1959
Die Kinder unseres Viertels
Überblick↑
Der Roman Die Kinder unseres Viertels stammt von dem ägyptischen Schriftsteller Nagib Mahfuz, der später den Nobelpreis für Literatur erhielt. Der arabische Originaltitel lautet أولاد حارتنا. Erzählt wird die Geschichte der drei monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam –, verlegt in eine erfundene Kairoer Gasse des 19. Jahrhunderts. Das Buch erschien zunächst 1959 als Fortsetzungsgeschichte in der Tageszeitung Al-Ahram und traf dort auf heftigen Widerstand religiöser Autoritäten. Als Buch durfte es in Ägypten nicht erscheinen; der erste Druck kam 1967 im Libanon heraus. Kaum ein anderes Werk des Autors hat so lange und so bittere Auseinandersetzungen ausgelöst.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht eine Gasse in Alt-Kairo, über der das Anwesen des alten Gabalawi liegt. Von ihm stammen alle Bewohner ab, und um sein Erbe und seine Bedingungen kreist alles, was in der Gasse geschieht. Das Buch erzählt in mehreren Abschnitten von aufeinanderfolgenden Generationen. Jede bringt einen Helden hervor, dessen Lebensweg an eine Gestalt der biblischen und koranischen Überlieferung erinnert: an Adam, an Mose, an Jesus und an Mohammed. Deren Anhänger siedeln sich jeweils in einem eigenen Teil der Gasse an.
Beherrscht wird das Viertel von den futuwwat, den Starken, die Schutzgeld erpressen und mit Gewalt regieren. Gegen sie richtet sich der Widerstand der Helden. Doch die Gasse hat ein Gedächtnisproblem. Mahfuz schreibt, gute Vorbilder wären in diesem Viertel nicht vergeblich, wäre es nicht von der Vergesslichkeit befallen; die Vergesslichkeit sei die Plage der Gasse.
Der letzte Abschnitt gehört Arafa, der nach den Propheten kommt und für die moderne Wissenschaft steht. Er verfügt über Kenntnisse im Umgang mit Sprengstoff und will damit erreichen, was den Früheren nur für kurze Zeit gelang. Zugleich treibt ihn die Frage nach dem alten Mann im Haus über der Gasse um.
Die Handlung im Detail↑
Die ersten vier Abschnitte erzählen nacheinander vier Geschichten. Am Anfang steht Adham, der Adam entspricht: Gabalawi bevorzugt ihn vor seinen anderen Söhnen, darunter der älteste, Idris, der für Satan steht. In den folgenden Generationen wiederholen sich die Lebensläufe von Mose in Gestalt Gabals, von Jesus in Gestalt Rifaas und von Mohammed in Gestalt Qasims. Die Anhänger jedes Helden lassen sich in einem eigenen Teil der Gasse nieder; darin spiegeln sich Judentum, Christentum und Islam.
Der Kern der Handlung sind die Starken, die das Viertel beherrschen und den Bewohnern Schutzgeld abpressen. Jeder Held stürzt die Gewaltherrscher seiner Zeit. Doch in der nächsten Generation wachsen neue nach, und alles ist so schlimm wie zuvor. Keiner der Helden vermag das Los der Menschen für mehr als eine kurze Zeitspanne zu verbessern.
Im fünften Abschnitt tritt Arafa auf, der die moderne Wissenschaft verkörpert. Bezeichnend ist, dass die Anhänger sämtlicher Propheten ihn für einen der Ihren erklären. Arafa will sein Wissen über Sprengstoffe nutzen, um die Starken zu vernichten. Zugleich versucht er, den Geheimnissen Gabalawis auf die Spur zu kommen. Dieser Versuch führt zum Tod des alten Mannes, ohne dass Arafa ihn unmittelbar tötet. Der oberste der Starken errät die Wahrheit und erpresst Arafa: Er soll ihm helfen, sich zum Alleinherrscher über die ganze Gasse aufzuschwingen.
Am Ende wird Arafa ermordet. Sein Freund durchsucht einen Müllplatz nach jenem Buch, in das Arafa seine Geheimnisse geschrieben hat. Die Menschen der Gasse aber ertragen die Übergriffe standhaft und nehmen Zuflucht zur Geduld. Sie halten an der Hoffnung fest und sagen, die Unterdrückung müsse enden, wie die Nacht dem Tag weicht; sie würden das Ende der Tyrannei erleben und die Morgendämmerung der Wunder.
Stil↑
Auffällig ist zunächst die Form. Mahfuz wählt hier den Roman und nicht die im Nahen Osten verbreitetere Erzählung. Er hatte westliche Literatur breit gelesen und gilt als einer der Autoren, die dem Roman im arabischen Raum den Weg bereiteten. Zugleich knüpft das Buch an die morgenländische Erzähltradition an, die bis zu Tausendundeine Nacht zurückreicht. Später veröffentlichte Mahfuz mit Arabian Nights and Days ein Werk, dessen Figuren aus dieser Sammlung stammen.
Das Buch entstand als Zeitungsfortsetzung und liest sich entsprechend als eine Folge von Erzählungen. Die Hauptfiguren wechseln von Abschnitt zu Abschnitt, während die Gegenspieler stets Abwandlungen desselben Grundtyps sind. Diese Bauweise trägt die Grundaussage: Hoffnung auf einen neuen Anführer, gefolgt von Enttäuschung.
Das Verfahren des Buches ist durchgehend das Gleichnis. Die Kairoer Gasse steht für die Welt, ihre Bewohner für die Menschheit, ihre Streitigkeiten für die Religionsgeschichte. Kritiker deuteten Gabalawi als Gott. Mahfuz wies das zurück und erklärte, die Figur stehe für eine bestimmte Vorstellung von Gott, die sich Menschen gemacht hätten; nichts könne Gott darstellen, Gott sei nichts anderem gleich und ungeheuer groß.
Rezeption↑
Schon die Zeitungsfassung von 1959 stieß auf scharfen Widerstand religiöser Autoritäten. Dass sie überhaupt ungekürzt und vollständig erschien, verdankte sich dem Eingreifen von Staatspräsident Gamal Abdel Nasser, der mit dem Al-Ahram-Redakteur Mohammed Heikal befreundet war. Eine Buchausgabe blieb in Ägypten verboten. Der erste Druck erschien 1967 im Libanon.
Verwickelt ist die Geschichte der englischen Übersetzungen. Eine Fassung von Philip Stewart kam 1981 heraus. Die Amerikanische Universität Kairo hielt seit 1976 die Weltrechte und hatte sie an Heinemann Educational Books lizenziert. Wenige Wochen bevor Mahfuz den Nobelpreis erhielt, gab Heinemann die Rechte zurück. Stewart wollte in Amerika still weiterveröffentlichen und einen weltweiten Neustart des umstrittenen Buches vermeiden. Als er sich weigerte, sein Urheberrecht abzutreten, gab die Universität eine neue Übersetzung bei Peter Theroux in Auftrag, die 1996 bei Doubleday erschien. 1990 kam in Israel eine hebräische Übersetzung von David Sagiv heraus.
Das Buch war es, das Mahfuz 1989 die Verurteilung durch Omar Abdel-Rahman eintrug, der ihn aufforderte, zu bereuen, oder getötet zu werden. 1994, einen Tag nach dem Jahrestag der Preisverleihung, wurde Mahfuz vor seinem Kairoer Haus von zwei Extremisten angegriffen und in den Hals gestochen. Er überlebte, litt aber bis zu seinem Tod 2006 an den Folgen. Vier Monate nach seinem Tod erschien das Buch offiziell in Ägypten und wurde dort ein Verkaufserfolg.
Die Deutungen gehen auseinander. Eine Besprechung in der New York Times sah in dem Buch den Versuch des Menschen, sich das Rätsel Gottes und dessen scheinbare Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leid zu erklären. Deutlicher noch tritt der mühsame Kampf des Guten gegen das Böse und das Verdorbene hervor. Das Buch gilt als pessimistisch. David Frum hat allerdings darauf hingewiesen, dass es mit einer hoffnungsvollen Wendung schließt. Stark geprägt ist der Roman von arabischer politischer Erfahrung und von einem in Kairo verbrachten Leben. Mahfuz wuchs in Alt-Kairo in einer unteren Mittelschichtsfamilie auf, in einem frommen muslimischen Haus zwischen mittelalterlichen Gassen. Die Herrscherbilder des Romans spiegeln die politische Geschichte Ägyptens zu seinen Lebzeiten.
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