1876
L’Après-midi d’un faune
Überblick↑
Das symbolistische Gedicht L’Après-midi d’un faune (Der Nachmittag eines Fauns) gehört zu den bekanntesten Werken Stéphane Mallarmés. Der Dichter arbeitete zwischen 1865 und 1867 daran und brachte es 1876 zum Druck. Das Gedicht schildert das sinnliche Erleben eines Fauns, der aus einem nachmittäglichen Schlaf erwacht und die Ereignisse des Morgens in einem rauschhaften Monolog noch einmal vor sich ausbreitet. Mallarmé griff dabei den antiken Mythos von Pan und Syrinx auf, der in Dichtung und Malerei immer wieder gestaltet worden ist. Das Werk wurde zum Ausgangspunkt für weiteres bedeutendes Schaffen: Es regte Claude Debussys Musikstück Prélude à l’après-midi d’un faune von 1894 an und gemeinsam mit diesem Vaslav Nijinskys Ballett L’Après-midi d’un faune von 1912.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht ein Faun, jene mythologische Gestalt, die seit der Antike als Sinnbild jugendlicher Begierde gilt. Er erwacht aus einem Nachmittagsschlaf und beginnt, sich zu erinnern. War es ein Erlebnis oder nur ein Traum? Am Morgen, so glaubt er, entdeckte er Nymphen, während er sich eine Panflöte anfertigte, und begann sie zu verfolgen.
Aus dieser unsicheren Erinnerung entwickelt sich der ganze Monolog. Der Faun schwankt zwischen der Lust am Erlebten und dem Zweifel, ob es überhaupt wirklich geschah. Mallarmé erzählt keine Handlung im gewöhnlichen Sinn. Ihn interessiert vielmehr, wie sich ein Verlangen anfühlt, das zwischen Einbildung und Wirklichkeit hin- und herschwebt. Den Hintergrund bildet ein heißer arkadischer Sommertag, dessen flirrende Stimmung das ganze Gedicht durchzieht.
Die Handlung im Detail↑
Der Faun erwacht aus einem Nachmittagsschlaf und lässt in einem Monolog das Geschehen des Morgens Revue passieren. Er erinnert sich, dass er zwei Nymphen entdeckte, als er gerade eine Panflöte fertigte, und dass er sie daraufhin verfolgte. Die beiden flüchteten. Zwei andere aber packte er und verschleppte sie zu einer sonnenbeschienenen Lichtung. Was dort geschah, weiß er selbst nicht genau, denn auch diese entkamen ihm.
So bleibt das Erlebte für ihn ungewiss, und der Faun schwankt zwischen Reue über seine Tat und der Rechtfertigung seines Verlangens. Am Abend bricht das Schuldgefühl noch einmal mächtig durch. Es verbindet sich mit der Angst, er könnte sich an der Göttin Venus vergangen haben und dafür schwer bestraft werden. Vom Wein schwer geworden, überkommt ihn schließlich erneut der Schlaf. Er ruft den Nymphen ein Lebewohl zu und kehrt in den Traum des Morgens zurück.
Mallarmé zielte nicht auf die Wiedergabe einer Geschichte. Ihn beschäftigte die poetische Erfassung des erotischen Verlangens selbst, jener Gefühlslage, die unentschieden zwischen Traum und Wirklichkeit schwebt.
Stil↑
Aufgebaut ist das Werk aus 110 Zeilen in Alexandrinern, dem damals in der französischen Literatur vorherrschenden Versmaß. Dieser lange Vers diente den Dramen und Epen, wurde aber auch in der Lyrik verwendet, wenn antike Stoffe aufgegriffen wurden und mythologische Gestalten wie Faune, Satyrn oder der Gott Pan als Sinnbilder der Jugend und ihrer Sehnsüchte auftraten. Als Untertitel wählte Mallarmé den Gattungsbegriff Ekloge und stellte sein Gedicht damit in die Tradition der Hirtendichtung, die von Theokrit über Vergil bis zur Schäferdichtung des Rokoko reicht.
Um die zwischen Einbildung und Wirklichkeit schwankende Stimmung einzufangen, setzte Mallarmé eine Fülle von Mitteln ein. Sprachlich arbeitete er mit Doppeldeutigkeiten, mit klanglich verwandten Wortfeldern und mit Klangmalerei. Auch die Anordnung der Sätze und Zeilen wird zum Ausdrucksmittel: Zeileneinschübe wirken wie Pausenzeichen, und der Wechsel zwischen Normalschrift, Kursivschrift und Versalschrift gliedert die Stimmen und Stimmungen des Monologs. Diese sehr suggestive, andeutende Sprache gilt als kennzeichnend für den Symbolismus.
Rezeption↑
Anerkennung fand das Gedicht zunächst in den impressionistischen Künstlerkreisen, wo die suggestive Sprache Mallarmés über die Grenzen der Dichtung hinaus wirkte. Zum Druck kam es 1876 in einer Liebhaberausgabe mit Illustrationen des befreundeten Édouard Manet, nachdem eine Zeitschrift des Dichterkreises den Text zuvor abgelehnt hatte.
Die zentrale Stellung in der Nachwirkung nimmt Claude Debussys sinfonische Dichtung Prélude à l’après-midi d’un faune ein, die 1894 uraufgeführt wurde. Musik und Gedicht bildeten später die Grundlage für Vaslav Nijinskys Ballett L’Après-midi d’un faune von 1912, das als ein Meilenstein der Moderne im Tanz gilt. Paul Valéry nannte das Gedicht „eine Art literarischer Fuge, in der sich die Themen erstaunlich kunstvoll überkreuzen“. Noch 1976 baute der italienische Zeichner Bruno Bozzetto auf den drei Werken seinen an Walt Disneys Fantasia angelehnten Trickfilm Allegro non troppo auf. Er gab der Geschichte einen humoristisch-melancholischen Anstrich und ließ den Faun, anders als seine Vorgänger, schon angejahrt sein.
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