1842 – 1898
Stéphane Mallarmé
Kurzporträt↑
Stéphane Mallarmé war ein französischer Dichter, Englischlehrer, Übersetzer und Kunstkritiker. Seine Gedichte zählen zu den Hauptwerken des literarischen Symbolismus. Geboren wurde er 1842 in Paris. Über drei Jahrzehnte verdiente er seinen Lebensunterhalt als Englischlehrer. Daneben schrieb er Verse, die für ihre Vieldeutigkeit und Musikalität gerühmt werden. Zusammen mit Charles Baudelaire, Paul Verlaine und Arthur Rimbaud wird er zu den bedeutendsten Dichtern der französischen Sprache gerechnet. Auch gilt er als einer der Wegbereiter der modernen Lyrik. Nach der Einschätzung von John E. Jackson ist er der geheimnisvollste unter den großen französischen Dichtern des 19. Jahrhunderts. Zu seinen bekanntesten Werken gehören das Sonett Le Tombeau d'Edgar Poe, das lange Gedicht L'Après-midi d'un faune und das typografisch gestaltete Un Coup de Dés jamais n'abolira le Hasard.
Biografie↑
Mallarmé wurde am 18. März 1842 im damaligen 2. Arrondissement von Paris geboren. Bei der Geburt erhielt er den Namen Étienne, hieß aber von Anfang an Stéphane. Er stammte aus einer bürgerlichen Anwaltsfamilie lothringischer Herkunft. Seine Eltern waren Numa Mallarmé und Élisabeth Mallarmé, geborene Desmolins. 1844 wurde seine Schwester Maria geboren. Der Vater erwarb ein großes Haus mit Garten in Passy. Als die Mutter 1847 starb, wuchsen die Kinder bei den Großeltern auf. Der Vater heiratete ein Jahr später erneut. Ab 1850 lebte Mallarmé in Internaten. 1855 wurde er wegen schlechten Betragens entlassen. Ab 1856 besuchte er eine Internatsschule in Sens. 1857 starb auch seine Schwester Maria.
Zwischen 1858 und 1860 entstanden erste Gedichte. Darunter waren 64 Stücke, die er in einem Poesieheft unter dem Titel Entre quatre murs (Zwischen vier Wänden) sammelte. Kurz nach dem Abitur lernte er die Dichter Emmanuel des Essarts, Jean Lahor und Eugène Lefébure kennen. Erstmals beschäftigte er sich mit Baudelaires Les Fleurs du Mal. Er veröffentlichte erste literaturkritische Artikel sowie eigene Gedichte. 1863 lernte er in Sens die aus Camberg stammende Deutsche Marie Gerhard kennen. Die beiden heirateten noch im selben Jahr. Anschließend trat Mallarmé eine Anstellung als Englischlehrer in Tournon-sur-Rhône an. Diesen Beruf übte er bis zu seiner Pensionierung 1893 aus. 1863 kam die Tochter Geneviève zur Welt.
In einer persönlichen und künstlerischen Krise begann er 1864 sein „Lebensprojekt" Hérodiade, eine Bearbeitung des biblischen Salome-Stoffs. Ab 1865 schrieb er das Gedicht L'Après-midi d'un faune, das schließlich 110 Alexandriner umfasste. Darin schildert ein gerade erwachter Faun seine traumähnlichen Begegnungen mit sieben Nymphen. Eine erhoffte Aufführung am Théâtre-Français kam nicht zustande. 1866 konnte Mallarmé in der ersten Ausgabe von Le Parnasse contemporain zehn Gedichte veröffentlichen. Zunächst schloss er sich dem Dichterkreis der Parnassiens um Théophile Gautier an. In jenen Jahren zog er mehrfach um. 1866 ging er nach Besançon, wo er einen Briefwechsel mit Paul Verlaine begann, und 1867 nach Avignon.
1871 wurde der Sohn Anatole geboren. Mallarmé gelang der lange ersehnte Wechsel nach Paris. Er arbeitete an Übersetzungen der Werke Edgar Allan Poes. 1872 lernte er Arthur Rimbaud kennen. Angeregt durch seine Freundschaft mit dem Maler Édouard Manet, setzte er sich ab 1873 verstärkt mit dem Impressionismus auseinander. 1875 illustrierte Manet seine Übersetzung Le Corbeau von Poes „Der Rabe". Zwischen September und Dezember 1874 gab Mallarmé als einziger Redakteur acht Nummern der Zeitschrift La dernière Mode heraus. Dabei schrieb er unter Pseudonymen wie Marguerite de Ponty. 1876 erschien L'Après-midi d'un faune mit Illustrationen Manets bei Alphonse Derenne in Paris.
Ab 1877 veranstaltete er in seiner Wohnung in der Rue de Rome seine bekannten Mardis, die Dienstagstreffen. An ihnen nahmen über Jahre hinweg Dichter wie Émile Verhaeren, Maurice Maeterlinck, Oscar Wilde, Joris-Karl Huysmans, Paul Valéry, André Gide, W. B. Yeats, Rainer Maria Rilke und Stefan George teil. Sein Schüler Paul Valéry sagte, Mallarmé sei „besessen von der Vorstellung eines absoluten Werkes" gewesen. Als Nachrufe schrieb Mallarmé mehrere Tombeau-Gedichte. Dazu gehörte 1876 das Sonett Le Tombeau d'Edgar Poe. Nach dem Tod seines achtjährigen Sohnes Anatole 1879 begann er das Gedicht Pour un tombeau d'Anatole. Er vollendete es nie.
Größere Bekanntheit erlangte sein Werk 1884 durch Verlaines Les Poètes maudits. 1886 veröffentlichte Mallarmé sein erstes Gedicht ohne Satzzeichen. Wegen seines schlechten Gesundheitszustands wurde er 1893 vorzeitig in den Ruhestand versetzt. 1894 zog er in das Feriendomizil der Familie nach Valvins. 1896 wählten ihn die Dichter zum Prince des Poètes. 1897 erschien in der Zeitschrift Cosmopolis Un Coup de Dés jamais n'abolira le Hasard (Ein Würfelwurf wird nie den Zufall tilgen). Es war eines der ersten französischen Gedichte mit typografischer Ausgestaltung. Die geplante Buchausgabe mit Illustrationen Odilon Redons erlebte Mallarmé nicht mehr. Sie erschien erst 1914. Mallarmé starb am 9. September 1898 an den Folgen eines Stimmritzenkrampfs im Beisein seiner Frau Marie und seiner Tochter Geneviève in Valvins, Gemeinde Vulaines-sur-Seine. Er wurde auf dem Friedhof von Samoreau begraben.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Mallarmés Dichtung sind ihre Vieldeutigkeit und ihre Musikalität. Diese Eigenschaften machen seine Gedichte zu Hauptwerken des literarischen Symbolismus. Schon seine Jugendverse mischen Fantasie und Humor mit Nostalgie, Melancholie und einem Gefühl für die Tragik des eigenen Daseins. In Werken wie Hérodiade kreist er um die Suche nach Reinheit und Schönheit der Dichtung selbst. Sein Schüler Paul Valéry beschrieb ihn als besessen von der Idee eines absoluten Werkes, das ihm als höchstes Ziel und einziger Sinn galt.
Im Lauf seines Schaffens trieb Mallarmé die Form immer weiter. 1886 veröffentlichte er ein erstes Gedicht ganz ohne Satzzeichen. Seinen weitestgehenden Schritt machte er mit Un Coup de Dés jamais n'abolira le Hasard von 1897. Hier verteilte er die Wortgruppen über die Doppelseiten des Buches und setzte verschiedene Schriftarten und -größen ein. So wurde die Anordnung selbst zu einem Bild. Diese typografische Gestaltung gilt als folgenreich für Literatur und Kunst. Auch der Alltag konnte ihm zum dichterischen Stoff werden. An seiner Modezeitschrift La dernière Mode habe ihn gereizt, dass die Frivolität und der „Schimmer des Vergänglichen" einen unerschöpflichen poetischen Wert besäßen – so der Mallarmé-Kenner Jean-Luc Steinmetz.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten wurde Mallarmé zu einer Leitfigur. 1884 machte Paul Verlaine sein Werk mit der Schrift Les Poètes maudits einer größeren Öffentlichkeit bekannt. 1896 wählten ihn die Dichter zum Prince des Poètes. Seine Dienstagstreffen, die Mardis in der Rue de Rome, zogen über Jahre hinweg jüngere Künstler an. Unter den Teilnehmern waren Émile Verhaeren, Maurice Maeterlinck, Oscar Wilde, Joris-Karl Huysmans, Paul Valéry, André Gide, W. B. Yeats, Rainer Maria Rilke und Stefan George.
Auch in die Musik wirkte sein Werk hinein. Mehrere namhafte Komponisten vertonten seine Lyrik als Lieder. Claude Debussy schuf zwischen 1892 und 1894 die sinfonische Dichtung Prélude à l'après-midi d'un faune, frei nach Mallarmés Gedicht. Sie wurde am 22. Dezember 1894 in Paris uraufgeführt und gilt als ein Hauptwerk des musikalischen Impressionismus. Über seinen Tod hinaus blieb Mallarmé bedeutsam. Die typografische Vision von Un Coup de Dés jamais n'abolira le Hasard wurde erst 1914 in der von ihm angestrebten Buchform gedruckt. Die fragmentarischen Notizen zu Pour un tombeau d'Anatole erschienen erst 1961. Heute wird er zu den wichtigsten Wegbereitern der modernen Lyrik gezählt.
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