411 v. Chr.
Lysistrata
Überblick↑
Die antike Komödie Lysistrata zählt zu den bekanntesten Werken des griechischen Dichters Aristophanes. Aristophanes brachte sie im Frühjahr 411 v. Chr. bei den Lenäen zur Aufführung, im zwanzigsten Jahr des Peloponnesischen Krieges. Es ist das dritte seiner Stücke, die sich gegen den Krieg richten. Der Name der Titelfigur bedeutet so viel wie „die das Heer Auflösende": Lysistrata verbündet die Frauen und zwingt die kriegführenden Männer mit einem ungewöhnlichen Mittel zum Frieden. Im selben Jahr, in dem das Stück gespielt wurde, stürzten Aristokraten in Athen durch einen Putsch die radikaldemokratische Regierung.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der Kampf einiger Frauen gegen die Männer, die sie als Verursacher des Krieges und allen damit verbundenen Leidens sehen. Aus dieser Einsicht heraus verschwören sich die Frauen Athens und Spartas, um den Frieden zu erzwingen. Unter Führung der Titelheldin besetzen sie die Akropolis und verweigern sich fortan ihren Ehemännern im Bett. Zugleich beschlagnahmen sie die dort gelagerten Gelder und schneiden damit dem Krieg die Finanzierung ab. In Sparta ruft die Frau Lampito einen ähnlichen Ausstand aus. Von da an häufen sich die Verwicklungen: Immer wieder wollen liebeshungrige Frauen die Burg verlassen, um zu ihren Männern zu gelangen, während die erbosten Männer die Burg zu stürmen versuchen.
Die Handlung im Detail↑
Getragen von der Erkenntnis, dass die Männer den Krieg und das Leid der Menschen verschulden, verschwören sich die Frauen Athens und Spartas. Angeführt von Lysistrata besetzen sie die Akropolis und verweigern ihren Ehemännern von nun an jeden ehelichen Verkehr. Zwei Waffen setzen sie gleichzeitig ein: den Liebesentzug und das Geld. Denn mit der Beschlagnahme der auf der Burg gesicherten Gelder unterbrechen sie zugleich die Finanzierung des Krieges. In Sparta veranlasst Lampito einen entsprechenden Ausstand der Frauen, sodass der Widerstand auf beiden Seiten der Front zugleich einsetzt.
Der Weg zum Ziel verläuft keineswegs glatt. Es kommt zu zahlreichen Verwicklungen und Rückfällen. Mehrfach versuchen liebestolle Frauen, die Burg heimlich in Richtung der Männer zu verlassen, und ebenso oft versuchen die wütenden Männer, die Festung zu erstürmen. Doch am Ende erweist sich der Liebesentzug als wirksam: Der Druck wird für die Männer unerträglich, und der Streik der Frauen führt tatsächlich zum Erfolg. Der Frieden, den die Frauen erzwingen wollten, kommt zustande.
Stil↑
Als Vertreterin der Alten Komödie lebt das Stück von einer einzigen, überraschenden Grundidee, die konsequent bis zum Ende durchgespielt wird: dem Streik der Frauen im Bett. Aus dieser Zuspitzung gewinnt Aristophanes seinen Witz, der oft derb und unverblümt ausfällt. Die Sprache scheut keine Deutlichkeit, wenn sie die Nöte der Männer und Frauen ausmalt. Ein besonderes Mittel ist der Kontrast der Herkunft: Im Original sprechen die Spartaner ihren eigenen dorischen Dialekt, der die Athener von den Fremden hörbar abhebt. Spätere deutsche Übersetzer haben diesen Unterschied auf verschiedene Weise nachzubilden versucht – Niklas Holzberg etwa ersetzte das Dorische durch Bairisch, weil es für die Athener ähnlich fremd geklungen habe wie für einen Preußen das Bayerische.
Rezeption↑
Über die Jahrhunderte hat der Stoff Künstler immer wieder gereizt und zu neuen Bearbeitungen angeregt. Ein Singspiel mit dem Titel Die Verschworenen aus dem Jahr 1823 nahm die Komödie zum Vorbild. Der englische Illustrator Aubrey Beardsley schuf 1896 eine berühmt gewordene Bilderfolge zum Stück. Hugo von Hofmannsthal verfasste 1908 einen Prolog, und nach dem Ersten Weltkrieg richtete Max Reinhardt die Lysistrata für das Deutsche Theater ein. Von Paul Linckes gleichnamiger Operette blieb vor allem das „Glühwürmchen-Idyll" in Erinnerung. Richard Mohaupt formte den Stoff mehrfach zum Ballett um.
Auch politisch entzündete sich am Stück eine Auseinandersetzung. Als der Bayerische Rundfunk 1961 eine Bearbeitung durch Fritz Kortner unter dem Titel Die Sendung der Lysistrata nicht ausstrahlte, geschah dies mit der Begründung, die Komödie verletze das sittliche Empfinden der Bevölkerung. Kortner hatte in seiner Inszenierung auf die damaligen Pläne zur atomaren Aufrüstung angespielt; in Bayern lief das Stück daraufhin in den Kinos.
Bis in die Gegenwart wirkt das Motiv fort. Rolf Hochhuth verlegte die Handlung in seiner Inselkomödie von 1974 in die Ägäis der 1970er Jahre. Christine Brückner ließ 1983 in Wenn du geredet hättest, Desdemona eine Hetäre an Lysistrate und die Frauen von Athen sprechen. Ralf König interpretierte den Stoff 1987 als Comic, der 2002 verfilmt wurde, und 2015 kam mit Chi-Raq eine moderne Verfilmung in die Kinos. Selbst am Himmel hat die Figur ihre Spur hinterlassen: Ein 1918 entdeckter Asteroid wurde nach der Titelheldin benannt. Im Schlagwort „Make love, not war" der Hippie-Bewegung fand das Anliegen des Stücks 1967 eine griffige moderne Fassung.
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