1911 – 2006
Nagib Mahfuz
Kurzbiografie↑
Nagib Mahfuz war ein ägyptischer Schriftsteller, der als einer der bedeutendsten Autoren seines Landes gilt. Er wurde 1911 geboren und starb 2006. Neben seiner langjährigen Tätigkeit als Beamter im ägyptischen Bildungsministerium schrieb er Romane, Kurzgeschichten, Essays und Drehbücher. Berühmt machte ihn vor allem die Kairoer Trilogie, in der er das Leben einer Kairoer Kaufmannsfamilie über drei Generationen erzählt. 1988 erhielt er als erster arabischsprachiger Autor den Literaturnobelpreis; er zählte zu den führenden Intellektuellen der arabischen Welt.
Biografie↑
Geboren wurde Nagib Mahfuz am 11. Dezember 1911 als Sohn eines Beamten. Über den Geburtsort gehen die Angaben auseinander: Wikidata nennt das Kairoer Viertel Al-Jamāliyah, die Deutsche Nationalbibliothek schlicht Kairo. Seinen Namen erhielt er nach Professor Nagib Pascha Mahfuz (1882–1974), einem bekannten koptischen Arzt, der die Entbindung beaufsichtigte. Aufgewachsen ist er in einer strenggläubigen muslimischen Familie im Kairoer Stadtviertel ʿAbbāsīya. Dieses Viertel hat er später in vielen seiner Romane beschrieben.
Nach der Schulzeit studierte Mahfuz Philosophie. Ab den 1930er Jahren arbeitete er als Beamter im ägyptischen Bildungsministerium. Das Schreiben betrieb er zunächst neben dem Broterwerb: Er verfasste Kurzgeschichten und veröffentlichte 1939 den ersten von drei Romanen, die in der Pharaonenzeit spielen. Ägypten stand damals unter König Faruq in einem halbkolonialen Zustand. Die Rückbesinnung auf die große Vergangenheit war deshalb auch ein Versuch, den ägyptischen Nationalismus der Gegenwart zu stärken. In diesen Jahren lernte er Sayyid Qutb kennen, der sich damals vor allem für Literaturkritik interessierte und erst später zu einem führenden islamischen Fundamentalisten wurde.
Mitte der 1940er Jahre wandte sich Mahfuz zeitgenössischen Themen zu und schrieb realistische Romane. Auf Die Midaq-Gasse folgte die Kairoer Trilogie mit den Bänden Zwischen den Palästen, Palast der Sehnsucht und Zuckergässchen. Mit ihr erlangte er die uneingeschränkte Anerkennung als führender Schriftsteller seines Landes. Erzählt wird darin die Geschichte einer Kairoer Kaufmannsfamilie über drei Generationen. Das Werk verfolgt, wie sich die ägyptische Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch Modernisierung und die Berührung mit dem Westen verändert. Die Trilogie machte Mahfuz weltweit bekannt und brachte ihm den ägyptischen Staatspreis für Literatur ein.
Ganz anderes Aufsehen erregte 1959 der Roman Die Kinder unseres Viertels, eine Parabel auf die Geschichte der Menschheit. In ihr treten Figuren auf, die an Adam, Moses, Jesus und Mohammed erinnern. Die ersten Kapitel erschienen als Vorabdruck in der regierungsamtlichen Zeitung al-Ahram. Proteste konservativer islamischer Kreise erzwangen jedoch den Abbruch dieses Abdrucks. Weil die Empörung streng religiöser Kreise über die angebliche Gotteslästerung anhielt, konnte der vollständige Roman in Ägypten erst 2006 auf Arabisch erscheinen. Zuvor hatte ihn in Kairo die American University Press auf Englisch herausgebracht, im Libanon erschien er auf Arabisch.
Mahfuz schrieb nicht nur Romane, Kurzgeschichten und Essays, sondern auch Drehbücher. Zahlreiche seiner Werke wurden verfilmt, darunter Palast der Sehnsucht im Jahr 1967 und Zuckergässchen im Jahr 1972, beide mit Nour El-Sherif. Nach dem Roman Die Midaq-Gasse entstand 1995 unter der Regie von Jorge Fons der Film Midaq Alley, der mit dem Gran Coral ausgezeichnet wurde.
Der Widerstand gegen sein Werk blieb nicht bei Worten. 1994 griffen zwei islamistische Attentäter Mahfuz unweit seines Hauses in Kairo an. Er überlebte die Messerstiche in den Hals schwerverletzt.
Ehrungen erreichten ihn auch aus dem Ausland: 1992 wurde er zum auswärtigen Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters gewählt, 2002 in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen. Im Sommer 2006 berichteten Medien, dass er schwer erkrankt sei. Am 30. August 2006 starb Nagib Mahfuz in einem Kairoer Krankenhaus.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Mahfuz ist der Wechsel zwischen zwei Schreibweisen. Am Anfang standen historische Romane über die Pharaonenzeit, mit denen er an die große Vergangenheit Ägyptens erinnerte. Ab Mitte der 1940er Jahre schrieb er dann realistisch über die Gegenwart. Sein bevorzugter Schauplatz ist Kairo, besonders das Viertel ʿAbbāsīya, in dem er aufgewachsen war. In der Kairoer Trilogie verbindet er die Familiengeschichte mit der Gesellschaftsgeschichte: Was den Angehörigen einer Kaufmannsfamilie über drei Generationen widerfährt, zeigt zugleich, wie Modernisierung und westlicher Einfluss das Land verändern. Daneben beherrschte er die gleichnishafte Erzählweise, wie Die Kinder unseres Viertels zeigt, wo die Geschichte der Menschheit in Gestalten eines Kairoer Stadtviertels erscheint. Neben dem Roman arbeitete er in der Kurzgeschichte, im Essay und im Drehbuch.
Rezeption↑
Anerkennung als führender Schriftsteller seines Landes fand Mahfuz mit der Kairoer Trilogie, für die er den ägyptischen Staatspreis für Literatur erhielt. Diese drei Bände machten ihn weltweit bekannt. 1988 wurde er als erster arabischsprachiger Autor mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet und galt als einer der führenden Intellektuellen der arabischen Welt.
Umstritten blieb er zugleich in der eigenen Gesellschaft. Die Kinder unseres Viertels löste 1959 den Protest konservativer islamischer Kreise aus; der Vorabdruck in der Zeitung al-Ahram wurde abgebrochen, und in Ägypten erschien der vollständige Roman auf Arabisch erst 2006. Der Vorwurf der Gotteslästerung wirkte über Jahrzehnte nach. 1994 überlebte Mahfuz schwerverletzt einen Messerangriff zweier islamistischer Attentäter.
Seine Bekanntheit reichte weit über die Literatur hinaus, da viele seiner Bücher verfilmt wurden. Der Film Midaq Alley von 1995 wurde mit dem Gran Coral ausgezeichnet. In den Vereinigten Staaten nahmen ihn 1992 die American Academy of Arts and Letters als auswärtiges Ehrenmitglied und 2002 die American Academy of Arts and Sciences auf.
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