1897 – 1976
Alexander Lernet-Holenia
Kurzporträt↑
Zu den eigenwilligen Gestalten der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts gehört Alexander Lernet-Holenia (1897–1976). Der in Wien geborene und dort gestorbene Schriftsteller schrieb Lyrik, Dramen und vor allem Erzählungen, von denen ein großer Teil der phantastischen Literatur zugerechnet wird. Seine Prosa kreist immer wieder um den Untergang der Donaumonarchie, um Offiziere der k. u. k. Armee, um Rollenspiel, Ich-Verlust und das Schicksal des österreichischen Adels. Zu Lebzeiten war er wegen seiner polemischen Zeitkritik heftig umstritten, wurde aber wegen seines eleganten Stils viel gelesen. Freunde und Bewunderer nannten ihn den „letzten Grandseigneur der österreichischen Literatur“.
Biografie↑
Am 21. Oktober 1897 kam Alexander Maria Norbert Lernet in Wien zur Welt. Seine Mutter, Sidonie (1856–1935), geborene Holenia, war die Tochter des wohlhabenden Kärntner Montanindustriellen Romuald Holenia und Witwe des Barons Julius von Boyneburgk-Stettfeld. Kurz vor Alexanders Geburt heiratete sie den zehn Jahre jüngeren k. u. k. Marineoffizier Alexander Lernet. Die Verbindung endete rasch in einem Scheidungsdrama. Über eine mögliche adelige Herkunft wurde in der Familie viel spekuliert, und diese Spekulationen beschäftigten Lernet-Holenia laut der Neuen Deutschen Biographie zeitlebens. Literarisch wurde daraus ein „Ursprungsgeheimnis“, das sein Werk mit unehelichen Kindern, Doppelgängern und genealogischen Rätseln durchzieht.
Er wuchs zwischen Wien und Klagenfurt auf und legte 1915 in Waidhofen an der Ybbs die Matura ab. Noch im September desselben Jahres meldete er sich freiwillig zum Militär und zog vom Gymnasium direkt an die Front des Ersten Weltkriegs. Dem 9. Dragonerregiment zugeteilt, kämpfte er in Ostgalizien, in Russland, in der Ukraine und in Ungarn. 1916 wurde er zum Fähnrich, 1917 zum Leutnant befördert und für seine Tapferkeit ausgezeichnet. Prägend war die Begegnung mit Oberstleutnant Karl Anton Klammer, der unter dem Namen K. L. Ammer als Übersetzer von Villon, Rimbaud und Verlaine bekannt wurde und Lernet-Holenias Neigung zum Lyrischen stärkte. In der Ukraine erlebte er den Zusammenbruch des Habsburgerreiches – eine Erfahrung, die zur Grundlage seines künftigen Schaffens wurde. Nach seiner Rückkehr nahm er 1919 am Kärntner Abwehrkampf teil.
Im Jahr 1920 wurde er von der wohlhabenden Familie seiner Mutter adoptiert und trug seither den Doppelnamen Lernet-Holenia. Seine ersten Gedichte hatte er schon mit siebzehn Jahren verfasst und von der Front aus an Rainer Maria Rilke geschickt, den er grenzenlos bewunderte. Mit anspruchsvoller expressionistischer Lyrik trat er Anfang der 1920er Jahre in die Literatur ein. Der erste Gedichtband Pastorale erschien 1921, der zweite, Kanzonnair, 1923 beim Insel Verlag; er orientierte sich stärker an Pindar und Hölderlin. Rilke, Hermann Bahr und Hugo von Hofmannsthal erkannten diese Arbeiten an. Bahr zählte ihn zu den „größten Hoffnungen“ der deutschsprachigen expressionistischen Literatur.
Mit der Tragödie Demetrius wandte sich Lernet-Holenia dem Theater zu. 1926 erhielt er, im Alter von 29 Jahren, den Kleist-Preis für Demetrius, Ollapotrida und Österreichische Komödie; die Neue Deutsche Biographie nennt für die Einakter Saul und Alkestis im selben Jahr zudem den Goethe-Preis der Stadt Bremen. Seinen Hang zur Provokation zeigte er 1930, als er anlässlich einer vermeintlichen Plagiatsaffäre um das gemeinsam mit Paul Frank verfasste Stück Attraktion lautstark auf den Kleist-Preis verzichtete. Ollapotrida brachte ihm den ersten finanziellen Erfolg; mit Komödien im leichten, geistreichen Ton fand er ein einträgliches Schaffensgebiet. In diesen Jahren entstanden enge Freundschaften – mit Stefan Zweig, mit dem er 1928 unter dem Pseudonym Clemens Neydisser die Komödie Gelegenheit macht Liebe schrieb, ferner mit Carl Zuckmayer, Ödön von Horváth und Leo Perutz, den er 1928 in St. Wolfgang kennenlernte.
Die 1930er Jahre brachten eine intensive erzählerische Produktion. Der erste Roman, Die nächtliche Hochzeit, folgte 1930, ein Jahr darauf Die Abenteuer eines jungen Herrn in Polen. Es entstanden unter anderem Ich war Jack Mortimer (1933), Die Standarte (1934), Der Baron Bagge (1936), Der Mann im Hut (1937) und Ein Traum in Rot (1939). Viele dieser Texte spielen an den Frontlinien des Ersten Weltkriegs; im Mittelpunkt steht meist ein Offizier der k. u. k. Armee. Der Verkaufserfolg verschaffte ihm eine komfortable Lage und lange Reisen durch Europa und nach Nord- und Südamerika. Zugleich verfinsterte sich der politische Horizont: Das NS-Regime setzte am 1. Mai 1933 den Roman Jo und der Herr zu Pferde auf die erste „Schwarze Liste“, Grundlage der Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933. In einem langen Brief vom 27. Mai 1933 ließ Lernet-Holenia den von ihm literarisch hochgeschätzten Gottfried Benn seine Missbilligung von dessen Loyalität zum Nationalsozialismus wissen. 1935 erklärte die NS-Verwaltung sein Werk für „ein nationalsozialistisches Publikum untragbar“.
Am Abend des 13. März 1938, dem Tag des „Anschlusses“, traf er sich mit bedrohten Freunden – Zuckmayer, Horváth, Franz Theodor Csokor, Albrecht Joseph –, die alle den Weg ins Exil wählten. Er selbst ging Anfang 1939 an Bord eines Schiffes in die Karibik und nach Nordamerika, kehrte aber noch im selben Jahr nach Europa zurück. Er nahm am Polenfeldzug teil, wurde durch eine Verwundung kriegsuntauglich und versah nur kurze Zeit einen Posten als Chefdramaturg der Heeresbildstelle. Danach zog er sich auf seinen Landsitz im Salzkammergut zurück. Dort entstand sein wichtigstes Werk dieser Jahre, der Roman Mars im Widder: 1940/41 zunächst als Fortsetzung in der Zeitschrift „Die Dame“ und danach bei S. Fischer gedruckt, untersagten NS-Behörden im Juli 1941 seine Auslieferung; die eingelagerten Exemplare wurden 1943 bei einem Bombenangriff vernichtet, sodass der Roman erst 1947 in Stockholm erscheinen konnte. Ebenfalls auf dem Landsitz entstanden Beide Sizilien (1942) sowie die Lyrikbände Die Titanen (1945) und Die Trophäe (1946). 1945 heiratete er Eva Vollbach.
Während des Krieges waren seine Werke wenig gefragt. Erst 1947 war mit Die Frau des Potiphar bei den Salzburger Festspielen wieder ein Drama von ihm zu sehen. In dieser Zeit bestritt er seinen Lebensunterhalt mit Filmdrehbüchern und übersetzte aus dem Italienischen, Spanischen, Französischen und Englischen. Später folgten zahlreiche Neubearbeitungen früherer Theaterstücke, die ihm beträchtliche Publikumserfolge brachten; in den 1960er Jahren traten historische Studien in den Vordergrund. Er gehörte dem Herausgeberkreis der Zeitschrift „Forum“ an und war seit 1969 Präsident des österreichischen PEN-Clubs. 1972 legte er dieses Amt aus Protest gegen die Nobelpreisverleihung an Heinrich Böll nieder. Am 3. Juli 1976 starb Alexander Lernet-Holenia in Wien.
Literarische Merkmale↑
Prägend für sein Werk ist die Verbindung von scheinbarer Leichtigkeit und ernstem Untergrund. Die Neue Deutsche Biographie nennt Rollenspiel und Ich-Verlust sowie das Schicksal des österreichischen Adels als die durch seine Biographie veranlassten, dominierenden Themen. Ein großer Teil seiner Erzählungen gehört zur phantastischen Literatur; genealogische Rätsel, Doppelgänger und Identitätsverwirrungen kehren immer wieder. Viele Texte spielen an den Frontlinien des Ersten Weltkriegs und stellen einen Offizier der k. u. k. Armee in den Mittelpunkt.
Seine Lyrik knüpft an eine hymnische Tradition an und orientierte sich nach dem von Rilke inspirierten Erstling zunehmend an Pindar und Hölderlin. Im Drama führte sein Weg vom Expressionismus und lyrischen Drama hin zur Komödie und zum Boulevardstück. Für diese Bühnenarbeiten kennzeichnend ist ein lockerer, geistreicher Schwankton. Wie leicht ihm das Schreiben fiel, sprach er einmal gegenüber Carl Zuckmayer aus: Ihm genüge ein verregnetes Wochenende, um eine Komödie zu verfassen. Der scheinbar oberflächliche Ton seiner Dialoge und der schwankhafte Charakter mancher Stücke wurden ihm von der Kritik oft verübelt, während das Publikum seine durch Ironie und Skepsis geprägten Gesellschaftsgeschichten schätzte. Zuckmayer hob seine Fähigkeit hervor, den Leser unaufhörlich zu überraschen, und seine „zugleich souveräne und demütige Art, mit der Sprache umzugehen“.
Rezeption↑
Umstritten und viel gelesen zugleich – so lässt sich seine Wirkung zu Lebzeiten beschreiben. Wegen seines Hanges zu polemischer Zeitkritik war Lernet-Holenia heftig umstritten. Gleichwohl fanden seine Werke wegen ihres eleganten Stils und ihrer außergewöhnlichen Erzählkunst viele Leser. Stefan Zweig beschrieb ihn in einem Brief an Richard Strauss als „ein[en] geheimnisvolle[n] Mensch[en] als Dichter, ganz groß in seinen Gedichten und einigen seiner dramatischen Szenen“, der dann wieder „unglaublich lässig“ sei, wenn er aus Gelderwerb seichte Komödien oder Romane schreibe; erwache jedoch „das Feurige“ in ihm, sei er „großartiger als alle andern“.
Auch im Urteil über sein Werk herrschte keine Einhelligkeit. Otto Basil und andere verehrten ihn als Bewahrer der hymnischen Tradition und als Erben Rilkes, Hölderlins und Pindars, während Karl Kraus seine Lyrik als „Sterilke“ und „Puerilke“ verspottete. Sein leicht hingeworfener Bühnenton brachte ihm den Ruf der „Intrigen aus dem Handgelenk“ (Böhm) ein. In jüngerer Zeit rückten die phantastischen Elemente seiner Werke in den Blick der Literaturwissenschaft. Beispielhaft steht dafür ein Urteil, das ihn – „neben Perutz, dessen letzten Roman er herausgab“ – als einen der wichtigsten österreichischen Erzähler des Phantastischen einordnet.
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