1873
Der versiegelte Engel
Überblick↑
Die Erzählung Der versiegelte Engel von Nikolai Leskow erschien 1873 im ersten Heft der Moskauer Zeitschrift Russki Westnik. Sie führt in die Welt der Altgläubigen, jener russischen Christen, die für ihren Glauben verfolgt wurden. Im Mittelpunkt steht eine alte Engelsikone, die einer Gruppe wandernder Maurer heilig ist. Ein Ich-Erzähler aus ihren eigenen Reihen berichtet, wie diese Männer um ihr Heiligtum kämpfen. Das Werk zählt zu den bekannteren Erzählungen Leskows und fand noch 1988 in einer Chorkomposition von Rodion Schtschedrin ein musikalisches Echo.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Der Ich-Erzähler Mark Alexandrow ist ein junger verwaister Maurer. Mit einer Gruppe gleichgesinnter Wanderarbeiter baut er in der Ukraine seit dem vierten Jahr an einer Kettenbrücke über den Dnepr. Die Männer stammen aus weit entfernten russischen Gegenden und gehören sämtlich den Altgläubigen an. Unter ihrem Gildemeister Luka Kirilow haben sie es bei dem englischen Bauleiter James vor allem deshalb so lange ausgehalten, weil man sie hier in Ruhe ließ. Solche Raskolniken wurden um 1850 in Russland verfolgt. Drei Jahre lang hatte der Staat die Bauleute nicht behelligt, und so sollte es bleiben: Sie beteten im Verborgenen und achteten streng auf Geheimhaltung.
Der Rechnungsführer Pimen Iwanow, ein eitler Prahler und Wichtigtuer aus den eigenen Reihen, lenkt durch unbedachte Äußerungen die Aufmerksamkeit der Behörden auf den verbotenen Gottesdienst. Beamte, Gendarmen und Soldaten überraschen den über siebzigjährigen Schmied Maroi beim Gebet in der Stube, die ihnen als Betraum dient. Das Heiligste der Gemeinschaft, eine alte Engelsikone aus der Werkstatt eines Stroganower Meisters, können die Altgläubigen nicht retten. Einer der Beamten drückt das siedende Harz seines Siegellackstabes auf das Antlitz des Engels. Der so geblendete Schutzengel wird fortgetragen und dem Erzbischof in der großen Stadt am anderen Flussufer in Verwahrung gegeben.
Von da an richtet sich alles Denken der Bauleute auf eine Frage: Wie bekommen sie ihren Engel zurück? Der Bauleiter James versucht zu vermitteln. Mark Alexandrow wird auf eine weite Reise geschickt, um einen Ikonenmaler herbeizuholen. Und über dem winterlichen Dnepr, zwischen Eisgang und den erst halb fertigen Brückenpfeilern, entscheidet sich, was aus dem gewagten Plan der Männer wird.
Die Handlung im Detail↑
Mark Alexandrow, der Ich-Erzähler, blickt auf seine Jahre als junger Maurer zurück. Mit einer Gruppe altgläubiger Wanderarbeiter unter dem Gildemeister Luka Kirilow baute er in der Ukraine im vierten Jahr eine Kettenbrücke über den Dnepr. Die Männer kamen aus weit entfernten russischen Gegenden und hielten vor allem wegen ihres Glaubens bei dem englischen Bauleiter James aus. Raskolniken wurden um 1850 in Russland verfolgt, doch drei Jahre lang hatte der Staat sie in Ruhe gelassen. Deshalb beteten sie im Verborgenen.
Der eitle Rechnungsführer Pimen Iwanow, ein Prahler und Wichtigtuer, lenkt durch unbedachte Äußerungen die Aufmerksamkeit der Behörden auf den staatlich untersagten Gottesdienst. Uniformierte Beamte, Gendarmen und Soldaten überraschen den reichlich siebzigjährigen Schmied Maroi beim Gebet in der Stube, die ihnen als Betraum dient. Die Altgläubigen können ihr Heiligstes nicht retten: die alte Engelsikone aus der Werkstatt eines Stroganower Meisters. Einer der Beamten drückt das siedende Harz seines Siegellackstabes auf das Antlitz des Engels. Der geblendete Schutzengel der Bauleute wird konfisziert und dem Erzbischof in der großen Stadt am anderen Dnepr-Ufer zur Verwahrung übergeben.
Pimen verlässt die Altgläubigen und tritt der Staatskirche bei. Der Bauleiter James will den Bauleuten die Ikone zurückholen, erhält vom Erzbischof aber nur den silbernen Beschlag des Bildes. Im Auftrag seines Landsmannes Luka Kirilow macht sich Mark Alexandrow auf den Weg und holt den Ikonenmaler Sewastjan herbei. Um die Weihnachtszeit stiehlt James während der Messe beim Erzbischof die Ikone. Maroi, Luka Kirilow und der Erzähler rudern hinüber und holen sie ab. Sewastjan hat die Kopie bereits gemalt. Nun entsiegelt er das Original mit einem glühenden Bügeleisen.
Die künstlich gealterte Kopie soll dem Erzbischof untergeschoben werden. Doch einsetzender Eisgang macht die Überquerung des Flusses im Kahn unmöglich. Von der Kettenbrücke stehen nur die Pfeiler, an denen schon die Ketten hängen. Luka Kirilow vollbringt das Kunststück: Der Gildemeister balanciert im Wintersturm über die Ketten ans andere Ufer und gesteht dem Erzbischof den Diebstahl. Seine Eminenz verzeiht.
Leskow führt die Erzählung zu einem guten Ende. Am nächsten Morgen treten die Altgläubigen der Staatskirche bei. Diesen Schluss, die Bekehrung der Altgläubigen, soll Katkow verlangt haben, der konservative Herausgeber der Zeitschrift.
Stil↑
Die Wirkung der Erzählung beruht wesentlich darauf, wer hier spricht. Nicht ein überlegener Beobachter von außen berichtet, sondern ein Altgläubiger selbst: Mark Alexandrow erzählt in der Ich-Form von seiner eigenen Gemeinschaft. Der Leser muss den Glauben an die Wunderkraft der Ikone nicht teilen, um ihn von innen heraus nachzuvollziehen.
Das Handwerk steht dabei gleichberechtigt neben dem Glauben. Brückenbau, Siegellack, das glühende Bügeleisen, das künstliche Altern einer Kopie: Leskow erzählt sehr genau von Arbeitsvorgängen und Materialien.
Rezeption↑
Dostojewski griff die Erzählung 1873 im Tagebuch eines Schriftstellers an: Die Bekehrung der Altgläubigen stütze sich auf ein erfundenes Wunder. Dieser Einwand traf den Schluss, den der Herausgeber der Zeitschrift verlangt haben soll.
Im 20. Jahrhundert blieb die Erzählung in deutscher Sprache gut zugänglich. 1922 erschien die Übersetzung von Alexander Eliasberg bei Musarion. Später legten Ruth Fritze-Hanschmann und Hartmut Herboth Übersetzungen vor. Diese erschienen in mehreren Sammel- und Einzelausgaben, darunter 1968 bei der Dieterich'schen Verlagsbuchhandlung in Leipzig sowie 1969 und 1985 bei Rütten & Loening in Berlin. Eine Ausgabe des Union Verlags von 1972 wurde von Kurt Eichler illustriert.
Auch die Musik griff den Stoff auf. Rodion Schtschedrin schrieb 1988 unter dem Titel Der versiegelte Engel eine russische Liturgie für gemischten Chor, Solisten, Knabenstimmen und Flöte.
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