1882 – 1968
Wilhelm Lehmann
Kurzbiografie↑
Als deutscher Lehrer und Schriftsteller gehört Wilhelm Lehmann zu den Erneuerern der deutschen Naturlyrik im 20. Jahrhundert. Geboren 1882 im venezolanischen Puerto Cabello, wuchs er bei Hamburg auf und verbrachte den Großteil seines Lebens als Lehrer in Schleswig-Holstein. Seine genau beobachtete, naturmagische Dichtung fand zunächst wenig Leser, wirkte aber schulbildend auf jüngere Lyriker wie Günter Eich, Elisabeth Langgässer und Karl Krolow. Neben Gedichtbänden schrieb er autobiografisch geprägte Romane, darunter Der Überläufer, der erst 1962 erscheinen konnte. Lehmann starb 1968 in Eckernförde.
Biografie↑
Geboren wurde Wilhelm Heinrich Lehmann am 4. Mai 1882 in Puerto Cabello in Venezuela. Sein Vater Friedrich war ein aus Lübeck stammender Kaufmann, der in Venezuela, Hamburg und Mexiko tätig war; die Mutter Agathe war die Tochter eines Hamburger Wundarztes. Laut der Neuen Deutschen Biographie kehrte Lehmann 1885 mit seiner Mutter nach Deutschland zurück. Er wuchs im damals noch ländlichen Wandsbek bei Hamburg auf und geriet früh in den Bann der Pflanzen- und Tierwelt, die ihn zeitlebens faszinieren sollte.
Lehmann studierte in Tübingen, Straßburg und Berlin sowie in Kiel. Seine Fächer waren englische Philologie, Philosophie und Botanik, nach anderer Angabe auch Naturkunde und Sprachen. In Berlin lernte er 1901 Moritz Heimann kennen, den Lektor des S. Fischer Verlags, der ihm ein väterlicher Freund wurde und ihn förderte. Dort schloss er auch die lebenslange Freundschaft mit Oskar Loerke. In Kiel wurde Lehmann 1905 mit einer sprachwissenschaftlichen Arbeit über das Präfix „uz-“ im Altenglischen promoviert; 1908 legte er das Staatsexamen für das höhere Lehramt ab.
Es folgte ein langes Lehrerleben. Lehmann unterrichtete in Kiel und Neumünster sowie an der reformpädagogischen Freien Schulgemeinde Wickersdorf, wo er von 1912 bis 1917 bei Martin Luserke wirkte und sich mit dem Pädagogen Gustav Wyneken auseinandersetzte. Nach dem Krieg war er einige Jahre Lehrer im Landschulheim am Solling bei Holzminden. Von 1923 bis 1947 unterrichtete er schließlich an der Jungmannschule in Eckernförde Deutsch und Englisch.
Während des Ersten Weltkriegs wurde Lehmann 1917 zur Infanterie eingezogen. Nach qualvollem Dienst an der Westfront desertierte er im September 1918 in englische Kriegsgefangenschaft, die bis Oktober 1919 dauerte. Aus diesen Erfahrungen entstand von 1925 bis 1927 der Roman Der Überläufer. Wegen der brisanten Thematik der Desertion konnte er erst 1962 innerhalb der ersten Lehmann-Werkausgabe erscheinen. Ausgedehnte Reisen führten Lehmann unter anderem nach England, Irland, Italien, Dänemark und Dalmatien. 1923 erkannte Alfred Döblin ihm und Robert Musil den Kleist-Preis zu.
Zum 1. Mai 1933, bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, trat Lehmann in die NSDAP ein. Er tat dies nach eigener Darstellung aus Sorge um seinen Beruf und seinen Beamtenstatus und „gegen seine innersten Überzeugungen“, ohne je Sympathien für das Regime zu zeigen oder sich für es zu engagieren. Mit dem deutsch-jüdischen Lyriker und Essayisten Werner Kraft verband ihn eine lange Korrespondenz von 1931 bis 1968. Als Kraft, in der Diktion der Nationalsozialisten „nichtarischer Beamter“, vor den Trümmern seiner Existenz stand, schrieb ihm Lehmann am 3. Mai 1933: „Lieber Herr Kraft, ich grüsse Sie aus der Tiefe der Empfindungen und wünsche Ihnen & mir die Fähigkeit, sich aus der Bitterkeit der Bitternisse emporzusaugen.“ Nachdem Kraft sich ins Exil nach Schweden gerettet hatte, schrieb ihm Lehmann von einem England-Aufenthalt: „Ein schwerer Ton klingt durch Ihren Brief – ich bin noch exilierter als Sie.“ Stephan Hermlin bezeichnete Lehmann später als „nominelles Mitglied der NSDAP“, Joachim W. Storck als „wahrhaftig kein ‚Nazi'“. Durch seine Verbindung mit dem Nationalbolschewisten Ernst Niekisch, in dessen Widerstandsverlag 1935 der Gedichtband Antwort des Schweigens erschien, wurde er dem Regime dennoch missliebig. Wegen der Parteimitgliedschaft wurde 1945 zunächst ein Publikationsverbot über ihn verhängt, das spätestens 1946 keine Gültigkeit mehr hatte.
Nach 1945 war Lehmann gewähltes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz sowie des P.E.N.-Clubs. Er starb am 17. November 1968 in Eckernförde. Sein Grab liegt auf dem Friedhof der Kapelle Westerthal.
Literarische Merkmale↑
Charakteristisch für Lehmanns erzählerisches Werk ist sein deutlich autobiografischer Zug. Szenerie und Personen entstammen seiner eigenen Erfahrung. Zu den wichtigen Prosawerken gehören neben Der Überläufer vor allem Weingott und Der Provinzlärm, der 1930 entstand und 1953 unter dem Titel Ruhm des Daseins erstmals erschien. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die im äußeren Lebenskampf zwar scheitern, deren Naturverbundenheit aber eine Ruhe ausstrahlt, die auch ihre Umgebung erfasst. Der Tonfall der Prosa ist trotz lyrischer Überhöhung frei von Pathos.
Lehmanns frühe Prosa war laut der Neuen Deutschen Biographie von einer Fülle botanischer Details überwuchert, anfangs vom literarischen Jugendstil beeinflusst und tendierte dann mit den kühnen Bildern ihrer Naturschilderung zum Expressionismus. Allen seinen Prosawerken gemeinsam ist die Suche des Helden nach einer mythischen Einheit von Mensch und Natur.
Seine linguistischen, biologischen und philosophischen Studien prägten auch seine Poetik und Lyrik, die deutliche naturmagische Züge trägt. In seinen Gedichten beschwört Lehmann durch genau beobachtete Naturbilder die zeitlose Allgegenwart eines ursprünglichen Naturzustandes herauf. Sein eigenes Verständnis fasste er so zusammen: „Respekt vor der Schöpfung, vor dem Daseienden, Genauigkeit des Sehens, die Empfindung, dass alles nur einmal vorhanden ist und nur in verwandelter Gestalt immer herrscht: das wäre gewissermaßen die Inhaltsangabe meiner Gedichte." Und über die Wirkung des Gedichts schrieb er: „Das gelungene Gedicht versetzt Menschen wie Dinge aus einem ungenauen in einen genauen Zustand. Es betrügt ihn und sie gerade nicht um das Dasein, sondern verleiht es ihnen.“
Rezeption↑
Zu Lebzeiten fand Lehmann lange nur schwer eine breite Leserschaft. Seine in den 1920er Jahren geschriebenen Werke wie Weingott und Der Überläufer galten als so unzeitgemäß, dass sie trotz großen Lobes von Kritikern und Dichtern wie Moritz Heimann, Alfred Döblin und Oskar Loerke keine größere Leserschaft fanden. Bald hatte Lehmann Schwierigkeiten, überhaupt einen Verlag zu finden. Auch der 1942 erschienene Gedichtband Der grüne Gott fand kaum Echo.
Dennoch wirkte Lehmanns Werk schulbildend. Bereits sein Gedichtband Antwort des Schweigens von 1935 wirkte, von der offiziellen Kritik zunächst kaum wahrgenommen, stark auf die jüngeren Lyriker. Unter seinem Einfluss schrieben unter anderem Elisabeth Langgässer, Günter Eich und Karl Krolow. Spätere Autoren wie Harald Hartung, Wulf Kirsten, Heinrich Detering und Lutz Seiler erinnerten an ihn. Hermann Hesse schätzte Lehmanns lyrische Begabung und schrieb, Lehmann werde „manchen heute Berühmteren überdauern“.
Lehmanns Nachwirken zeigt sich auch in späteren Veröffentlichungen. Sein Briefwechsel mit Werner Kraft erschien 2008 in zwei Bänden, der Briefwechsel mit Karl Schwedhelm 2007 als Buch. Der Roman Der Überläufer inspirierte Ulrike Almut Sandig zu ihrem Gedichtzyklus Feuer Erde Wasser Sprung. Vier Variationen für Bruce und deine Stimme auf Wilhelm Lehmanns Überläufer.
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