1926 – 2016
Harper Lee
Kurzbiografie↑
Als amerikanische Schriftstellerin wurde Harper Lee mit einem einzigen Roman weltberühmt. Ihr 1960 erschienenes Buch Wer die Nachtigall stört (Originaltitel: To Kill a Mockingbird) verkaufte sich über 40 Millionen Mal und brachte ihr 1961 den Pulitzer-Preis ein. Geboren 1926 im Süden der Vereinigten Staaten, in Monroeville im Bundesstaat Alabama, kehrte sie nach Jahren in New York immer wieder in ihre Heimatstadt zurück, wo sie 2016 auch starb. Nach dem Welterfolg ihres Debüts veröffentlichte sie zu Lebzeiten keinen weiteren Roman und zog sich früh aus der Öffentlichkeit zurück. Erst 2015, ein Jahr vor ihrem Tod, erschien mit Go Set a Watchman eine frühe Fassung ihres berühmten Buches als eigenständiges Werk.
Biografie↑
Geboren wurde Nelle Harper Lee am 28. April 1926 in Monroeville, Alabama, als jüngstes von vier Kindern. Ihr Vater Amasa Coleman Lee war Rechtsanwalt und für die Demokratische Partei Senator von Alabama; die Mutter hieß Frances Cunningham Lee, geborene Finch. Eine Abstammung des Vaters vom Südstaaten-General Robert Edward Lee gilt in der Literatur als unwahrscheinlich. Ihr Vorname Nelle ist der rückwärts geschriebene Vorname ihrer Großmutter mütterlicherseits, Ellen Williams Finch. Vater und Bruder gelten als Vorbilder für die Figuren Atticus und Jem Finch in ihrem Roman.
Schon als Kind lernte sie den etwa anderthalb Jahre älteren Truman Capote kennen, mit dem sie zwischen 1930 und 1932 die Sommerferien in Monroeville verbrachte. Den Highschool-Abschluss machte sie an der Monroe County High School. Dem Schreiben war sie früh zugeneigt, auch weil ihr Vater neben seiner Kanzlei die Lokalzeitung Monroe Journal herausgab. Dennoch entschied sie sich zunächst für ein Studium der Rechtswissenschaften, dem Vorbild ihres Vaters und ihrer älteren Schwester Alice folgend. Ab 1944 besuchte sie das Huntingdon College in Montgomery, wechselte aber schon 1945 an die University of Alabama in Tuscaloosa. Dort galt sie als Einzelgängerin, konnte jedoch erste kurze Texte veröffentlichen und wurde Chefredakteurin der Studentenzeitung Rammer Jammer.
Im Jahr 1948 erhielt sie ein Stipendium für einen Sommerkurs in Oxford. Die Wochen dort empfand sie rückblickend als „beglückenden Oxforder Sommer“ und als „das erste offene Bekenntnis zur Literatur“. Danach wandte sie sich mehr und mehr von der Rechtswissenschaft ab, an der sie ohnehin weniger die Fachfragen als das menschliche Drama interessiert hatten. Ende 1948 entschied sie sich, das Studium aufzugeben, und setzte diesen Entschluss im Sommer 1949 um. Als weiterer Grund gilt der Erfolg von Truman Capotes 1948 erschienenem Debütroman Andere Stimmen, andere Räume. Lee zog nach New York City, arbeitete zunächst in einer Buchhandlung und später am Schalter der Fluggesellschaften Eastern Air Lines und BOAC.
Über Capote lernte sie das Ehepaar Michael und Joy Brown kennen. Um Lees literarische Pläne zu fördern, finanzierten die Browns ihr für das Jahr 1957 den Lebensunterhalt. Bereits im Mai 1957 reichte sie beim Verleger J. B. Lippincott ein Manuskript ein: lose verbundene Geschichten über das Leben in den Südstaaten der 1930er Jahre, zusammengehalten durch die Figur Atticus. Der Verleger und die Lektorin Tay Hohoff hielten den Text noch nicht für veröffentlichungsreif; Lippincott schlug ihr auch den Künstlernamen Harper vor. Über drei Jahre überarbeitete Lee den Entwurf unter Hohoffs Anleitung von Grund auf und verknüpfte die Einzelgeschichten zu einem Ganzen. Als starkes Hauptthema diente ihr ein Gerichtsfall aus dem Jahr 1933.
Unter dem neuen Titel To Kill a Mockingbird erschien der Roman 1960 und erhielt im Jahr darauf den Pulitzer-Preis. Auch die deutsche Übersetzung Wer die Nachtigall stört war sehr erfolgreich und erreichte 1962 und 1963 Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Schon 1962 verfilmte Robert Mulligan den Stoff mit Gregory Peck als Atticus Finch; Peck erhielt dafür einen Oscar, der Film insgesamt drei. Der anhaltende Erfolg brachte Lee finanzielle Unabhängigkeit, aber auch ungewollte Aufmerksamkeit. Truman Capote deutete gelegentlich an, Teile des Romans stammten von ihm; Alexandra Lavizzari hält die Indizien für eine solche Mitarbeit für eher schwach und meint, das Gerücht lasse sich weder bestätigen noch widerlegen.
Von Ende 1959 bis Mitte der 1960er Jahre half Lee Capote bei den Recherchen für dessen Roman Kaltblütig (Originaltitel: In Cold Blood), der ihr unter anderem gewidmet ist. Danach kam es offenbar zu einer Entfremdung zwischen den beiden. In den Jahren 1961 und 1965 veröffentlichte Lee einige Zeitschriftenbeiträge, darunter Love – In Other Words, Christmas To Me und When Children Discover America; 1983 präsentierte sie den Essay Romance and High Adventure. 1966 wurde sie von Präsident Lyndon B. Johnson in das National Council of Arts aufgenommen. Weitere Romane erschienen nicht. Laut ihrer Schwester soll sie gesagt haben, es könne nach dem Welterfolg für sie nur noch „nach unten“ gehen. Ende der 1970er Jahre arbeitete sie einige Jahre an einem Roman mit dem Titel The Reverend über einen realen Mordfall; das Werk blieb unvollendet und das Manuskript gilt bis auf wenige Seiten als verschollen.
Öffentliches Leben mied Lee: Bereits 1964 gab sie ihr letztes Interview, da sie sich von der Presse oft falsch zitiert fühlte. Ihre ältere Schwester Alice Finch Lee, die bis ins hohe Alter als Anwältin praktizierte, galt fortan als ihr Sprachrohr. Lee heiratete nie und hatte keine Kinder; über Jahrzehnte lebte sie abwechselnd in einem kleinen Appartement an der New Yorker Upper East Side und bei ihrer Schwester in Monroeville. 2007 erhielt sie die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten; wenige Wochen später erlitt sie einen Schlaganfall, der sie teilweise lähmte. Danach lebte sie in einer Einrichtung für Betreutes Wohnen in Monroeville.
Im Februar 2015 kündigte ihr Verlag die Veröffentlichung eines zweiten Romans an: Go Set a Watchman, die 1957 eingereichte frühe Fassung ihres Welterfolgs, deren Handlung jedoch zwanzig Jahre später spielt. Das Buch erschien im Juli 2015. Die Umstände seiner Veröffentlichung galten als umstritten, da bezweifelt wurde, ob die gesundheitlich eingeschränkte Lee der Entscheidung aus freiem Willen zugestimmt hatte. Eine Untersuchung des Staates Alabama wegen möglichen Missbrauchs wurde nach kurzer Zeit eingestellt. Am 19. Februar 2016 starb Harper Lee im Alter von 89 Jahren im Schlaf. Sie wurde auf dem Hillcrest Cemetery in Monroeville beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Ihren Weltruhm gründete Harper Lee auf einen einzigen Roman, der aus zunächst lose verbundenen Kurzgeschichten über die Südstaaten der 1930er Jahre entstand. Erst auf Anraten ihrer Lektorin Tay Hohoff fügte sie diese Erzählungen zu einem Ganzen zusammen und stellte ein starkes Hauptthema in den Mittelpunkt. Erzählt wird aus der Sicht des Mädchens Scout, das als Alter Ego der Autorin gilt. Vieles im Roman ist der eigenen Herkunft nachgebildet: Vater und Bruder dienten als Vorbilder für die Figuren Atticus und Jem Finch, der Feriengast Dill trägt Züge Truman Capotes. Anders als in ihrem Debüt zeigt die frühe Fassung Go Set a Watchman die Figur des Atticus Finch mit einer düsteren, paternalistischen und rassistischen Seite.
Rezeption↑
Weltbekannt wurde Harper Lee mit Wer die Nachtigall stört, das sich über 40 Millionen Mal verkaufte und 1961 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Im deutschsprachigen Raum stand die Übersetzung 1962 und 1963 an der Spitze der Spiegel-Bestsellerliste. Die Verfilmung von 1962 mit Gregory Peck festigte den Ruhm des Stoffes. Der Erfolg ließ über Jahrzehnte nicht nach: Bei Leserabstimmungen von PBS und der New York Times wurde der Roman 2018 und 2021 zum beliebtesten Roman gewählt. Die Figur des Atticus Finch gilt als einer der bekanntesten Helden der amerikanischen Literatur und des amerikanischen Films.
Die 2015 nachgereichte Frühfassung Go Set a Watchman erschien mit einer Startauflage von zwei Millionen Exemplaren und stand in Deutschland an der Spitze der Spiegel-Bestsellerliste. Als eigenständiger Roman erhielt sie allerdings nur gemischte Kritiken; viele Rezensenten betonten den Entwurfscharakter, fanden das Buch im Vergleich zum später geschriebenen Welterfolg aber aufschlussreich. Lees Person und ihr Rückzug aus der Öffentlichkeit blieben Gegenstand des Interesses: Sie wurde 2007 in die American Academy of Arts and Letters gewählt und mehrfach in Büchern behandelt, unter anderem von Charles J. Shields und Alexandra Lavizzari. Im Film wurde sie mehrfach dargestellt, etwa von Catherine Keener 2005 in Capote und von Sandra Bullock 2006 in Kaltes Blut.
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