1893 – 1930
Wladimir Wladimirowitsch Majakowski
Kurzporträt↑
Wladimir Wladimirowitsch Majakowski (1893–1930) war einer der führenden Vertreter des russischen Futurismus. Er verband Dichtung, Malerei und politische Agitation zu einem Werk, das ganz im Dienst der Revolution stand. Geboren im georgischen Kaukasus, wuchs er in Moskau zum Wortführer einer jungen Künstlergeneration heran. Diese wollte mit der klassischen Tradition radikal brechen. Seine Lyrik, seine Dramen und seine satirisch-agitierenden Plakate machten ihn in der jungen Sowjetunion zu einer der bekanntesten Stimmen seiner Zeit. In seinen letzten Jahren wandte er sich kritisch gegen die wachsende Bürokratie des Staates, den er einst gefeiert hatte. Am 14. April 1930 nahm er sich mit 36 Jahren das Leben.
Biografie↑
Majakowski wurde am 7. Juli 1893 als drittes Kind und einziger Sohn eines Försters geboren. Sein Geburtsort war das georgische Baghdati, damals Gouvernement Kutaissi im Russischen Kaiserreich. Beim Geburtsort weichen die Quellen leicht voneinander ab: Wikidata nennt die Schreibweise „Baghdati", die Deutsche Nationalbibliothek „Baghdadi". Vater und Mutter stammten von Kosaken ab. Über seine Herkunft sagte Majakowski 1927 gegenüber einem Mitarbeiter der Prager Presse: „Mein Vater war Kosake, meine Mutter Ukrainerin. Meine Muttersprache war Georgisch. Ich stamme sozusagen aus drei Kulturen." In demselben Gespräch gab er als Geburtsjahr 1894 an, während die geprüften Daten auf 1893 verweisen.
Schon als Schüler in Kutaissi besuchte er vier Jahre das Gymnasium. Er nahm an Demonstrationen teil und las politische Literatur. Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters durch eine Blutinfektion zog die Familie im Juli 1906 nach Moskau. Dort entwickelte der Junge eine Leidenschaft für marxistische Schriften. Er beteiligte sich an Aktionen der Bolschewiki und trat der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands bei. 1908 wurde er aus dem Gymnasium ausgeschlossen, weil seine Mutter das Schulgeld nicht mehr aufbringen konnte. In den Jahren 1908/09 wurde er wegen seiner revolutionären „Aufsässigkeit" dreimal verhaftet. Härteren Strafen entging er nur wegen seiner Minderjährigkeit. Im Butyrka-Gefängnis schrieb er 1909 erste Gedichte, die jedoch von den Aufsehern beschlagnahmt wurden.
Nach der Haft fasste er den Entschluss, sich der Malerei zu widmen. 1911 begann er ein Studium an der Moskauer Kunstfachschule. Dort traf er auf Dawid Burljuk, der sein dichterisches Talent erkannte. Majakowski schloss sich der futuristischen Hyläa-Gruppe um Burljuk und Welimir Chlebnikow an. Im Dezember 1912 veröffentlichte er im Almanach Eine Ohrfeige für den öffentlichen Geschmack seine ersten Gedichte Nacht und Morgen. 1914 wurde er gemeinsam mit Burljuk wegen seiner politischen Aktivitäten von der Kunstakademie ausgeschlossen. Mit Burljuk, Chlebnikow und weiteren unterzeichnete er futuristische Manifeste. Diese richteten sich gegen die alte Kunst und die klassischen Traditionen und wollten eine neue dichterische Sprache schaffen.
Seine Lyrik wurde gegenüber dem bestehenden System zunehmend aggressiver. 1913 schrieb er die Tragödie Wladimir Majakowski. 1914/15 folgte das Poem Wolke in Hosen, das aus der Begegnung mit Marija Denissowa im März 1914 in Odessa hervorging und Liebe, Revolution, Religion und Kunst verhandelt. Bei Kriegsbeginn 1914 wies man ihn als Freiwilligen zurück. Von 1915 bis 1917 arbeitete er in einer Petrograder Fahrschule. Beim Ausbruch der Revolution trug er in Flottentheatern vor Matrosen Gedichte vor, darunter Linker Marsch. Den Matrosen (1918). Er zog wieder nach Moskau und entwarf satirisch-agitierende Plakate für die Nachrichtenagentur ROSTA, die sogenannten Rosta-Fenster. 1919 gab er seine erste Sammlung Gesammelte Werke 1909–1919 heraus. Er war Mitglied der Linken Künstlerfront (1922–1928) und nannte seine Arbeit „kommunistischen Futurismus". Sein Drama Mysterium buffo galt dem bürgerlichen Publikum wegen seines Messias als gotteslästerlich, während das proletarische Publikum mit der modernen futuristischen Form Schwierigkeiten hatte.
Majakowski verehrte den Revolutionsführer Lenin, wie etwa das Gedicht Unsere Jugend (1927) zeigt. Zu dessen Tod verfasste er das Poem Wladimir Iljitsch Lenin (1924). Lenin selbst schätzte das Werk des Futuristen wenig und empfahl Studenten, lieber Puschkin zu lesen. Seine Frau Nadeschda Krupskaja und der Volkskommissar für Kultur Anatoli Lunatscharski überzeugten den Regierungschef jedoch, dass Majakowski die jungen Intellektuellen anspreche und als Agitator nützlich sei. Reisen nach Lettland, Frankreich, Deutschland und in die USA prägten Arbeiten wie Wie arbeitet eine demokratische Republik? (1922), Paris. Unterhaltungen mit dem Eiffelturm (1923) und Meine Entdeckung Amerikas (1925). Auch innerhalb der Sowjetunion reiste er viel und las vor den unterschiedlichsten Hörerschaften. Dabei erfuhr er nicht nur Anerkennung.
Sein Privatleben war eng mit Lilja Brik verbunden, der Ehefrau seines Freundes und Ko-Autors Ossip Brik. Zu ihr unterhielt er eine intensive Beziehung. 1922/23 reisten die Briks gemeinsam mit ihm nach Deutschland. In Berlin stieg er stets im „Kurfürstenhotel" ab. Nach Berichten von Zeitzeugen sollte Lilja Brik im Auftrag der Geheimpolizei GPU darauf achten, dass er sich von der russischen Exilpresse fernhielt. Majakowski selbst unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu dem GPU-Offizier Jakow Agranow. Auf einer Vortragsreise in die USA lernte er 1925 die US-Bürgerin Elli Jones kennen. Die gemeinsame Tochter sah er erst 1929 in Südfrankreich. In den späten 1920er Jahren galt seine Liebe Tatjana Jakowlewa, der er den Brief an Tatjana Jakowlewa (1928) widmete.
Gegen Ende der Zwanzigerjahre kritisierte er die Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft, vor allem die zunehmende Bürokratie. Davon zeugt das satirische Drama Die Wanze (1929). Anfang 1930 wurde in Leningrad sein satirisches Stück Das Schwitzbad uraufgeführt. Darin baut ein Erfinder eine Zeitmaschine und wird von Funktionären sabotiert. Krankheit, private Enttäuschung sowie Kritik und Druck der Literaturfunktionäre prägten seine letzten Monate. Am 14. April 1930 schoss er sich in Moskau mit einer Pistole ins Herz und hinterließ einen Abschiedsbrief. Der Beerdigungskommission stand ausgerechnet Artemi Chalatow vor, der Geschäftsführer der sowjetischen Staatsverlage, der ihn kurz zuvor noch der Zensur unterworfen hatte.
Literarische Merkmale↑
Majakowskis Werk ist vom Futurismus geprägt, dessen russischen Zweig er mit anführte. Mit Burljuk, Chlebnikow und anderen unterzeichnete er Manifeste. Diese wandten sich gegen die alte Kunst und die klassischen Traditionen und wollten eine neue Literatur und dichterische Sprache schaffen. Seine Lyrik wurde gegenüber dem bestehenden System zunehmend aggressiv im Ton.
Dichtung und politische Wirkung gingen bei ihm ineinander über. Er nannte seine Arbeit „kommunistischen Futurismus" und stellte sie offen in den Dienst der Revolution. Das zeigte sich in Gedichten, die er vor Matrosen rezitierte, ebenso in den satirisch-agitierenden Rosta-Fenstern, den Plakaten für die Nachrichtenagentur ROSTA. Sein Hintergrund als Maler und sein Studium an der Moskauer Kunstfachschule verbanden sich so mit dem geschriebenen und gesprochenen Wort. In seinen Dramen wie Mysterium buffo wollte er eine „heroisch-episch-satirische Darstellung" seiner Epoche geben. Die moderne futuristische Form bereitete dem zeitgenössischen Publikum allerdings Schwierigkeiten. In den späten Werken trat ein scharf satirischer Zug hervor, der sich gegen die Bürokratie des Sowjetstaates richtete.
Rezeption↑
Nach Majakowskis Tod strichen Literaturfunktionäre seine Werke zunächst von den Listen geplanter Neuauflagen. Als Lilja Brik davon erfuhr, bat sie Stalin brieflich um die Rehabilitierung ihres früheren Geliebten. Stalin ließ den Brief an die Geheimpolizei GPU weiterleiten und schrieb an den Rand: „Majakowski ist und bleibt der begabteste Dichter unseres sowjetischen Zeitalters." Damit war sein Rang in der Sowjetunion offiziell gesichert. Seine Verse, etwa jene über Lenin, waren sowohl in der Sowjetunion als auch in der DDR sehr bekannt.
Sein Andenken wurde auf vielfältige Weise bewahrt. 1940 erhielt sein georgischer Geburtsort den Namen Majakowski und behielt ihn bis zur Rückbenennung 1990. In seinem Moskauer Wohnhaus hinter der Lubjanka hatte er von 1913 bis zu seinem Tod gelebt. Dort wurde das Majakowski-Museum eingerichtet und im futuristischen Stil umgebaut. Es zeigt unter anderem ROSTA-Fenster, Fotografien, Bühnenbilder und Plakate. Auch die Moskauer Metrostation Majakowskaja erinnert an ihn, deren Deckenmosaike von Zitaten des Dichters durchsetzt sind, ebenso eine gleichnamige Station in Sankt Petersburg. Seine wiederaufgebaute Datsche bei Puschkino dient heute als Kulturzentrum, vor dem ein Standbild steht. Mehrere Majakowski-Theater tragen seinen Namen, ebenso ein Asteroid des äußeren Hauptgürtels und zahlreiche Straßen, etwa der Majakowskiring im Berliner Stadtteil Pankow sowie Straßen in Chemnitz, Gera, Leipzig, Rostock und Stralsund.
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