen zusammenschmolz.
Im Kapitel über „die Glücklichen“ suchen die Wanderer in der Menge nach einem zufriedenen Menschen, doch alle Antworten wirken kläglich. Man weist sie auf Jermil Girin, der einst binnen einer Stunde von den Leuten Geld sammeln konnte, um eine Mühle gegen den Kaufmann Altynnikow zu behaupten, und danach jeden Groschen ehrlich zurückgab. Doch auch Jermils Geschichte hat ihre Schatten: Als Dorfältester schickte er einmal statt des eigenen Bruders einen fremden Bauern zur Armee, machte es aus Gewissensnot wieder gut und sitzt nun im Gefängnis. Kein glücklicher Mann also. Danach treffen sie den Gutsherrn Gawrila Afanassjewitsch Obolt-Obolduew, sechzig Jahre alt und wohlgenährt. Erst zückt er eine Pistole, weil er Räuber fürchtet, dann lacht er über die Frage der Bauern und erzählt von seinem alten Geschlecht, von Reichtum, Festen und Jagden. Seit der Bauernbefreiung ist all das dahin. Arbeiten kann er nicht, denn er lebte stets von der Arbeit anderer. Auch er ist nicht der Gesuchte.
In einem weiteren Teil, „Der Letzte“, kommen die Wanderer zur Zeit der Heuernte an die Wolga. Dort helfen die Bauern des Dorfes Wachlatschina den Erben, dem greisen, umnachteten Gutsherrn Utjatin – dem letzten Leibeigenenbesitzer – die Aufhebung der Leibeigenschaft zu verheimlichen. Zum Dank versprechen ihnen die Erben die Auenwiesen. Doch nach dem lang ersehnten Tod des Alten vergessen die Erben ihr Versprechen, und das ganze bäuerliche Schauspiel war umsonst.
Im Teil „Die Bäuerin“ suchen die Männer das Glück bei den Frauen. Man schickt sie nach Klin zu Matrjona Timofejewna, die als „Gouverneursfrau“ gilt und als klügste und tüchtigste Frau weit und breit. Sie erzählt ihnen ihr Leben: ihre Jugend vor der Ehe, ihre Lieder, den heiligrussischen Recken Sawelij, ihr Kind Djomuschka, harte und bittere Jahre. Am Ende nimmt sie den Bauern die letzte Hoffnung: Weder sie selbst sei glücklich, noch gebe es für die Frauen in Russland überhaupt ein Glück.
Der Teil „Ein Fest für die ganze Welt“ schließt an „Der Letzte“ an und schildert das Gelage, das die Bauern nach dem Tod des alten Utjatin feiern. Das Werk blieb unvollendet. Nekrassow hatte noch mehrere weitere Teile geplant, doch seine Krankheit machte diese Pläne zunichte. Im Gefühl des nahen Todes versuchte er, dem letzten Teil einen gewissen Abschluss zu geben. Der eine, wahrhaft glückliche Mensch aber wird auf der langen Wanderung nicht mehr eindeutig gefunden.
Stil↑
Geschrieben ist das Werk in Versen, in einem volkstümlichen Ton, der sich eng an die Sprache der Bauern anlehnt. Nekrassow durchsetzt den Text mit Sprichwörtern, Redensarten und Liedern und öffnet ihn mit märchenhaften Zügen: dem Wundertischtuch und dem sprechenden Vogel. Locker und episodisch reiht sich Teil an Teil, Kapitel an Kapitel, und immer wieder treten einzelne Figuren mit ihrer eigenen Lebensgeschichte hervor – der Pope, Jakim Nagoi, der Gutsherr, die Bäuerin Matrjona. Vielsagende Orts- und Personennamen verstärken den satirischen Grundton. Zugleich ist das Werk fest in der Wirklichkeit der Gegenden um Jaroslawl und Kostroma verwurzelt; aus dieser genauen Beobachtung des Landlebens fügt Nekrassow das weite Bild eines ganzen Landes zusammen.
Rezeption↑
Schon die Veröffentlichung zog sich hin. Der Prolog erschien 1866 in der Zeitschrift „Der Zeitgenosse“, doch der Druck erstreckte sich über vier Jahre und war, wie so oft bei Nekrassow, von der Zensur begleitet. Einzelne Teile kamen in der Zeitschrift „Vaterländische Annalen“ heraus. In den 1870er Jahren nahm der Dichter die Arbeit wieder auf und fügte weitere Teile hinzu, ließ das Werk aber bei seinem Tod unvollendet und bemühte sich nur noch, dem letzten Teil eine gewisse Abrundung zu geben.
Das Werk wuchs aus zahllosen Beobachtungen, die Nekrassow in Greschnewo und Karabicha gemacht hatte. Bis heute wirkt es in dieser Landschaft nach. Das Handelsdorf Wjatskoje, das dem Dorf Kusminskoje als Vorbild diente, ist heute ein Freilichtmuseum, in dem eigene Nekrassow-Tage begangen werden; 2018 wurde dort ein Denkmal für den Dichter aufgestellt.
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