Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Stephen Leacock
Eingang · Autoren · Stephen Leacock
Porträt Stephen Leacock
Stephen Leacock
1869 – 1944
– Autorenporträt –

Stephen Leacock

1869 – 1944 · 74 Jahre

Kanadischer Professor für Politische Wissenschaften, der mit milder Ironie das Kleinstadtleben in Ontario porträtierte – bekannt vor allem durch „Sunshine Sketches of a Little Town“.

Kurzbiografie↑

Der Kanadier Stephen Leacock war Professor für Politische Wissenschaften und zugleich einer der bekanntesten humoristischen Erzähler seines Landes. Geboren wurde er 1869 in England, aufgewachsen ist er auf einer Farm in Ontario. Mehr als vierzig Bücher hat er veröffentlicht: Fachbücher zur Politikwissenschaft und Volkswirtschaft, dazu Satiren, humoristische Erzählungen und Biographien über Mark Twain und Charles Dickens. Bekannt wurde er vor allem mit Sunshine Sketches of a Little Town, einer spöttischen Geschichtensammlung über das Kleinstadtleben in Ontario. Er gilt als kanadisches Gegenstück zu Mark Twain und als führender kanadischer Autor des frühen 20. Jahrhunderts.


Biografie↑

Geboren wurde Stephen Butler Leacock am 30. Dezember 1869 in England. Über den genauen Geburtsort gehen die Angaben auseinander: Die Deutsche Nationalbibliothek nennt das Dorf Swanmore, Wikidata nur die Grafschaft Hampshire. Beides lässt sich vereinbaren, denn Swanmore liegt in Hampshire.

Sein Vater Walter Peter Leacock (1849–1940) stammte aus einer wohlhabenden Familie, die ihr Vermögen auf Madeira gemacht hatte und auf einem Gut auf der Isle of Wight lebte. Mit achtzehn Jahren heiratete er heimlich die schwangere, drei Jahre ältere Agnes Emma Butler. Die Familie verstieß ihn daraufhin. Er versuchte sich als Landwirt in Swanmore. Dort kam Stephen als drittes von elf Kindern zur Welt.

Als die Familie in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, wanderte sie 1875 nach Kanada aus. Mit Geld des Großvaters erwarb sie eine Farm in Ontario in der Nähe des Lake Simcoe. Auch dieser Neuanfang misslang, und der Vater wurde zunehmend zum Alkoholiker. Stephen war ein guter Schüler. Sein Großvater schickte ihn wie schon die beiden älteren Brüder auf das Upper Canada College, eine Elite-Privatschule in Toronto, die er von 1882 bis 1887 besuchte.

1887 kam es zum Bruch mit dem Vater: Stephen und seine älteren Brüder wiesen ihn aus dem Haus. Über Anlass und Verlauf des Streits kursieren verschiedene Darstellungen. Walter Peter Leacock ging nach Argentinien und kehrte nie zurück. Er soll dort nicht mehr getrunken haben, Schiffsbesitzer geworden sein und sich Captain Lewis genannt haben. Umstritten ist auch die Rolle von Leacocks Onkel Edward Phillip Leacock (1853–1927), genannt „E.P.“. Ihm wird nachgesagt, er habe als Direktor einer Eisenbahngesellschaft 1880 Leacocks Vater und den ältesten Bruder nach Winnipeg geholt, wo der Vater im Gegensatz zum Onkel keinen wirtschaftlichen Erfolg hatte. Eine saubere Trennung zwischen Erfindung und Tatsache ist hier kaum möglich. Dem Onkel widmete Leacock 1942 das Buch My Remarkable Uncle; auch in anderen Essays kommt er vor.

Noch 1887 begann der Siebzehnjährige am University College der University of Toronto ein Studium der modernen und klassischen Sprachen sowie der Literatur. Ständige Geldnot begleitete ihn. Schon nach einem Jahr unterbrach er das Studium und verdiente mit Nachhilfe- und Schulunterricht in Strathroy, Uxbridge und schließlich in Toronto seinen Lebensunterhalt. Als Lehrer an seiner alten Schule, dem Upper Canada College, konnte er nebenher Vorlesungen besuchen. So schloss er 1891 doch noch sein Studium der Politologie ab.

1900 heiratete er die Schauspielerin Beatrix Hamilton, genannt Trix. Sie war eine Nichte von Sir Henry Pellatt, der später in Toronto die Residenz Casa Loma errichten ließ. Erst am 15. August 1915, nach fünfzehn Jahren Ehe, kam das einzige Kind zur Welt: Stephen Lushington, genannt Stevie. Der Junge litt an einem Mangel an Wachstumshormonen und wurde nur gut 1,20 Meter groß.

1903 legte Leacock seine Dissertation The Doctrine of Laissez-faire Completed vor und trat seine Tätigkeit an der McGill-Universität in Montreal an. 1908 erhielt er dort eine Professur, die er bis 1936 innehatte. Er war Mitglied der Royal Society of Canada. Zu seinen guten Bekannten zählten Pelham Edgar, George Washington Johnson und Rudyard Kipling, der 1899 Ehrenbürger der McGill-Universität geworden war.

1925 starb seine Frau Trix. Eine neue Ehe ging er nicht mehr ein. 1928 ließ er auf einem rund zwanzig Jahre zuvor erworbenen weitläufigen Grundstück in Orillia an der Old Brewery Bay ein herrschaftliches Anwesen errichten. Während der Lehrtätigkeit diente es ihm als Sommerhaus, später verbrachte er dort die letzten Jahre seines Lebens. Orillia und der Lake Simcoe lieferten die Vorlage für den Ort „Mariposa“ und den „Lake Wissanotti“ in seinen Sunshine Sketches.

1935 erhielt Leacock die Mark Twain Medal, 1937 verlieh ihm die Royal Society of Canada die Lorne Pierce Medal für Literatur. 1936 wurde er emeritiert. Am 28. März 1944 starb er in Toronto. Seinem Wunsch entsprechend wurde er auf dem Friedhof von St. George the Martyr an Sibbald's Point in Sutton, Ontario, beigesetzt, genau gegenüber seinem Sommerhaus auf der anderen Seite des Sees. Im selben Familiengrab liegen auch seine Schwester Rosamond Mary Butler Leacock, die als Kinderärztin in Toronto arbeitete, und sein Bruder Charles John.


Literarische Merkmale↑

Angefangen hat Leacock als Student mit Beiträgen für The Varsity, die wöchentliche Campus-Zeitung der University of Toronto. Seine erste Satire erschien 1894 im Toronto Grip Magazine und im amerikanischen Magazin Truth and Life. Daraus wurden zahlreiche weitere Artikel in kanadischen und amerikanischen Zeitschriften.

Sein Werk ist ungewöhnlich breit angelegt. Es reicht von Sachbüchern über Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Geschichte bis zu humoristischen Erzählungen, Essays, Satiren und Romanen. In den Erzählungen nimmt er das anglokanadische Kleinbürgermilieu aufs Korn, allerdings mit milder Ironie statt mit Schärfe. Andere Satiren beschäftigen sich mit dem Wesen europäischer Völker, einige Romane mit der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre. Dazu kommen die Biographien über Mark Twain und Charles Dickens.

Sein erstes Buch, Elements of Political Science von 1906, wurde zum Standardwerk und in neun Sprachen übersetzt. 1907 ging er damit auf Vortragsreise durch Nordamerika und Europa. 1910 brachte er mit finanzieller Hilfe eines Bruders auf eigene Rechnung sein erstes humoristisches Buch heraus, Literary Lapse. Der Erfolg war so groß, dass in kurzen Abständen weitere Bände folgten: Nonsense Novels (1911), Sunshine Sketches of a Little Town (1912), Arcadian Adventures with the Idle Rich (1914), Moonbeams from the Larger Lunacy (1915), Winsome Winnie (1920) und My Discovery of England (1922).

Europa kannte er gut genug, um darüber zu spotten. In Winsome Winnie schreibt er über das Wesen der Engländer. In Die Hohenzollern in Amerika lässt er Wilhelm II. Nordamerika kolonisieren und an der dortigen Mentalität scheitern. Das Sachbuch Economic Prosperity in the British Empire von 1930 vergleicht die Wirtschaftslage Großbritanniens mit der Entwicklung in den Vereinigten Staaten und Nordamerika. Canada: The Foundations of Its Future von 1941 erzählt die Geschichte Kanadas von den Norsemännern über die Kolonialzeit bis zur Staatsgründung.

Wie er den Humor verstand, hat er selbst in kurzen Sätzen festgehalten. Einer davon lautet: „Humor ist die freundliche Betrachtung der Ungereimtheiten des Lebens.“ Ein anderer: „Mancher Mann, der in ein Grübchen verliebt ist, begeht den Fehler, das ganze Mädchen zu heiraten.“ Und über die Werbung schrieb er, sie lasse sich als die Wissenschaft bezeichnen, die menschliche Intelligenz so lange einzusperren, bis man Geld von ihr erhalte.


Rezeption↑

In Kanada zählte Leacock zu den führenden Autoren des frühen 20. Jahrhunderts und wurde als kanadisches Gegenstück zu Mark Twain bezeichnet. Seine humoristischen Bücher verkauften sich gut. Den höchsten wirtschaftlichen Ertrag brachte ihm zu Lebzeiten dennoch das Fachbuch Elements of Political Science, das auch sein meistverkauftes Werk blieb.

Anerkennung kam auch von offizieller Seite. 1935 erhielt er die Mark Twain Medal, 1937 die Lorne Pierce Medal für Literatur der Royal Society of Canada. Am 15. Mai 1946, zwei Jahre nach seinem Tod, erklärte ihn die kanadische Bundesregierung zu einer „Person von nationaler historischer Bedeutung“. Sein Sommerhaus in Orillia wurde am 6. November 1992 zur National Historic Site of Canada erklärt; heute ist dort das Stephen Leacock Museum untergebracht.

Im deutschen Sprachraum konnte er sich dagegen kaum durchsetzen. Am ehesten bekannt wurde Sunshine Sketches of a Little Town, jene mit spitzer Feder geschriebene Geschichtenreihe, die das Kleinstadtleben in Ontario parodiert. Erste deutsche Übersetzungen erschienen um 1925. Kurt Tucholsky gehörte zu den Rezensenten, und die Ausgaben hielten sich bis in die 1950er Jahre. Von 1987 bis 1989 legte der Fackelträger-Verlag drei seiner humoristischen Bücher in neuer Übersetzung vor.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (10 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten