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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Hans Lebert
1919 – 1993
– Autorenporträt –

Hans Lebert

1919 – 1993 · 74 Jahre

Österreichischer Schriftsteller, der zunächst als Opernsänger auf Heldenpartien in Opern Richard Wagners spezialisiert war. Sein 1960 erschienener Roman „Die Wolfshaut“ gilt als Gründungstext der literarischen Vergangenheitsbewältigung in Österreich.

Kurzbiografie↑

Hans Lebert wurde 1919 in Wien geboren und starb 1993 in Baden bei Wien. Er begann seine Laufbahn als Opernsänger und spezialisierte sich auf Heldenpartien in Werken Richard Wagners. Nach dem Ende der Sängerkarriere wandte er sich ganz dem Schreiben zu. Sein Roman Die Wolfshaut erschien 1960 und gilt laut der Deutschen Biographie als Gründungstext der literarischen Vergangenheitsbewältigung in der Zweiten Republik Österreich. Dort gilt Lebert mit seiner anti-idyllischen Erzählweise auch als Wegbereiter der kritischen Anti-Heimatliteratur. Nach dem Misserfolg seines zweiten Romans zog er sich rund zwanzig Jahre lang aus dem literarischen Leben zurück; erst eine Neuauflage der Wolfshaut brachte ihm 1991 erneut Anerkennung.


Biografie↑

Geboren wurde Hans Lebert am 9. Jänner 1919 in Wien, getauft auf den Namen Johann Arthur Franz Lebert. Er entstammte einer großbürgerlichen Fabrikantenfamilie aus Hietzing. Seine Eltern Anna Maria, geborene Nahowski, und Arthur Anton Lebert waren seit 1910 verheiratet; das Taufbuch von Maria Hietzing nennt den Vater als Kaufmann. Die Verwandtschaft der Mutter hatte prominente Mitglieder: Die Großmutter Anna Nahowski war eine Geliebte Kaiser Franz Josephs I. gewesen. Leberts Tante war Helene Berg, die Ehefrau des Komponisten Alban Berg.

Von 1925 bis 1929 besuchte Lebert die Volksschule in Hietzing. Nach dem Tod des Vaters 1929 unterstützten Helene und Alban Berg Mutter und Sohn finanziell. Das Bundesgymnasium in der Fichtnergasse besuchte er von 1929 bis 1931, ohne Abschluss. Schon früh schrieb er Gedichte und ließ sich dabei von der expressionistischen Lyrik Franz Werfels anregen. 1934/1935 hospitierte er in der Aktklasse von Albert Paris Gütersloh an der Wiener Kunstgewerbeschule. Aus wirtschaftlichen Gründen entschied er sich 1936 für die Sängerlaufbahn und nahm am Neuen Wiener Konservatorium Gesangsunterricht. Den Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 erlebte er in Wien; er nannte dieses Ereignis später sein „Lebenstrauma“.

Im Sommer 1938 führte ihn ein erstes Engagement als Chorsänger an die Städtischen Bühnen in Kiel. In den folgenden Jahren trat er als Wagner-Sänger an Provinzbühnen auf, unter anderem in Gablonz an der Neiße, in Elbing und in Olmütz. 1941 verweigerte er die Annahme eines Einberufungsbescheids und wurde unter dem Verdacht der Wehrkraftzersetzung inhaftiert. Beim Prozess täuschte er eine Geisteskrankheit vor. So entging er der Verurteilung und verbrachte einige Monate in einer privaten Heilanstalt in Görlitz. Im Sommer 1942 kehrte er am Stadt- und Grenzlandtheater Elbing auf die Bühne zurück. Als ihm im Juli 1944 eine erneute Einberufung drohte, tauchte er unter. 1944/45 lebte er im Untergrund in der Steiermark. Er widmete sich in dieser Zeit dem Schreiben und war nach eigenen Angaben im Widerstand aktiv.

Nach dem Krieg hatte Lebert noch einige Engagements als Sänger. Ein Projekt, unter dem Dirigenten Herbert Häfner den vollständigen Ring des Nibelungen einzusingen, zerschlug sich kurz nach Kriegsende. Daraufhin beendete er seine Opernkarriere. Sein letzter Auftritt war die Mitwirkung an der österreichischen Erstaufführung von Alban Bergs Oper Lulu im Februar 1949. Schon während der Bühnenjahre hatte Lebert intensiv literarisch gearbeitet. Gedichte und Dramen entstanden, die zum größten Teil ungedruckt blieben.

Am 6. August 1946 heiratete Lebert in Graz die Schauspielerin Anette Schön. Das Paar lebte zunächst in Wien und ließ sich 1956 im niederösterreichischen Baden nieder. Dort arbeitete Lebert zurückgezogen an seinen Büchern. Seine frühen Texte, größtenteils bildkräftige Landschafts- und Naturgedichte, erschienen zunächst in den österreichischen Literaturzeitschriften Plan und Neue Wege. 1952 kam der Erzählungsband Ausfahrt heraus, 1955 die Erzählung Das Schiff im Gebirge.

Den Durchbruch brachte 1960 der Roman Die Wolfshaut, zuerst beim Claassen-Verlag in Hamburg erschienen und vor allem als Nachdruck in der DDR erfolgreich. Schriftsteller wie Ernst Jünger und Heimito von Doderer zeigten sich begeistert. 1961 erhielt Lebert den Theodor-Körner-Preis, 1962 den Österreichischen Staatspreis, 1968 die Adalbert-Stifter-Medaille. Von 1965 bis 1971 arbeitete er zurückgezogen an seinem zweiten Roman Der Feuerkreis. Das Buch erschien 1971.

Mehreres kam zusammen: Die Wolfshaut hatte das breite Publikum nicht erreicht, Der Feuerkreis wurde von der Kritik verworfen, und 1974 starb Leberts Frau. Lebert zog sich vollständig aus dem literarischen Leben zurück. Rund zwanzig Jahre lang veröffentlichte er nichts mehr, abgesehen von einigen Erzählungen, die unbeachtet blieben. Am 19. Juli 1974 heiratete er Edeltraud Steinwender.

Eine Neuauflage der Wolfshaut im Jahr 1991 brachte Lebert in seinen letzten, von schwerer Krankheit geprägten Jahren erneut Anerkennung. Er starb am 19. August 1993 in einem Pflegezentrum des Landesklinikums Baden. Am 30. August 1993 wurde er auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Leberts Prosa ist eine Natur, die nicht bloß Kulisse ist, sondern selbst zu handeln scheint. In der Erzählung Das Schiff im Gebirge von 1955 knüpfte er mit atmosphärisch dichten Naturschilderungen an Verfahren des französischen Erzählers Jean Giono an. Lebert stattete die Landschaft mit einer schwer greifbaren Aktivität aus, sodass sie als Medium einer dahinter verborgenen Macht wirkte. In Die Wolfshaut tritt diese Macht als rächende Instanz auf: Sie richtet über ein ungesühntes Kriegsverbrechen, das die Bewohner eines österreichischen Gebirgsdorfs gemeinsam verschweigen. Für dieses erzähltechnische Verfahren prägte Lebert selbst den Begriff „Transparentismus“.

Der Handlungsort des Romans heißt „Schweigen“. Der Name meint beides: das Verdrängen der Dorfgemeinde und das der österreichischen Nachkriegsgesellschaft. Diese anti-idyllische Erzählweise stellt bloß, wie nationalsozialistisches Denken in der Provinz weiterlebt. Gattungsgeschichtlich wurde der Roman damit laut der Deutschen Biographie zum Wegbereiter der kritischen Anti-Heimatliteratur.

Sein literarisches Debüt machte Lebert 1946 mit Gedichten in der von Otto Basil herausgegebenen Zeitschrift Plan, in der auch frühe Gedichte von Paul Celan und Friederike Mayröcker erschienen. Die vier Texte seines ersten Buchs Ausfahrt von 1952 teilen ein Grundmotiv: Der Mensch wird aus einer jenseitigen Sphäre schicksalhaft angerufen.

In Der Feuerkreis führte Lebert das Thema weiter und fragte, wie sich mit Kriegsverbrechen in der eigenen Verwandtschaft umgehen lässt. Im Zentrum steht die Beziehung zwischen einer fanatischen Nationalsozialistin und ihrem Halbbruder, der ins englische Exil gegangen war und nach Kriegsende zurückkehrt. Diese Konstellation verschmolz Lebert mit Motiven aus Richard Wagners Der Ring des Nibelungen, um einen Mythos der Entsühnung zu schaffen. Dieses riskante Vorhaben einer Art „Ring der Österreicher“ traf 1971 auf vollkommenes Unverständnis: Die damalige Ideologiekritik stand auf ihrem Höhepunkt und hielt mythisches Denken grundsätzlich für „falsches Bewusstsein“.


Rezeption↑

Aufgenommen wurde Die Wolfshaut breit und weitgehend positiv. Für Lebert selbst überraschend war die begeisterte Aufnahme in den Ländern des Warschauer Pakts. Dort las man den Roman vereinfachend als „antifaschistische Parabel“ und nutzte ihn ideologisch. Diese Lesart führte 1962 zu einer Lizenzausgabe in der DDR und zu Übersetzungen ins Polnische, Slowakische und Russische. Die Forschung hat auf inhaltliche und stilistische Parallelen zu Thomas Bernhards drei Jahre später erschienenem Roman Frost hingewiesen.

Der Feuerkreis wurde dagegen von der Kritik abgelehnt, was neben dem ausgebliebenen Publikumserfolg der Wolfshaut zu Leberts Rückzug beitrug.

Anfang der 1990er Jahre entdeckte der deutsche Literaturwissenschaftler Jürgen Egyptien Leberts Werk wieder. Das fand in den Medien großen Widerhall und führte zu Übersetzungen ins Spanische und Französische. Zeitgenössische Autoren äußerten sich begeistert: Elfriede Jelinek nannte Die Wolfshaut „eines der größten Leseerlebnisse ihres Lebens“ und den „erste[n] radikal moderne[n] Roman der österreichischen Nachkriegsliteratur“.

Die Verleihung des Franz-Grillparzer-Preises 1992 endete in einem Eklat. Lebert war nicht persönlich anwesend. In seiner verlesenen Dankesrede „Schützt Euer Land selbst!“ warnte er vor deutschen wie österreichischen Anschlussphantasien. Den Hintergrund bildete seine Erfahrung von 1938. Der deutsche Botschafter und frühere Bundestagspräsident Philipp Jenninger verließ daraufhin empört den Festsaal der Universität Wien. Zugleich wandte sich Lebert gegen jene Autoren, die ihn wegen seiner harschen Österreich-Kritik als ihren Vorgänger ansahen. Sie würden Österreich „beschimpfen und lächerlich machen, um im Ausland dafür Applaus zu ernten. Solche Autoren bereiten eine Kolonisation vor“.

Literarischen Einfluss übte Lebert laut der Deutschen Biographie vor allem auf Elfriede Jelinek, Robert Menasse und Christoph Ransmayr aus. Erkennbar sei das etwa an Jelineks Kinder der Toten und an Ransmayrs Morbus Kitahara. Beide Werke erschienen 1995. Die Nachrufe von 1993 kennzeichneten ihn als kompromisslosen Entlarver der Heimatidylle und als Mythologen und Aufklärer. Die Deutsche Biographie zählt Lebert zu den bedeutendsten Erzählern der österreichischen Nachkriegsliteratur.

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