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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die Frau in den Dünen
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Die Frau in den Dünen
1962
– Werkseintrag –

Die Frau in den Dünen

1962 · Roman

Ein Insektensammler verpasst den letzten Bus, übernachtet in einem Haus am Grund einer Sandgrube – und findet am Morgen die Leiter nicht mehr vor, die ihn wieder hinausbringen könnte.

Überblick↑

Der Roman Die Frau in den Dünen von Abe Kōbō erschien 1962 in Japan. Er erzählt von einem Mann, der in einer Sandgrube festgehalten wird und dort nicht mehr fortkommt. Das Buch gilt als japanischer Klassiker der Moderne und wird oft als kafkaesk beschrieben, weil es existenzielle Fragen in eine beklemmende, rätselhafte Lage verlegt. 1963 erhielt es den Yomiuri-Literaturpreis für das beste literarische Werk. Übersetzt wurde der Roman in mehr als zwanzig Sprachen; auf Deutsch erschien er 1967.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Am Anfang steht ein Verschwinden. Der Lehrer und Insektensammler Jumpei Niki ist eines Tages nicht mehr auffindbar und wird schließlich für tot erklärt. Erst nach und nach erfährt der Leser, was wirklich geschehen ist.

Jumpei war ans Meer gefahren, um in den Dünen eine bislang unbekannte Insektenart zu finden. Über der Suche vergisst er die Zeit und verpasst den letzten Bus in die Stadt zurück. Die wortkargen Bewohner eines Strandsdorfes bieten ihm ein Nachtquartier an und führen ihn zu einer tiefen Sandgrube. Darin steht das Haus einer alleinstehenden Frau, erreichbar nur über eine Strickleiter.

Am nächsten Morgen ist die Leiter verschwunden. Jumpei soll bleiben und der Frau helfen, Nacht für Nacht Sand aus der Grube zu schaufeln. Denn das Dorf lebt in ständiger Gefahr, vom Sand verschüttet zu werden, und für die Bewohner zählt Jumpeis Nutzen für die Gemeinschaft mehr als sein eigener Wille. Die Frau füllt jede Nacht unzählige Kübel; dafür bekommt sie Wasser, Essen und Zigaretten geliefert. Ein endloser Kampf, der nie zu einem Ergebnis führt. Jumpei aber denkt zunächst an nichts anderes als an Flucht.

Die Handlung im Detail↑

Zu Beginn wird berichtet, dass der Lehrer und Insektensammler Jumpei Niki spurlos verschwunden ist und offiziell für tot erklärt wurde. Der Roman erzählt dann, was tatsächlich geschah.

Jumpei fährt ans Meer, um dort eine noch unentdeckte Insektenart aufzuspüren. Über der Suche in den Dünen vergisst er die Zeit und verpasst den letzten Bus zurück in die Stadt. Er beschließt, in einem Dorf am Strand zu übernachten. Die verschlossenen Dorfbewohner führen ihn zu einer tiefen Sandgrube, in der das Haus einer alleinstehenden Frau steht. Hinunter gelangt er über eine Strickleiter.

Als er am nächsten Morgen aufbrechen will, ist die Leiter fort. Jumpei ist gefangen und wird gezwungen, gemeinsam mit der Frau jede Nacht Sand aus der Grube zu schaufeln. Das Dorf ist dem Sand ausgeliefert, der es zu zerstören droht; für die Bewohner wiegt Jumpeis Wert für die Gemeinschaft schwerer als seine eigenen Bedürfnisse. Nacht für Nacht füllt die Frau zahllose Kübel, damit das Haus nicht im Sand versinkt. Der Kampf ist endlos und im Grunde sinnlos, doch als Lohn erhält sie Trinkwasser, Essen und Zigaretten.

Jumpei verweigert zunächst jede Mithilfe und denkt nur ans Fliehen. Alle Fluchtversuche scheitern. In der Abgeschiedenheit der Grube setzt er sich mit einem ganz neuen Ich auseinander. Er beginnt eine Affäre mit der Frau und findet sich allmählich mit seiner Lage ab.

Dann wird die Frau schwanger. Wegen einer Eileiterschwangerschaft bringen die Dorfbewohner sie ins Krankenhaus. In diesem Augenblick steht Jumpei der Weg nach oben offen, und er könnte fliehen. Er entscheidet sich jedoch dagegen und kehrt nicht in die Außenwelt zurück.

Stil↑

Kafkaesk ist das Wort, das dem Roman am häufigsten anhängt: Eine alltägliche Begebenheit, ein verpasster Bus, kippt unmerklich in eine ausweglose Lage, deren Regeln nie erklärt werden. Die Erzählung setzt mit dem Ende ein, mit dem amtlich beglaubigten Verschwinden des Helden, und rollt die Geschichte erst danach auf. So weiß der Leser von Anfang an mehr über den Ausgang als über den Weg dorthin.

Der Sand ist dabei mehr als Schauplatz. Er rieselt, drängt, verschüttet und muss unablässig weggeschafft werden, ohne dass die Arbeit je zu einem Ergebnis führt. An dieser einen, einfachen Situation entfaltet Abe Kōbō existenzielle Fragen: nach Freiheit, nach dem Zwang der Gemeinschaft und nach dem, was ein Mensch aushält, bis er sein Leben neu deutet. Ursprünglich war der Stoff als Erzählung angelegt und erschien 1960 in einer Zeitschrift; erst danach arbeitete der Autor ihn zum Roman aus.

Rezeption↑

Schon kurz nach dem Erscheinen wurde das Buch ausgezeichnet: 1963 erhielt es den Yomiuri-Literaturpreis für das beste literarische Werk. Es fand weit über Japan hinaus Leser und wurde in mehr als zwanzig Sprachen übertragen. Heute gilt es als japanischer Klassiker der Moderne. Die deutsche Ausgabe kam 1967 heraus.

Große Verbreitung brachte auch die Verfilmung. 1964 kam sie unter der Regie von Hiroshi Teshigahara in die Kinos, das Drehbuch schrieb Abe Kōbō selbst. 1965 war der Film für den Oscar in der Kategorie bester fremdsprachiger Film nominiert.

Auf der Grundlage dieses Drehbuchs produzierte der Norddeutsche Rundfunk 2011 ein gut 68 Minuten langes Hörspiel. Die Übersetzung stammte von Oscar Benl und Mieko Osaki, die Musik komponierte Ryūichi Sakamoto. Funkbearbeitung und Regie lagen bei Kai Grehn. Die Erstsendung fand am 13. Juli 2011 statt. Es sprachen Andreas Schmidt, Jule Böwe, Ulrich Voß, Hanns-Jörg Krumpholz und Aleksandar Radenković.

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