1924 – 1993
Abe Kōbō
Kurzbiografie↑
Zu den international bekanntesten japanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts zählt Abe Kōbō, der 1924 geboren wurde und 1993 starb. Bürgerlich hieß er Abe Kimifusa. Er begann als Lyriker, wandte sich dann dem Roman zu und schrieb später auch Essays, Theaterstücke und Drehbücher. Mit dem Roman Die Frau in den Dünen gelang ihm 1962 der Durchbruch über Japan hinaus; die Verfilmung von 1964 wurde ausgezeichnet. Immer wieder kreisen seine Bücher um denselben Kern: um Menschen, die ihre Identität verlieren, die sich verwandeln, die vereinzelt in einer anonymen Massengesellschaft leben.
Biografie↑
Geboren wurde Abe Kōbō am 7. März 1924 in Tokio. In der Forschung gibt es unterschiedliche Angaben zum genauen Geburtsort: Wikidata nennt den Bezirk Kita, die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet schlicht Tokio. Beides lässt sich vereinbaren, denn der damalige Landkreis Nord-Toshima gehört heute zum Bezirk Kita von Tokio.
Aufgewachsen ist er nicht in Japan, sondern in Mukden in der Mandschurei. Dorthin war die Familie gezogen, weil der Vater als Arzt arbeitete. Erst 1941 kehrte Abe nach Tokio zurück. Ab 1943 studierte er dort Medizin.
Seine ersten Gedichte veröffentlichte er 1947. Sie waren, wie es heißt, in der Manier Rilkes geschrieben. Gelesen hat er in diesen Jahren viel und breit: Edgar Allan Poe und Fjodor Dostojewski, dazu die Philosophen Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und Karl Jaspers, außerdem Franz Kafka.
Das Jahr 1948 brachte gleich mehrere Einschnitte. Abe heiratete seine Frau Machi, die 1926 geboren wurde und im selben Jahr wie er starb. Er legte sein medizinisches Abschlussexamen ab, praktizierte danach aber nie als Arzt. Und er veröffentlichte seinen ersten Roman, Der Wegweiser am Ende der Straße.
Politisch schloss er sich 1949 der kommunistischen Partei an. Mitglied blieb er bis 1962. In diese Jahre fällt auch der erste große Erfolg: 1951 erhielt er für Das Verbrechen des Herrn S. Karuma den Akutagawa-Preis. Er fand Anschluss an prominente Schriftstellergruppen. 1956 unternahm er eine Europareise und besuchte dabei Deutschland und Frankreich.
Der internationale Durchbruch kam 1962 mit Die Frau in den Dünen. Es war sein erster Roman, der in andere Sprachen übersetzt wurde. Hiroshi Teshigahara verfilmte ihn 1964, und der Film wurde ausgezeichnet. Auch die späteren Romane Das Gesicht des anderen und Der verbrannte Stadtplan kamen ins Kino, beide ebenfalls unter der Regie Teshigaharas. Die Drehbücher dazu schrieb Abe jeweils selbst.
Neben den Romanen entstand ein umfangreiches Werk für Bühne und Rundfunk. Der Mann, der zum Stock wurde wurde 1957 zuerst als Hörspiel gesendet. Es folgten Stücke wie Geister in Kitahama, Auch Du bist schuldig und die schwarze Komödie Freunde. Für die Erzählungen und Romane erhielt er weitere Auszeichnungen: 1963 den Yomiuri-Literaturpreis für Die Frau in den Dünen und 1967 den Tanizaki-Jun'ichirō-Preis für Freunde.
Das Theater rückte in den siebziger Jahren ins Zentrum. 1973 gründete Abe das nach ihm benannte „Abe-Kōbō-Studio“, das noch im selben Jahr sein Stück Der Mann, der zum Stock wurde auf die Bühne brachte. Ab 1979 bereiste er mit dieser Theatertruppe die Vereinigten Staaten. Im selben Jahrzehnt erschien 1973 der Roman Der Schachtelmann, 1977 folgte Heimliche Begegnungen, 1984 Der Schrein von Sakura. Sein später Roman Die Känguruhhefte erschien 1991.
In den letzten Lebensjahren wurde ihm im Ausland Anerkennung zuteil: 1977 wurde er Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences, 1992 Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters.
Abe Kōbō starb am 22. Januar 1993 im Alter von 68 Jahren an Herzversagen nach kurzer Krankheit in einem Krankenhaus in Tokio.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Abes Erzählen ist der Verzicht auf bloße realistische Umweltschilderung. Seelische Vorgänge stellt er stattdessen im Gleichnis dar, in Bildern also, die für etwas anderes stehen. Damit folgte er dem Vorbild von Hanada Kiyoteru und Ishikawa Jun.
Geschult hat er sich dabei an Kafka und Sartre. In seinen Romanen zeigt er den einzelnen Menschen inmitten der Massengesellschaft. Vier Themen kehren immer wieder: Entfremdung, Isolation, Identitätsverlust und Verwandlung.
Sein Werk verteilt sich über auffällig viele Formen. Er begann mit Gedichten, schrieb Erzählungen, Romane, Essays, gesellschaftskritische Schriften, Theaterstücke und Hörspiele. Dazu kamen Drehbücher für die Verfilmungen seiner eigenen Bücher. Einzelne Erzählungen wie Das Totaloskop oder der Roman Die vierte Zwischeneiszeit nähern sich der phantastischen Literatur an; entsprechend wird er auch in Nachschlagewerken zur Science-Fiction geführt.
Rezeption↑
Anerkennung fand Abe schon früh in Japan: Der Akutagawa-Preis 1951, der Yomiuri-Literaturpreis 1963 und der Tanizaki-Jun'ichirō-Preis 1967 markieren drei Stationen dieses Wegs. Über Japan hinaus bekannt wurde er ab 1962 mit Die Frau in den Dünen, dem ersten seiner Romane, der in andere Sprachen übersetzt wurde.
Wesentlich zu dieser Wirkung trug das Kino bei. Hiroshi Teshigahara verfilmte Die Frau in den Dünen 1964, Das Gesicht des anderen 1966 und Der verbrannte Stadtplan 1968. Noch 2024 wurde Der Schachtelmann verfilmt, diesmal von Gakuryū Ishii; die Uraufführung fand auf der 74. Berlinale statt. Die Frau in den Dünen erschien 2011 zudem als Hörspielfassung von Kai Grehn für den NDR.
Im deutschsprachigen Raum liegt ein Großteil seines Werks in Übersetzung vor. Übersetzer wie Siegfried Schaarschmidt, Oscar Benl und Jürgen Stalph haben seine Bücher zugänglich gemacht; Verlage wie Rowohlt, Insel, Suhrkamp und Eichborn haben sie verlegt. Einzelne Erzählungen erschienen verstreut in Anthologien.
Nach seinem Tod würdigte ihn Haniya Yutaka in den „Heften für Ostasiatische Literatur“ als avantgardistischen Autor. Abe wird bis heute in Überblicksdarstellungen zur modernen japanischen Literatur geführt, etwa bei Jürgen Berndt und Fukuzawa Hiroomi oder bei Manfred Osten.
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