1937
Nach Mitternacht
Überblick↑
Mit dem Roman Nach Mitternacht legte Irmgard Keun 1937 im Exil ihre Abrechnung mit dem nationalsozialistischen Alltag vor. Das Buch zeigt, wie die nationalsozialistische Diktatur das Leben und Denken der Menschen immer stärker kontrolliert. Es zeigt ebenso, wie die jüdische Bevölkerung ausgegrenzt wird und zur Auswanderung gedrängt wird. Erzählt wird das alles aus der Sicht einer nicht einmal zwanzigjährigen jungen Frau, die mehr sieht und hört, als sie begreift.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Haupthandlung des Romans Nach Mitternacht spielt um das Jahr 1936 in Frankfurt am Main und umfasst nur zwei Tage. Erzählerin ist die neunzehnjährige Susanne Moder, von allen Sanna genannt. Sie ist auf dem Moseldorf Lappesheim als Wirtstochter aufgewachsen. Nach dem Tod der Mutter kam sie mit sechzehn Jahren zu ihrer Tante nach Köln und bediente dort im Geschäft die Kunden. In Köln entstand auch die stille Zuneigung zu ihrem Cousin Franz, einem zurückhaltenden Schreiber bei einem Rechtsanwalt.
Seit einem Jahr wohnt Sanna bei ihrem siebzehn Jahre älteren Halbbruder Alois, der als Schriftsteller den Namen Algin trägt. Sie hilft dessen Frau Liska im Haushalt und bei kunstgewerblichen Arbeiten. In diesen zwei Tagen ist Sanna vor allem Beobachterin und Zuhörerin. Ihre Freundin Gerti liebt den sogenannten „Halbjuden“ Dieter Aaron und gerät damit in Konflikt mit den Rassengesetzen. Gertis Eltern drängen sie zu einem SA-Mann, von dessen Vater sie geschäftlich abhängig sind. In Algins Freundeskreis ziehen sich jüdische Geschäftsleute und Ärzte immer weiter aus der Öffentlichkeit zurück. Einem Arzt ist das Operieren in Deutschland verboten, er bereitet seine Auswanderung vor.
Algin selbst steht vor einer Entscheidung. In der Weimarer Republik war er ein erfolgreicher sozialkritischer Autor; nun ist eines seiner Bücher verboten, und die Reichsschrifttumskammer hat ihn gewarnt. Sein Freund Heini, ein Journalist, hält ihm in langen Reden entgegen, dass ein Schriftsteller, der Angst hat, kein Schriftsteller mehr sei. Sanna aber trägt aus Köln eine andere Erfahrung mit sich: Dort hatte ihre Tante eine harmlose Bemerkung über Hitler und Göring zur Anzeige benutzt. Seither weiß Sanna, dass jeder unachtsame Satz zur Falle werden kann. Zwei Ereignisse gliedern die beiden Tage: ein Auftritt Hitlers am Opernplatz und ein Fest in Liskas Wohnung. Ihre eigene Lebensentscheidung fällt Sanna erst am Ende des Romans.
Die Handlung im Detail↑
Rückblickend erzählt Sanna in eingeschobenen Passagen von ihrer Kindheit im Moseldorf Lappesheim und von den Kölner Jahren bei ihrer Tante Adelheid. Die Tante mochte den Cousin Franz nicht, und gerade deshalb mochte Sanna ihn. Als Heiratspläne aufkamen und die Tante auf die Freundin ihres Sohnes eifersüchtig wurde, eskalierte die Lage. Die Tante, Mitglied der NS-Frauenschaft und Hauswartin, zeigte Sanna wegen einer Bemerkung über die schreienden und schwitzenden Redner Göring und Hitler bei der Geheimpolizei an. Sanna wurde festgenommen und verhört, kam aber wieder frei: Der junge Schnellrichter hielt die Äußerungen für eine Bagatelle und deutete ihr Weinen als Reue.
Im Polizeipräsidium erlebte sie, wie Familienstreit, Nachbarschaftsstreit und geschäftliche Konkurrenz politisch ausgetragen werden. Verwandte zeigten einander an. Daraus lernte Sanna Vorsicht. Das Ganze durchschaute sie dabei nicht.
In Frankfurt begleitet Sanna ihre Schwägerin Liska und die Freundin Gerti ins Café und zum Einkaufsbummel. Vor dem Café hängt noch kein Schild „Juden unerwünscht“. Gerti liebt Dieter Aaron, den Sohn eines Exporthändlers. Der Exporthändler steht dem Nationalsozialismus verständnisvoll gegenüber. Nach den Rassengesetzen ist diese Liebe verboten. Gertis Eltern fürchten, beschimpft und wegen Rassenschande angeklagt zu werden. Sie wollen die Tochter mit dem SA-Mann Kurt Pielmann verbinden, weil dessen Vater Geld in ihren Laden gesteckt hat.
Dieter Aaron darf nicht mehr in einer Chemiefabrik arbeiten. Doktor Breslauer darf in Deutschland nicht mehr operieren. Er will über Rotterdam nach Nordamerika auswandern und dort als Arzt arbeiten; den Großteil seines Vermögens hat er längst im Ausland angelegt. Die Rassentheorie führt der Roman als Groteske vor: Ein Stürmermann will Juden am aussetzenden Tierkreiszeichen und mit der Wünschelrute erkennen. Er führt seine Methode an Breslauer vor und bestimmt ihn als Arier.
Höhepunkt des ersten Tages ist Hitlers Auftritt am Opernplatz. Sanna und Gerti verfolgen ihn. Hitler steht im vorbeifahrenden Auto wie ein Prinz Karneval. Doch er wirft keine Bonbons und hebt nur die leere Hand.
Dagegen gesetzt ist ein kleines Mädchen, die fünfjährige Bertchen Silias. Sie soll dem Führer einen riesigen Fliederstrauß überreichen. Der vorbeirauschende Führer übersieht sie. Später im Henninger-Bräu sitzt das schwer erkältete Kind zwischen stolzen Eltern, SA- und SS-Leuten. Als Ersatz für den entgangenen Auftritt muss es sein eingeübtes Gedicht immer wieder aufsagen.
Algin, der in der Weimarer Republik gefeierte sozialkritische Journalist und Schriftsteller, hatte sich und seiner Frau Liska, die ihn bewunderte, einen aufwändigen Lebensstil leisten können. Nach dem Regierungswechsel wurde eines seiner Bücher verboten. Nun verdient er viel weniger und schreibt als Dichter über die Natur und seine Heimatliebe. Die Reichsschrifttumskammer hat ihn gewarnt, bei der nächsten Säuberungsaktion unter den Schriftstellern werde man ihn wahrscheinlich aussieben. Er sitzt in der Zwickmühle: Schreibt er ein Führergedicht oder einen nationalsozialistischen Roman, werden vielleicht die nationalsozialistischen Autoren böse, weil das nur den alten Kämpfern zusteht. Schreibt er keinen, ist er unerwünscht.
In den letzten beiden Kapiteln rückt der vierzigjährige Heini in die Mitte. Wegen seiner kritischen Haltung kann er kaum noch Artikel schreiben. Er wohnt in einer trüben Absteige hinter dem Bahnhof. Dem unentschlossenen Algin wirft er vor, gegen sein Gewissen zu schreiben. Ein Schriftsteller, der Angst habe, sei kein Schriftsteller. Wo keine Kritik mehr möglich sei, müsse er schweigen. Sarkastisch beschreibt Heini die Zeit als eine große Bewegung von Denunzianten, in der jeder jeden bewacht.
Auch Algins Ehe steckt in der Krise. Um ihn kümmert sich nun Liskas dreißigjährige Freundin Betty Raff. Ihr Versöhnungsdrang verschärft die Konflikte eher: Sie greift zu ungeschickten und oft nicht ganz selbstlosen Mitteln. Dann flieht Franz zu Sanna nach Frankfurt. Er hatte in Köln ein Zigarettengeschäft eröffnen wollen, gemeinsam mit seinem Freund Paul. Paul sympathisiert mit kommunistischen Ideen. Der Konkurrent Willi Schleimann zeigte ihn wegen angeblich antifaschistischer Propaganda an. Franz erhielt drei Monate Schutzhaft. Im Verhör legte der Richter jede Aussage gegen ihn aus. Nach der Entlassung fand er die Ladeneinrichtung zerstört und ging dem Denunzianten an die Kehle. Paul ist nach dem Prozess spurlos verschwunden. Bei Franz' Erzählung erinnert sich Sanna an eine Straßenbahnfahrt in Köln. Die Fahrt führte am Gefängnis Klingelpütz vorbei. Dort hörte sie die Schreie verurteilter Kommunisten vor deren Hinrichtung. Erst jetzt, am Ende des Romans, zieht Sanna aus allem Miterlebten die Folgerung für ihr eigenes Leben. Anpassung, Emigration oder Freitod: Vor diese Wahl sieht sich am Ende fast jede Figur gestellt.
Stil↑
Erzählt wird in Nach Mitternacht durchweg aus der Ich-Perspektive der jungen Sanna. Sie berichtet, was sie sieht und hört, und urteilt kaum. Gerade dadurch wirkt das Geschilderte umso schärfer: Die Leser erkennen früher als die Erzählerin, worum es geht. Die Sprache ist die eines einfachen, hellwachen Mädchens, nah an der Alltagsrede.
Die beiden Frankfurter Tage sind dicht gefügt, dazwischen stehen eingeschobene Rückblicke auf Dorf und Kölner Jahre. Starke Gegenbilder tragen die Darstellung: der fliederhaltende Kinderkörper gegen die vorbeirauschende Wagenkolonne, der leere Gruß des Führers gegen den Karnevalsprinzen, der nichts verteilt. Daneben stehen die langen Reden Heinis, in denen die Zeit beim Namen genannt wird. Ins Groteske kippt der Ton beim Auftritt des Stürmermanns, der mit Wünschelrute und Tierkreiszeichen die Rassenlehre selbst lächerlich macht.
Rezeption↑
Der Roman Nach Mitternacht erschien 1937, also schon aus dem Exil heraus, und gehört zu den frühen literarischen Zeugnissen über den Alltag unter der nationalsozialistischen Herrschaft.
Auch viele Jahrzehnte später findet das Buch neue Leser. Für das Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“ wurde es 2022 ausgewählt und kam zu diesem Anlass in einer Neuausgabe heraus.
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