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Werkseintrag · Wer die Nachtigall stört
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Wer die Nachtigall stört
1960
– Werkseintrag –

Wer die Nachtigall stört

1960 · Roman

Ein Mädchen erinnert sich an die Jahre, in denen ihr Vater als Anwalt in einer Kleinstadt Alabamas einen schwarzen Farmarbeiter verteidigte – und die Vorurteile der ganzen Stadt gegen sich aufbrachte.

Überblick↑

Der Roman Wer die Nachtigall stört von Harper Lee erschien 1960 unter dem Originaltitel To Kill a Mockingbird. Er wird der literarischen Strömung der Southern Gothic zugerechnet und erzählt von Kindheit, Erwachsenwerden und vom Rassismus in den Südstaaten der USA. 1961 erhielt das Buch den Pulitzer-Preis. Weltweit wurde es über 40 Millionen Mal verkauft, und es zählt zu den modernen Klassikern der amerikanischen Literatur. Die erste deutsche Übersetzung von Claire Malignon erschien 1962, eine Überarbeitung von Nikolaus Stingl kam 2015 heraus.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Schauplatz ist die erfundene Kleinstadt Maycomb im Bundesstaat Alabama, die Zeit sind die Jahre 1933 bis 1935 mitten in der großen Wirtschaftskrise. Erzählt wird die Kindheit des aufgeweckten Mädchens Jean Louise, genannt „Scout“. Zusammengehalten wird ihre Welt und die ihres älteren Bruders Jem von ihrem alleinerziehenden Vater, dem Abgeordneten und Anwalt Atticus Finch. Er ist für die Kinder Freund, Vertrauter, Lehrer und Autorität zugleich.

In den Sommerferien kommt Dill dazu, der Neffe der Nachbarin, der sonst in der Großstadt lebt. Die Fantasie der drei kreist um den geheimnisvollen Nachbarn Arthur „Boo“ Radley, über den allerhand gruselige Geschichten umlaufen. Gesehen haben die Kinder ihn nie, denn er verlässt sein Haus nicht. Doch er hinterlässt ihnen kleine Geschenke in einem Baum der Nachbarschaft.

In diese Kindheitsidylle dringt langsam die intolerante Welt des Rassismus ein, die in den Südstaaten überall zu spüren ist. Der Richter beruft Atticus zum Pflichtverteidiger des schwarzen Farmarbeiters Tom Robinson. Diesem wird vorgeworfen, die junge weiße Frau Mayella vergewaltigt zu haben. Atticus nimmt den Fall an, weil er sonst nie wieder seinen Kindern in die Augen blicken könnte. Bald wird er dafür von vielen Bewohnern Maycombs angefeindet, und auch die Kinder bekommen die Ablehnung auf dem Schulhof zu spüren. Inmitten von Vorurteilen und Widersprüchen versucht der Vater, seinen Kindern mit Rat und Vorbild beizustehen.

Die Handlung im Detail↑

Scout wächst mit ihrem Bruder Jem in Maycomb auf, einer kleinen Stadt in Alabama. Ihr Vater Atticus Finch, Anwalt und Abgeordneter, erzieht die beiden allein. In den Sommerferien gesellt sich Dill zu ihnen, der Neffe der Nachbarin. Die drei umkreisen das Haus des menschenscheuen Arthur „Boo“ Radley, den niemand zu Gesicht bekommt. Trotz aller Bemühungen sehen sie ihn nicht, doch er legt ihnen kleine Geschenke in einen Baum.

Richter Taylor bestellt Atticus zum Pflichtverteidiger von Tom Robinson, einem schwarzen Farmarbeiter, der die weiße Mayella Ewell vergewaltigt haben soll. Der Richter weiß, dass Atticus ein hervorragender Anwalt ist. Atticus übernimmt den Fall und wird bald als „Negerfreund“ beschimpft. Seinen Kindern gibt er einen Satz mit auf den Weg: „Mut heißt: von vornherein wissen, dass man geschlagen ist, und trotzdem den Kampf – ganz gleich, um was es geht – aufzunehmen und ihn durchzustehen. Man gewinnt selten, aber zuweilen gelingt es.“ Als eine Gruppe Männer Tom im Gefängnis lynchen will, stellt sich Atticus ihnen in den Weg und bringt sich selbst in Gefahr. Da tauchen Scout, Jem und Dill auf. Scout spricht einen der Männer unbekümmert an, und das beschämt die Gruppe so sehr, dass sie in der Nacht verschwindet.

Die Verhandlung wird wie ein Volksfest aufgezogen, der Gerichtssaal ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Kinder kommen gegen den ausdrücklichen Wunsch ihres Vaters und setzen sich zum schwarzen Reverend Sykes auf die Galerie, weil unten kein Platz mehr frei ist. Atticus legt dar, dass Mayella und ihr Vater, der stadtbekannte Trinker Bob Ewell, die Geschworenen belügen. Anhand mehrerer Indizien zeichnet er einen anderen Hergang: Mayella habe Tom Avancen gemacht und ihn ins Haus gelockt. Der verheiratete Tom habe abgelehnt, sie habe ihn dennoch geküsst. In diesem Augenblick sei der heimkehrende Vater dazugekommen, Mayella habe zu schreien begonnen, Tom sei geflohen. Ewell habe seine Tochter im Zorn verprügelt, und die Verletzungen hätten die beiden dem Sheriff gegenüber als Spuren einer Vergewaltigung ausgegeben. Eine ärztliche Untersuchung fand nie statt, medizinische Beweise und unabhängige Zeugen gibt es nicht, und Mayella verwickelt sich in Widersprüche. An die Geschworenen appelliert Atticus: „Wir wissen, dass die Menschen nicht in dem Sinne gleich erschaffen sind, wie es uns einige Leute einreden möchten. […] Dennoch gibt es ein Gebiet in diesem Land, auf dem die Gleichheit aller Menschen unbestreitbar ist. […] Diese Institution ist das Gericht."

Das Plädoyer müsste einen Freispruch nach sich ziehen. Doch die weiße Jury beugt sich nach langer Beratung dem ungeschriebenen Gesetz, dass die Aussage eines Schwarzen weniger wert sei als die einer Weißen, und spricht Tom schuldig. Vor allem Jem zerbricht daran sein Weltbild. Immerhin: Sonst fällt die Jury solche Urteile in wenigen Minuten, bei Tom dauert es mehrere Stunden.

Atticus rechnet sich in einer Berufung vor einem höheren Gericht gute Chancen aus, doch Tom selbst hat keine Hoffnung mehr. Er versucht, auf dem Transport ins Gefängnis zu fliehen, und wird dabei von einem Hilfssheriff erschossen. Der ohnehin schlechte Ruf der Ewells sinkt nach dem Prozess noch weiter, denn Atticus hat sie vor Gericht als Lügner entlarvt. Bob Ewell sinnt auf Rache. Er spuckt Atticus ins Gesicht und bricht mutmaßlich in das Haus von Richter Taylor ein. Schließlich greift er Jem und Scout mit einem Messer an, als die beiden im Dunkeln von einem Halloween-Fest ihrer Schule nach Hause gehen. Jems Ellenbogen bricht. Da erscheint ein fremder Mann, rettet die Kinder und trägt den verletzten Jem zu Atticus. Der Fremde ist, wie sich herausstellt, Boo Radley. Bob Ewell wird im Gerangel offenbar erstochen.

Damit der menschenscheue Boo nicht der Neugier der ganzen Kleinstadt ausgesetzt wird, hält der Polizeibericht fest, Ewell sei in sein eigenes Messer gestürzt. Atticus besteht zunächst auf einer öffentlichen Untersuchung, lässt sich dann aber vom Sheriff überzeugen, es habe sich um Notwehr gehandelt. Scout kommentiert das Verschweigen mit der Bemerkung, Boo dürfe genau wie eine Nachtigall nicht gestört werden. Damit greift sie auf, was Atticus seinen Kindern eingeschärft hat: Auf die Nachtigall – im Original eine Spottdrossel – dürfe man nicht schießen, weil „sie nur schön singt und niemandem etwas zuleide tut“. Am Ende begleitet Scout ihren Nachbarn Boo zurück in sein Haus, während Atticus am Krankenbett seines Sohnes wacht. Auf Jems Verletzung wird schon im ersten Satz des Romans hingewiesen; sie heilt im Wesentlichen aus.

Stil↑

Das Buch ist in zwei Teile und 31 Kapitel gegliedert, die keine Überschriften tragen. Der zweite Teil beginnt mit Kapitel zwölf und schildert vor allem den Gerichtsprozess.

Scout erzählt im Rückblick von einer etwa zweijährigen Phase ihrer Kindheit, die ihre Entwicklung prägt. Dabei entsteht ein Bild ihrer Familie, ihrer Nachbarschaft und der Gesellschaft im Maycomb County der 1930er Jahre. Harper Lee verbindet zwei Stimmen: die eines etwa achtjährigen, klugen Mädchens, das neugierig und kritisch beobachtet, und die Reflexion einer erwachsenen Frau über ihr Aufwachsen im Süden. Diese gemischte Ich-Erzählung wurde in Rezensionen unterschiedlich beurteilt. Die einen fanden sie uneinheitlich und einer naiven Kinderperspektive nicht entsprechend. Die anderen erklärten sie als bewusste Mehrdeutigkeit, weil sich der Rückblick der Erwachsenen in eine Kindersicht einarbeitet, die von gesellschaftlichen Normen noch nicht beherrscht wird.

Vielen Lesern gilt Lees Gabe des Geschichtenerzählens als bemerkenswert. Ihre Kunst sei visuell, eine Szene gehe mit filmischer Leichtigkeit und Feinheit in die nächste über. Als stärkstes Stilmittel heben Rezensenten ihr ungekünsteltes Erzähltalent hervor, das die Time als „taktile Brillanz“ bezeichnete. Die Geschichte rückt Traditionen ins Blickfeld, die von den Erwachsenen nicht hinterfragt werden. Einzelne Szenen wirken dabei wie Gesellschaftssatiren, etwa Mrs. Grace Merriweathers Missionsberichte über die heidnischen Mrunas, ihr Halloween-Theater oder Tante Alexandras Lady-Zirkel. Tavernier-Courbin untersuchte, wie Humor, Ironie und Parodie mit der tragischen Geschichte um Robinson und Ewell verbunden sind: Lee mache sich über die Bildung, das Justizsystem und ihre eigene Gesellschaft lustig und mache sie zu Objekten ihrer humorvollen Missbilligung.

Rezeption↑

Bereits 1961 wurde der Roman mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Die deutsche Übersetzung von Claire Malignon erschien 1962 im Rowohlt Verlag. Sie stand in den Jahren 1962 und 1963 neun Wochen lang auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Nikolaus Stingl überarbeitete sie 2015 für eine Neuausgabe, die weiterhin den Umschlagentwurf der Erstausgabe von Werner Rebhuhn trägt. Inzwischen liegt das Buch in über 40 Sprachen vor und hat weltweit eine Auflage von über 40 Millionen Exemplaren erreicht.

In Bücherlisten steht der Roman regelmäßig weit vorn. Das Library Journal wählte ihn 1999 zum besten Roman des 20. Jahrhunderts. Auf der Leserliste der Modern Library mit den 100 besten englischsprachigen Romanen seit 1900 steht er auf Platz fünf, beim Radcliffe Publishing Course auf Platz vier. In der BBC-Sendung „Big Read“ belegte er 2003 den sechsten Platz aller Zeiten. 2008 kürte ihn Play.com zum besten Roman aller Zeiten, 2021 die New York Times zum besten Buch der vergangenen 125 Jahre. 2016 gehörte die englische Fassung laut Publishers Weekly zu den zehn meistverkauften Büchern in den USA. 2023 wurde das Buch in die Zeit-Bibliothek der Weltliteratur „100 Bücher, 100 Gefährten“ aufgenommen.

In den USA fällt die Aufnahme gespalten aus. Dem Tagesspiegel zufolge wird das Buch dort „von konservativen wie progressiven Kreisen bis heute verdammt“. Die einen stören sich am negativen Bild der amerikanischen Gesellschaft, die anderen an der „politisch unkorrekten“ Sprache, etwa am Wort „Nigger“. Von 1990 bis 1999 gehörte der Roman regelmäßig zu den zehn Büchern, die am häufigsten aus dem Unterricht öffentlicher Schulen verbannt wurden. Anfang 2022 strich der Mukilteo School District das Buch von der Leseliste. Die Stadt Chicago dagegen machte den Roman 2001 zum Thema ihrer Kampagne „Eine Stadt liest ein Buch“. Sie kaufte für 40.000 Dollar zusätzliche Exemplare und verlieh diese mehrere Wochen lang gratis in ihren 78 öffentlichen Büchereien.

Karl-Heinz Wirzberger sah in Lees Aussagen den „Standpunkt eines humanistischen, aufgeklärten Bürgertums“. Der Roman werde Bestand haben und ernst genommen werden, weil er „dem Fortschritt, der Humanität“ diene. Dass die Handlung in die 1930er Jahre verlegt wurde, führte er auf „Schwierigkeiten beim Sagen der Wahrheit“ vor dem Hintergrund der Rassenkonflikte in den USA der 1950er und 1960er Jahre zurück. Wegen des fortschrittlichen Charakters der Geschichte und der Erzählweise aus Kindersicht verglich er den Roman mit Die Abenteuer des Huckleberry Finn. 1962 verfilmte Robert Mulligan den Stoff.

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