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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Nikolai Semjonowitsch Leskow
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Porträt Nikolai Semjonowitsch Leskow
Nikolai Semjonowitsch Leskow
1831 – 1895
– Autorenporträt –

Nikolai Semjonowitsch Leskow

1831 – 1895 · 64 Jahre

Russischer Erzähler des 19. Jahrhunderts, der die Sprache des einfachen Volkes zur Kunst erhob und zu Lebzeiten neben Dostojewski und Tolstoi galt.

Kurzporträt

Zu den bedeutenden russischen Prosaschriftstellern des 19. Jahrhunderts zählt Nikolai Semjonowitsch Leskow. Er wurde 1831 im Gouvernement Orjol geboren und starb 1895 in Sankt Petersburg. Mit seinen Erzählungen und Novellen errang er Anerkennung. Zu Lebzeiten galt er neben Dostojewski und Tolstoi als einer der wichtigsten russischen Prosaautoren. Leskow war ein kenntnisreicher und durchaus kritischer Beobachter seines Landes. Er trat für Reformen ein, lehnte aber jede umstürzlerische Bewegung ab. Bekannt wurde er besonders für seine Kunst des mündlichen, volkstümlichen Erzählens. Diese verwurzelte viele seiner Geschichten in der Sprache des einfachen Volkes.


Biografie

Geboren wurde Leskow 1831 im Gouvernement Orjol. Sein Vater war ein Beamter, der erst kurz zuvor geadelt worden war. Seine Ausbildung erfolgte zunächst durch Privatlehrer. Später besuchte er das Gymnasium von Orjol, das er jedoch ohne Abschluss verließ. Nach dem finanziellen Ruin der Familie begann er 1847 als Kanzleibeamter beim Kriminalgericht von Orjol zu arbeiten. 1850 ging er nach Kiew, wo er als Sekretär für die Rekrutierungsbehörde der Armee tätig war. Dort förderte ein angeheirateter schottischer Onkel seine weitere Bildung. Dieser Onkel war Professor für Medizin.

1853 heiratete Leskow Olga Smirnowa. Aus der Ehe gingen ein Sohn und eine Tochter hervor. Ab 1857 arbeitete er für ein englisches Handelsunternehmen. In dessen Auftrag musste er viel reisen und lernte dabei weite Teile Russlands kennen. 1860 kündigte er seine Stellung, verließ seine Frau und ließ sich in Petersburg als Journalist nieder. In dieser Zeit begann er auch zu schreiben. Erste Erzählungen erschienen in Zeitschriften. Zwischen 1862 und 1863 bereiste er Osteuropa und Frankreich. Ab 1865 lebte er mit Katerina Bubnowa zusammen. Der gemeinsame Sohn Andrei Leskow verfasste später die erste Biografie des Autors.

Mit den frühen Romanen Ohne Ausweg (1865) und Bis aufs Messer (1870) geriet Leskow in Gegensatz zu den tonangebenden liberalen literarischen Kreisen seiner Zeit. Anerkennung verschafften ihm erst seine Erzählungen und Novellen. 1874 nahm er eine Anstellung im Kultusministerium an. 1883 wurde er dort entlassen, nachdem er sich kritisch über Kirche und Staat geäußert hatte. Auch mit seinen literarischen Arbeiten kam er in den folgenden Jahren immer häufiger in Konflikt mit der staatlichen Zensur. Leskow starb am 5. März 1895 in Sankt Petersburg und wurde auf dem Wolkowo-Friedhof beigesetzt. In seinen letzten Lebensjahren litt er an Angina pectoris und Asthma.


Literarische Merkmale

Realistisch und oft volkstümlich sind Leskows Erzählungen und Romane. Zugleich tragen sie einen starken symbolistischen Einschlag. Das zeigt sich gerade darin, dass er traditionelle religiöse Erzählformen wie die Legende aufgriff. Gern flocht er mystische oder märchenhafte Elemente in seine Stoffe ein. Sein Werk zeichnet sich durch Umgangssprache und Dialektfärbung aus. Damit gelang es ihm, die russische Literatursprache zu erweitern. Zugleich fing er neue Seiten des Alltagslebens gerade der einfachen Menschen ein.

Eine besondere Qualität erblickt die Literaturwissenschaft in seinem Stil der mündlichen Erzählung in bäuerlicher Sprache. Dieser Stil wird im Russischen Skaz genannt und lebt von seinen Verdrehungen „gelehrter" Wörter. Sein Werk gilt als schwer übersetzbar. Als besonders gelungen werden die Übertragungen von Johannes von Günther genannt.

Inhaltlich kreisen viele Werke um einen Widerspruch: den zwischen einem unverfälschten, natürlichen Wesen des Menschen und einem verzerrten Wesen, wie es im alltäglichen gesellschaftlichen Handeln hervortritt. Leskow zeigte die Befreiung des Menschen nicht durch eine Umgestaltung der Gesellschaft, sondern durch eine Abwendung von ihr. Deshalb geriet er in einen unversöhnlichen Gegensatz zur revolutionären russischen Bewegung. Viele seiner Figuren handeln aus einem russisch-patriotischen oder christlichen Selbstverständnis heraus moralisch. Dabei verwickeln sie sich in zahlreiche Widersprüche. Ein besonderes Interesse galt der Sekte der Altgläubigen, die im Russischen Kaiserreich verboten, aber weit verbreitet war. In mehreren Erzählungen spielt sie eine bedeutende Rolle.


Rezeption

Schon zu Lebzeiten zählte Leskow neben Dostojewski und Tolstoi zu den angesehensten russischen Prosaautoren. Die liberalen literarischen Kreise begegneten ihm allerdings zunächst ablehnend. Sein Ruf gründet vor allem auf den Erzählungen und Novellen, durch die er Anerkennung fand.

Seine Wirkung reicht über die russische Literatur hinaus. Die Erzählung Die Lady Macbeth von Mzensk (1865) lieferte die Vorlage für die gleichnamige Oper von Schostakowitsch. Thomas Mann notierte in seinen Tagebüchern (9. Juli 1935): „Ljeskow ist immer zuträglich." Walter Benjamin widmete ihm den Essay Der Erzähler, eine Betrachtung zum Werk Leskows. Bis heute ist sein Schaffen Gegenstand literaturwissenschaftlicher Arbeiten. Diese befassen sich besonders mit seiner Erzähltechnik des Skaz und mit der Darstellung religiöser Menschen.

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