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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Die andere Seite
1909
– Werkseintrag –

Die andere Seite

1909 · Roman

Ein Zeichner folgt der Einladung eines reich gewordenen Schulfreundes in ein abgeschottetes Reich in Asien, wo die Sonne nie scheint und jeder Fortschritt verboten ist.

Überblick↑

Der Roman Die andere Seite. Ein phantastischer Roman stammt von dem Zeichner Alfred Kubin. Er entstand im Herbst 1908 aus einer Schaffenskrise heraus. Erschienen ist er 1909 im Verlag G. Müller in München und Leipzig, ausgestattet mit 52 Illustrationen von Kubin selbst. Das Buch erzählt von einem abgeschlossenen Reich in Asien, in dem Fortschritt und Wissenschaft verbannt sind. Es ist ein düsterer phantastischer Roman und gilt als Wegbereiter der deutschsprachigen Surrealisten.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Zu Beginn erhält der Erzähler, von Beruf Zeichner wie Kubin selbst, einen überraschenden Besuch. Ein Gesandter namens Franz Gautsch überbringt ihm eine Einladung von Claus Patera, den der Erzähler aus der gemeinsamen Gymnasialzeit in Salzburg kennt. Patera ist zu unermesslichem Reichtum gekommen und hat sich im fernen Asien ein eigenes Reich geschaffen, das Traumland. Dort ist alles verbannt, was nach Fortschritt riecht, die Wissenschaften zuallererst. Zunächst hält der Erzähler den Besucher für einen Geisteskranken. Ein Scheck über hunderttausend Mark stimmt ihn um, und nach langem Zureden willigt auch seine Frau ein.

Die Reise führt mit der Bahn nach Zentralasien. An der Grenze müssen die beiden fast alle Habseligkeiten zurücklassen, denn schon die Zollbestimmungen sollen den Fortschritt draußen halten. In der Hauptstadt Perle scheint die Sonne niemals; ein Vorhang aus Wolken trennt das Reich von der Außenwelt. Der erste Eindruck enttäuscht den Erzähler, seiner Frau dagegen gefällt die milde Luft. Die Traummenschen tragen die Kleider ihrer Eltern und Großeltern, die Behörden weisen Anträge wegen Formfehlern zurück, und wie viel Geld einer besitzt, weiß er selbst nie.

Rasch gewöhnt sich das Paar an die Sitten der Stadt. Der Erzähler bekommt einen Posten als Zeichner bei der Zeitung Traumspiegel und findet Freunde, darunter einen Friseur, der mehr Philosoph ist als Haarschneider. Doch unter der Oberfläche liegt etwas Bedrohliches: nächtliche Geräusche, von denen niemand spricht, eine religiöse Sitte namens Uhrbann, ein Brief nach draußen, der nach zwei Jahren als unzustellbar zurückkommt. Seine Frau, die Patera einmal gesehen hat, verfällt zunehmend in Angstzustände. Und in die Stadt kommt ein zweiter unermesslich reicher Mann: der Amerikaner Herkules Bell aus Philadelphia, der ein Ende der Herrschaft Pateras herbeiführen will.

Die Handlung im Detail↑

Der Erzähler blickt aus großem Abstand zurück: Die gemeinsame Schulzeit mit Claus Patera in Salzburg liegt sechzig Jahre vor der Niederschrift. Der Gesandte Franz Gautsch erklärt ihm den Aufbau des Traumreichs und die Ideen, die dort gelten, vor allem die Abkehr vom Fortschritt. Er hinterlässt einen Einladungsbrief und ein kleines Bild Pateras. Der Scheck erweist sich als gedeckt, die Frau gibt nach, und das Paar reist ab. Nach der Bahnfahrt und der Ankunft in Perle schildert der Erzähler die Regionen der Stadt, die Quartiere und ihre Menschen.

Mit der Zeit drückt die Stadt auf das Paar. Das Geld ist fort, die Nachbarschaft macht Ärger. Auf der einen Seite die hässliche Prinzessin von X, eine alte Jungfer, auf der anderen ein Student. Der Erzähler pflegt seine Bekanntschaften im Kaffeehaus. Seine Frau bleibt in der Wohnung und wird immer schwächer. Sie behauptet, in einem nahen Brunnen spuke es. Im Keller einer Molkerei stößt der Erzähler auf ein verwahrlostes Pferd. Es rast an ihm vorbei und versetzt ihn in Todesangst. Der Gang führt direkt ins Kaffeehaus. Dort klärt ihn ein älterer, würdevoller Herr mit weißem Halstuch auf: Alle hier stünden unter dem Bann. Solche Vorfälle seien der sogenannte Klaps. Später führt der Erzähler ihn auf epileptische Anfälle Pateras zurück.

Ein Ausflug in die Berge soll der Frau helfen. Doch unterwegs klagt sie, in dieser Atmosphäre gehe es ihr nur schlechter, und sie kehren um. Der Erzähler dringt zu Patera vor und bittet ihn, seiner Frau zu helfen. Als er fragt, ob Patera denn glücklich sei, beginnt dieser zu rufen: „Gib mir einen Stern, gib mir einen Stern!“ Vor seinen Augen verwandelt er sich in die verschiedenen Traumstädter. Der Erzähler flieht. Zu Hause findet er seine Frau sterbend. Sie wird rasch begraben, und alle raten ihm, sie zu vergessen. In derselben Nacht gibt er sich Frau Lampenbogen hin, der Frau des Arztes. Monate danach kommt Herkules Bell in die Stadt.

In der Vorstadt begegnet der Erzähler den Blauäugigen, den Ureinwohnern des Reichs. Ihre Ruhe wirkt auf ihn so stark, dass er später oft ihren Anblick sucht, um seiner eigenen Unruhe zu entkommen. Ihre Philosophie lautet, die Welt sei Einbildungskraft. Danach erlebt er einen großen, verwirrenden Traum, der auf das Kommende vorausweisen mag.

Herkules Bell, reich wie Patera, betrachtet sich im Spiegel und erkennt sich als gleich mächtig. Mit einer Proklamation will er die Revolution auslösen. Die Außenwelt weiß nichts vom Traumreich. Sie sucht aber nach Vermissten, unter ihnen die Prinzessin von X. Dann senkt sich eine Schlafsucht über die Traumstädter. Wo sie stehen und gehen, schlafen sie ein. Nur Bell bleibt wach. Beim Erwachen finden sie sich in einem riesigen Tierparadies. Die Tiere übernehmen gleichsam die Herrschaft, die Sittlichkeit sinkt. Moder und Schimmel bedecken Häuser und Kleider, das Essen verdirbt. Viele sterben, eine Rebellion bahnt sich an. Am Ende gelingt es nicht mehr, alle Leichen zu begraben.

In einer visionären Szene ringen Patera und Bell miteinander und verschmelzen, dann zerfallen beide. Das Traumreich geht unter. In einer Felshöhle erweisen die Blauäugigen Patera die letzte Ehre; er wird in die Nähe einer Gottheit gerückt, doch das Rätsel um seine Person bleibt ungelöst. Der Text deutet in verschiedene Richtungen und bleibt offen. Zuletzt dringen die Außenwelt und mit ihr die Sonne in das ehemalige Traumreich ein. Nur die wenigsten haben überlebt. Die Prinzessin von X wird als Mumie aufgefunden und kann doch zum Leben erweckt werden.

Stil↑

Angelegt ist das Buch als rückblickender Bericht eines alten Ich-Erzählers. Die ersten Kapitel folgen dem Muster eines Reiseberichts: Einladung, Abreise, Bahnfahrt, Grenze, Ankunft. Danach tritt die Handlung zurück, und der Erzähler beschreibt Stadt, Quartiere, Sitten und Menschen fast wie ein Berichterstatter. Der Aufbau ist streng: drei Teile mit betitelten Kapiteln und ein Epilog. Erst in der zweiten Hälfte kippt der sachliche Ton in Schreckensbilder und Visionen. Besonders auffällig ist die Verbindung von Text und Bild: Kubin, von Beruf Zeichner, hat seinen Roman mit 52 eigenen Illustrationen versehen.

Rezeption↑

Bei Schriftstellern und Künstlern seiner Zeit fand Die andere Seite starken Widerhall. Wirkung entfaltete der Roman bei Franz Kafka und bei den deutschsprachigen Surrealisten, als deren Wegbereiter Kubin gilt. Kubin illustrierte auch Werke von Edgar Allan Poe und E. T. A. Hoffmann. 1973 verfilmte Johannes Schaaf den Stoff unter dem Titel Traumstadt.

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