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Werkseintrag · Die Lady Macbeth von Mzensk
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Die Lady Macbeth von Mzensk
1865
– Werkseintrag –

Die Lady Macbeth von Mzensk

1865 · Novelle

Eine junge Kaufmannsfrau, in einer freudlosen Ehe gefangen, lässt sich auf einen Bediensteten ein – und ihre Leidenschaft kennt bald keine Grenzen mehr.

Überblick

Die Novelle Die Lady Macbeth von Mzensk stammt von dem russischen Schriftsteller Nikolai Leskow und erschien 1865. Sie erzählt von Katerina Lwowna, der Frau eines wohlhabenden Kaufmanns, die aus Langeweile und Leidenschaft in eine Kette von Verbrechen gerät. Der Titel stellt die Kaufmannsfrau aus der russischen Provinz neben die berüchtigte Königin aus Shakespeares Tragödie Macbeth. Das Werk wird dem kritischen Realismus zugeordnet. Sein Stoff wurde später mehrfach für die Opernbühne und den Film bearbeitet.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht Katerina Lwowna, eine junge Frau, die mit dem deutlich älteren Kaufmann Zinovij Borisytsch verheiratet wird. Ihre ärmlichen Verhältnisse ließen eine freie Wahl nicht zu, und auch als Kaufmannsgattin findet sie keinen Freiraum. Sie langweilt sich auf dem Anwesen, während ihr Mann oft geschäftlich unterwegs ist. Immer wieder gähnt sie, streift durchs Haus und hängt ihren Gedanken nach. Lesen mag sie nicht, und im Haus stehen ohnehin nur wenige Bücher.

Die Ehe bleibt kinderlos. Weil der Mann unfruchtbar ist, schiebt er die Schuld auf sie, und auch der Schwiegervater macht ihr Vorwürfe. Hinter hohen Zäunen lebt Katerina eingesperrt wie ein „Kanarienvogel im Käfig", wie es später heißt. In diese Leere hinein umschmeichelt sie der Lagergehilfe Sergej Filipytsch. Obwohl die Köchin warnt, er sei ein Schürzenjäger, lässt sich Katerina leidenschaftlich auf ihn ein.

Als der Schwiegervater den Ehebruch entdeckt, spitzt sich die Lage zu. Schon in den ersten Kapiteln deutet der Erzähler an, dass Katerina in ein „schreckliches Drama" verstrickt sein wird. Wohin ihre Leidenschaft sie treibt, entfaltet die Novelle Schritt für Schritt.

Die Handlung im Detail

Zu Beginn wird Katerina Lwowna beinahe steckbriefartig vorgestellt: ihr Alter, ihr Aussehen, die Umstände ihrer Heirat, lakonisch mit dem Satz „Das war alles" abgeschlossen. Sie lebt freudlos an der Seite ihres viel älteren Mannes Zinovij Borisytsch, gelangweilt und isoliert. Die Kinderlosigkeit geht auf die Unfruchtbarkeit des Mannes zurück, doch er und der Schwiegervater Boris Timofeitsch machen ihr die Vorwürfe.

Während einer langen Abwesenheit des Gatten nähert sich der Lagergehilfe Sergej Filipytsch der einsamen Frau. Er reizt ihre Weiblichkeit, und sie gibt sich ihm hin, obwohl die Köchin sie warnt, Sergej sei erst kürzlich von einem anderen Hof gejagt worden, weil er dort ein Verhältnis mit der Herrin hatte. In einem Kapitel voller Frühlingssinnlichkeit verbringen die beiden eine leidenschaftliche Nacht unter einem Apfelbaum im Garten, der Katerina paradiesisch erscheint. Sie bemerkt nicht, dass Sergej bereits das Interesse an ihr verliert.

Der Schwiegervater entdeckt den Ehebruch, sperrt Sergej in einen Schuppen und schickt nach seinem Sohn. Daraufhin vergiftet Katerina Boris Timofeitsch und befreit ihren Geliebten. Der Tod fällt niemandem auf, weil ein Pilzgericht als Ursache gelten kann. Bald darauf erscheint ihr im Traum ein Kater, der mit der Stimme des Toten spricht. Abschrecken lässt sie sich davon nicht.

Als Zinovij Borisytsch zurückkehrt und es zur Konfrontation kommt, töten Katerina und Sergej auch ihn und verscharren ihn im Keller. Katerinas darauf folgende Schwangerschaft entlarvt den verstorbenen Gatten nachträglich als den Unfruchtbaren. Das Paar gibt sich als Eheleute und freut sich über das Erbe. Doch dann erfahren sie, dass der minderjährige Fedja, ein Großneffe des Schwiegervaters, ein Anrecht auf den Hauptteil des Vermögens hat. Der Junge trifft mit seiner Großtante auf dem Gut ein.

Sergej, der von einem reichen Kaufmannsleben träumt, drängt darauf, Fedja zu beseitigen. Am Abend vor dem Fest Mariä Opfer, während die Dorfbewohner zur Messe gehen, ersticken die beiden den kranken Jungen mit einem Kissen. Er hat zuvor im Bett die Geschichte seines Namenspatrons gelesen. Nach der Tat scheint das Haus zu beben, „als ob überirdische Kräfte das sündebeladene Haus bis ins Fundament erschütterten". Sergej meint erschrocken, den Geist Zinovij Borisytschs gesehen zu haben. Katerina bleibt kühl und erkennt, dass in Wahrheit eine Menschenmenge vor dem Haus steht: Ein Bauer hat den Mord beobachtet und die Leute aus der Kirche geholt.

Die Täter werden verhaftet, müssen gestehen und die Strafe hinnehmen. Bei der Auspeitschung ruft Sergej Mitleid hervor, Katerina aber bleibt kalt und ungerührt. Auf dem Weg nach Sibirien zur Zwangsarbeit erträgt sie ihr Los gleichmütig, weil sie in Sergejs Nähe ihr Glück findet. Aufopfernd spart sie Essen für ihn auf. Er jedoch hat genug von ihr, verhöhnt und demütigt sie vor den anderen Gefangenen und macht anderen Frauen den Hof. Nach und nach leidet Katerina unter Spott und Eifersucht. Bei der Überfahrt über die Wolga stürzt sie sich in blinder Wut auf die Nebenbuhlerin Sonetka und reißt sie mit sich in die kalten Wogen des Flusses, wo beide ertrinken.

Stil

Zu den Vertretern des kritischen Realismus wird Leskow gezählt, den man neben Gontscharow, Turgenew und Dostojewski der sogenannten russischen Plejade zurechnet. Er selbst sah sich mehr als Aufzeichner denn als Erfinder, ausgestattet vor allem mit Beobachtungsgabe. Als Autor mischt er sich nicht ein, sondern beschreibt die Vorgänge, ohne sie moralisch zu bewerten.

Sein Stil ist knapp, bisweilen kühl und distanziert, dabei aber dicht und dynamisch. Vieles erreicht er durch Andeutung und Aussparung. Das erste Kapitel wirkt wie ein Steckbrief, der nur die nötigsten Angaben liefert und mit den Worten „Das war alles" endet. Den Tod des Schwiegervaters schildert Leskow mitleidlos und nüchtern, als ginge es um eine lästige Ratte. Ob und wie Katerina das Gift ins Essen mischte, verrät er nicht; der Leser versteht den Zusammenhang trotzdem sofort.

Zu diesen lakonischen Passagen setzt Leskow scharfe Kontraste. Auf das kurze fünfte Kapitel mit dem ersten Mord folgt das sechste, das vor Leben strotzt: sinnliche Frühlingseindrücke, Tierlaute, Düfte, Lichtspiel. Um dem gelebten Leben nahezukommen, verwendet Leskow volkstümliche Wendungen und Mundart. Dieses folkloristische Kolorit trägt in der russischen Literatur den Namen skaz, den Stender-Petersen als „Brechung der Erzählung durch das Prisma einer bestimmten Sprachwelt" beschrieben hat. Leskow schreibt also nicht nur über die Provinz, sondern in ihrer Sprache.

Der Realismus schließt phantastische Züge nicht aus. Katerinas Halluzination des sprechenden Katers verwischt zum ersten Mal die Grenze zwischen Wirklichkeit und Einbildung. Das bebende Haus nach dem Mord an Fedja hat dagegen eine ganz nüchterne Ursache: die rüttelnde Menschenmenge davor. Nur den Mördern erscheint es, als hätte das Haus ein Eigenleben entwickelt.

Rezeption

Weit über Leskows Zeit hinaus hat der Stoff der Novelle nachgewirkt. Die Figur der Katerina, die aus Leidenschaft zur mehrfachen Mörderin wird, hat immer wieder Musiker und Filmemacher angezogen. 1934 gelangte die Geschichte als Oper unter dem Titel Lady Macbeth von Mzensk auf die Bühne.

Auch das Kino hat sich des Stoffes mehrfach angenommen. 1962 verfilmte Andrzej Wajda ihn unter dem Titel Blut der Leidenschaft. 1966 folgte die Verfilmung Katerina Ismailowa, 1989 eine weitere unter der Regie von Roman Balajan. 1994 verlegte Waleri Todorowski die Handlung in seinem Film Das Leben ist (k)ein Roman in eine neue Zeit. 2016 schließlich übertrug William Oldroyd den Stoff in Lady Macbeth in ein anderes Land. Diese lange Reihe von Bearbeitungen zeigt, wie stark die Geschichte der leidenschaftlichen Mörderin aus der russischen Provinz bis heute fasziniert.

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