1877 – 1959
Alfred Kubin
Kurzbiografie↑
Alfred Kubin war ein österreichischer Zeichner, Grafiker und Schriftsteller. Er wurde 1877 geboren und starb 1959. Bekannt wurde er vor allem durch seine Federzeichnungen. Darin hielt er Traumbilder, Ängste und Schreckensvisionen fest. In der Literatur hat er mit einem einzigen Buch Spuren hinterlassen: dem phantastischen Roman Die andere Seite. Er erschien 1909 mit zahlreichen eigenen Illustrationen. Laut der Deutschen Biographie gehört Kubin zu den ersten bedeutenden Künstlern des 20. Jahrhunderts, bei denen die Zeichnung im Gesamtwerk die führende Rolle einnimmt. Der schriftstellerischen Arbeit kommt dabei eine zweitrangige Bedeutung zu. Mehr als hundert Bücher hat er illustriert, unter anderem Werke von Dostojewski, Edgar Allan Poe und E. T. A. Hoffmann.
Biografie↑
Geboren wurde Kubin am 10. April 1877 in Leitmeritz in Böhmen. Sein voller Name lautete Alfred Leopold Isidor Kubin. Der Vater Friedrich war laut der Deutschen Biographie zunächst k. k. Jägeroffizier und später Obergeometer, stammte also aus einer Beamten- und Offiziersfamilie. Die Mutter Johanna war Pianistin. Sie starb 1887 an Tuberkulose, als der Sohn zehn Jahre alt war; ihr Sterben erlebte er als traumatisch.
Ab 1887 besuchte Kubin ein Gymnasium in Salzburg. 1892 kam er in Klagenfurt bei einem Photographen in die Lehre. Es war sein Onkel Beer, bei dem er laut der Deutschen Biographie bis 1896 blieb. Ab 1898 lebte er in München. Dort besuchte er zuerst die private Malschule von Ludwig Schmid-Reutte. Am 2. Mai 1899 schrieb er sich an der Königlichen Kunstakademie für das Fach Malerei bei Nikolaus Gysis ein. Dieses Studium brach er aber bald wieder ab. Die Deutsche Biographie urteilt streng über diese Jahre: Keine der Schulen, nicht die Lehre beim Onkel und nicht das Zeichenstudium seien seinen damals noch verdeckten künstlerischen Absichten entgegengekommen. Eine Krise folgte auf die andere. Prägend wirkten stattdessen die Begegnungen mit Künstlern und Schriftstellern der Kreise „Maultrommel“ und „Sturmfackel“ im Schwabing der Jahrhundertwende.
Im Februar 1904 lernte Kubin im Hause Karl Wolfskehls die begüterte Witwe Hedwig (1874–1948) kennen, eine Schwester des Schriftstellers Oscar A. H. Schmitz. Bald darauf heirateten die beiden; die Ehe blieb kinderlos. Hedwigs Vermögen ermöglichte den Erwerb eines alten Herrensitzes. Nach mehreren Studienreisen im Jahr 1905 übersiedelte Kubin 1906 nach Wernstein am Inn auf Schloss Zwickledt, das sogenannte „Schlössl“. Laut der Deutschen Biographie gab er damit das Großstadtleben auf, weil die Münchner Jahre sein seelisches Gleichgewicht gefährdet hatten. In Zwickledt lebte er bis an sein Lebensende, nach dem Tod seiner Frau „in fast völliger Klausur“. Von 1907 bis 1914 finanzierte er seinem Stiefsohn Otto Gründler den Besuch des reformpädagogischen Landerziehungsheims Freie Schulgemeinde in Wickersdorf im Thüringer Wald.
In Zwickledt entstand sein phantastischer Roman Die andere Seite, der 1909 erschien. Im selben Jahr gehörte Kubin zu den Gründungsmitgliedern der Neuen Künstlervereinigung München um Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin. Aus dieser Vereinigung ging 1911 die Redaktion des Blauen Reiters hervor; an deren zweiter Ausstellung, die ausschließlich grafische Arbeiten zeigte, beteiligte sich Kubin 1912. Das verbotene Skandalstück Das Liebeskonzil des Psychiaters und Schriftstellers Oskar Panizza illustrierte er für einen Privatdruck der „Gesellschaft der Münchner Bibliophilen“.
Kubin verkehrte mit wichtigen Persönlichkeiten der mitteleuropäischen Kunst- und Literaturszene des frühen 20. Jahrhunderts. Er schrieb zahlreiche Briefe. Seit 1928 korrespondierte er mit Karl Rössing und Hermann Hesse, seit 1931 mit Hans Fronius, seit 1936 mit Otto Coester. Eine langjährige Freundschaft und ein intensiver Briefwechsel verbanden ihn mit Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Seit 1923 gehörte er der Innviertler Künstlergilde an. Auch bei ihrer Neugründung 1947 hielt er ihr die Treue. In den 1920er Jahren besuchte er literarische Abende bei dem Unternehmer und Kunstsammler Otto Bamberger. Bamberger erwarb auch grafische Werke Kubins. Mitglied wurde er außerdem in der 1928 gegründeten Prager Secession und ab 1930 in der Preußischen Akademie der Künste in Berlin.
Eine zweite Heimat fand Kubin im Böhmerwald. Mit dem Maler Reinhold Koeppel und dessen Frau Hanna war er befreundet; seit 1922 unternahmen die Freunde jährlich Entdeckungstouren im böhmisch-bayerischen Grenzgebirge, zuweilen begleitet vom Schriftsteller Hans Watzlik. Über diese Landschaft schrieb Kubin, sie sei „die eigentliche Heimat meiner Seele“, in ihr ruhten „die tiefsten Wurzeln meines Wesens“. Watzliks 1930 herausgegebenes Werk Stilzel der Kobold des Böhmerwaldes versah er mit elf Lithographien. 1944 ist ein Aufenthalt im böhmischen Grenzdorf Buchwald bekannt; die dort gelagerten Grafiken gingen nach Kriegsende verloren. Sein letzter Aufenthalt in Waldhäuser fiel in das Jahr 1956.
1931 gestaltete Kubin das Bühnenbild zu Richard Billingers Drama Rauhnacht, das am 10. Oktober 1931 an den Münchner Kammerspielen unter der Regie von Otto Falckenberg uraufgeführt wurde. Billinger widmete Kubin mehrere Gedichte. 1932 erschien die Lithographiefolge Ali, der Schimmelhengst, die Lebensgeschichte eines Tatarenpferdes; die Anfangsbuchstaben von Kubins drei Vornamen bilden den Namen Ali. Zwischen 1933 und 1936 hatte Kubin eine Liebesaffäre mit der Arztgattin Emmy Haesele (1894–1987), die unter seinem Einfluss zur Malerin wurde. Seine Frau zeigte Verständnis, litt aber zunehmend unter der Lieblosigkeit ihres Mannes und verlangte eine Entscheidung, die zu ihren Gunsten ausfiel.
Kubins Stellung in der Zeit des Nationalsozialismus war zwiespältig. Er war Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste. Belegt sind für diese Zeit bis mindestens 1941 vierzehn Gruppen- und zwei Einzelausstellungen. 1941/42 konnte er in der Krakauer Zeitung, einem NS-Propagandablatt des Generalgouvernements, Zeichnungen veröffentlichen. Viele seiner früheren Arbeiten widersprachen jedoch dem nationalsozialistischen Kunstverständnis. 1937 wurde im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ eine große Zahl von Druckgrafiken und Zeichnungen Kubins aus Museen im ganzen damaligen Deutschen Reich beschlagnahmt. Betroffen waren Museen von Bremen und Hannover über Frankfurt und Dresden bis Königsberg und Breslau. Die Deutsche Biographie notiert, Kubin habe die „braunen Kolonnen“ schon 1933 gezeichnet und als Gefahr erkannt. Ihrem Zugriff sei er persönlich entgangen.
1949 wurde Kubin Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. 1955 vermachte er seinen gesamten künstlerischen Nachlass gegen eine bescheidene Leibrente dem österreichischen Staat und dem Land Oberösterreich. Er starb am 20. August 1959 in Zwickledt bei Wernstein in Oberösterreich. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof in Wernstein; die Gestaltung der Grabstelle stammt vom Bildhauer Karl Prantl.
Literarische Merkmale↑
Zeichnen war Kubins eigentliche Sprache. Laut der Deutschen Biographie zeigte sich diese Begabung schon in Kindheitsarbeiten der Jahre 1883 bis 1887, während erste schriftstellerische Versuche erst beim über Zwanzigjährigen nachweisbar sind. Das Grundthema blieb über Jahrzehnte dasselbe: die seelische Bedrohung des Menschen durch eigene und schicksalhaft bestimmte Kräfte. Die Stoffe dazu lieferten persönliche Begegnungen mit Mensch, Natur und Zeitgeschichte, aber ebenso überliefertes Bildungsgut aus Literatur und Geschichte.
Sein Werk lebt von phantastischen Traumvisionen, die er mit einer nervösen Strichführung zu Papier brachte. Angeregt wurde er von den visionären, sinnbildhaften Arbeiten älterer Künstler – genannt werden Bosch und Brueghel, Francisco de Goya, Félicien Rops, Max Klinger, Odilon Redon, James Ensor und Edvard Munch. Zwischen 1899 und 1904 entwickelte er ein pessimistisch gestimmtes Frühwerk, das symbolistische und jugendstilhafte Züge verbindet. Unter dem weltanschaulichen Einfluss von Schopenhauer, Nietzsche und Weininger begreift es die Welt als Hölle und stellt den Menschen auf groteske und verbitterte Art unter dämonische Schicksalsmächte. Technisch waren es zunächst lavierte und gespritzte Tuschfederzeichnungen, inspiriert von der Aquatintatechnik Goyas und Klingers.
Von 1905 bis 1908 folgten malerisch angelegte Blätter in Tempera- und Kleisterfarben. Zunächst entstanden phantastische Naturgebilde von Kristallen und Meeresgrundformationen, angeregt durch die Lektüre Paul Scheerbarts. Später kamen Landschaften exotischer Prägung hinzu, unter dem Einfluss des Post-Cézannismus und des Gauguin-Kreises. Nach dem Umzug aufs Land fand Kubin zwischen 1909 und 1915 zu einer grotesken Darstellungsweise von Mensch, Landschaft und Architektur. Sie geht über die Karikatur hinaus, weil sie sinnbildhaft gemeint ist. In der Verbindung von Figürlichkeit und Abstraktion steht sie laut der Deutschen Biographie dem gleichzeitigen Schaffen von Paul Klee und George Grosz nahe. Zwischen Kubin und Klee habe in diesen Jahren eine für beide Seiten anregende Auseinandersetzung stattgefunden.
Der Erste Weltkrieg und die Nachkriegszeit führten Kubin zuerst in eine Krise. Diese versuchte er meditativ-buddhistisch zu lösen. Danach kam er in ruhigere Verhältnisse. In den Jahren bis 1939 gewann er ein distanzierteres Verhältnis zu sich und seiner Zeit. Dazu trugen autobiographische Erzählungen über seine Vergangenheit und Essays über seine Kunst bei. Im zeichnerischen Werk entsprachen dem die illustrativen Arbeiten und Mappenwerke: Sie griffen die Stoffe der frühen Jahre wieder auf. Nun geschah das aber in einem humoristischen und volksnahen Stil. Dieser überwand den alten Pessimismus weitgehend. Dem Spätwerk zwischen 1945 und 1955 kommt laut der Deutschen Biographie trotz nachlassender Schaffenskraft erhöhte Bedeutung zu. Die späten Zeichnungen lösen sich vom genauen, formbeschreibenden Zugriff der Tuschfeder. In Linien und Farben entwickeln sie zunehmend eine eigene, aus dem Seelischen gesteuerte Gesetzlichkeit. Diese ist ungewollt in die Nähe der freien Linienzüge von Wols gerückt.
Rezeption↑
Als einer der bedeutendsten Künstler Österreichs gilt Kubin bis heute. Sein grafisches Werk und der Roman Die andere Seite wirkten stark auf die Moderne. In dem Buch beschreibt Kubin eine Welt des Traumes im weitesten Sinne: der Phantasie, der Wunschvorstellungen, der Angstzustände, der Halluzinationen und Weltuntergangsvisionen. Der fiktive Erzähler ist wie Kubin Zeichner von Beruf. Ein alter Schulfreund lädt ihn in ein selbstgeschaffenes Traumreich ein, wo er drei Jahre verbringt. Die anfängliche Faszination weicht immer stärkerem Grauen, bis die Traumstadt „Perle“ in einem apokalyptischen Szenario zusammenbricht. Der Erzähler entkommt als einer der wenigen und hält seine Erlebnisse im Schutz einer Heilanstalt schriftlich fest.
Kubin illustrierte mehr als hundert Bücher, darunter Werke von Dostojewski, Oskar Panizza, Edgar Allan Poe und E. T. A. Hoffmann. Dazu kamen druckgrafische Mappenwerke wie Ein Totentanz (1918), Am Rande des Lebens (1921), Abenteuer einer Zeichenfeder (1941) und Die Planeten (1943) sowie tausende Federzeichnungen. Als ordentliches Mitglied des Deutschen Künstlerbundes nahm er Mitte der 1950er Jahre an dessen Jahresausstellungen teil.
Sein Nachlass ist weit verzweigt. Teile liegen in der Graphischen Sammlung Albertina in Wien, andere im Oberösterreichischen Landesmuseum in Linz. Die Deutsche Biographie nennt für beide Häuser mehr als zehntausend Zeichnungen und Illustrationen. In Linz kamen 1179 Blätter aus Kubins eigener Grafiksammlung hinzu, vorwiegend Druckgrafiken von Dürer, Callot, Gauguin, Munch, Rodin, Ensor, Goya und Rops. Ankäufe und Schenkungen vergrößerten den Linzer Bestand auf mehr als 4000 Objekte. Dazu gehörte der Erwerb von 615 Zeichnungen und Lithografien aus dem Besitz des Wernsteiner Pfarrers Alois Samhaber. Das Lentos Kunstmuseum Linz verwahrt eine weitere große Sammlung. Deren Katalog dokumentiert auch die Beziehung zwischen Kubin und seinem Galeristen Wolfgang Gurlitt. Als Forschungsstelle hat das Kubin-Archiv der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München besonderen Rang. Die Städtische Galerie erwarb es 1971 vom Hamburger Apotheker Kurt Otte als Ergänzung zur Sammlung Blauer Reiter. Die Stiftung des befreundeten Ehepaars Koeppel bildet den Grundstock der Kubin-Sammlung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg.
Seit 1962 besteht in Zwickledt die „Kubin-Gedenkstätte“, die seit 1992 vom Oberösterreichischen Landesmuseum betreut wird. 1995 richtete das Land Oberösterreich das Alfred-Kubin-Projekt ein; zum Kulturpreis des Landes gehört auch der Alfred-Kubin-Preis. 1964 wurden Arbeiten Kubins auf der documenta III in Kassel in der Abteilung Handzeichnungen gezeigt, im gleichen Jahr 299 seiner Werke in der Kestner-Gesellschaft in Hannover. Zum 100. Geburtstag 1977 gab Peter Baum eine „Hommage à Alfred Kubin“ mit Lithographien mehrerer Künstler heraus. Die Ausstellungen zum 50. Todesjahr 2009 stellten Kubins Werk neben Arbeiten von Künstlerfreunden, die ihm stilistisch oder motivisch verwandt waren, unter ihnen Emmy Haesele, Margret Bilger, Hans Fronius und Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Auch die Literatur hat sich seiner angenommen: Brita Steinwendtner erzählte in Du Engel Du Teufel (2009) die Liebesgeschichte von Emmy Haesele und Alfred Kubin.
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