Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Irmgard Keun
Eingang · Autoren · Irmgard Keun
Porträt Irmgard Keun
Irmgard Keun
1905 – 1982
– Autorenporträt –

Irmgard Keun

1905 – 1982 · 77 Jahre

Erzählerin der Neuen Sachlichkeit, die mit dem „kunstseidenen Mädchen“ das Lebensgefühl junger Frauen der späten Weimarer Republik einfing – von den Nationalsozialisten verboten und erst spät wiederentdeckt.

Kurzporträt

Zu den bekanntesten Erzählerinnen der Neuen Sachlichkeit zählt Irmgard Keun, die am 6. Februar 1905 geboren wurde und am 5. Mai 1982 in Köln starb. Über Nacht berühmt wurde sie 1931 mit ihrem Debütroman Gilgi, eine von uns, ein Jahr später folgte ihr bis heute bekanntester Roman Das kunstseidene Mädchen. Im Mittelpunkt ihrer Texte stehen junge Frauen in der Endphase der Weimarer Republik, die Erfahrung der Großstadt und der Wunsch nach einem eigenständigen Leben. Die Nationalsozialisten verboten ihre Bücher, Keun ging ins Exil und kehrte 1940 heimlich nach Deutschland zurück. Nach dem Krieg geriet sie in Not und Vergessenheit, ehe sie in den 1970er Jahren wiederentdeckt wurde.


Biografie

Geboren wurde Irmgard Charlotte Keun am 6. Februar 1905. Die Quellen nennen als Geburtsort teils Berlin, teils Charlottenburg; Charlottenburg wurde erst 1920 nach Berlin eingemeindet. Ihre Eltern waren der Kaufmann Eduard Keun und Elsa Charlotte Keun, geborene Haese. 1910 kam der Bruder Gerd zur Welt. Die Kindheit verbrachte die Familie zunächst in Berlin und zog dort mehrfach um. 1913 übersiedelte sie nach Köln. Der Vater war inzwischen Teilhaber und Geschäftsführer der Cölner Benzin-Raffinerie geworden und bezog ein Haus in Köln-Braunsfeld.

Keun besuchte das evangelische Mädchenlyzeum Teschner und machte dort 1921 ihren Schulabschluss. Danach ging sie auf eine Handelsschule im Harz und nahm Unterricht in Stenografie und Maschinenschreiben. Eine Zeit lang arbeitete sie als Stenotypistin. Von 1925 bis 1927 besuchte sie eine Schauspielschule in Köln. Es folgten Engagements in Greifswald und am Thalia-Theater in Hamburg, allerdings mit mäßigem Erfolg.

1929 beendete sie die Schauspielerei. Ermutigt von Alfred Döblin, den sie bei einer Lesung in Berlin kennengelernt hatte, begann sie zu schreiben. Gilgi, eine von uns machte sie 1931 schlagartig bekannt, Das kunstseidene Mädchen wurde 1932 sofort zum Verkaufserfolg. Gefördert wurde sie von Döblin und Kurt Tucholsky. Mit dem zweiten Roman kamen Plagiatsvorwürfe auf: Keun habe aus Robert Neumanns Roman Karriere von 1931 abgeschrieben. Neumann distanzierte sich 1966 von diesem Vorwurf und schrieb, er habe dergleichen nie behauptet.

Am 17. Oktober 1932 heiratete Keun in Cochem den Autor und Regisseur Johannes Tralow. Die Ehe wurde 1937 geschieden. 1933 und 1934 wurden ihre Bücher beschlagnahmt und verboten, am 25. April 1935 kamen sie auf die Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums. Keun wehrte sich auf ungewöhnliche Weise und erhob im Oktober 1935 eine Schadensersatzklage wegen Verdienstausfalls, die abgewiesen wurde. Ihren Antrag auf Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer lehnte man am 1. April 1936 ab.

Im Frühjahr 1933 lernte sie den Arzt Arnold Strauss kennen, der als Jude seine Stellung an der Berliner Charité verloren hatte. Die Beziehung dauerte bis 1940 und ist durch später veröffentlichte Briefe belegt. 1935 emigrierte Strauss in die USA. 1938 reiste Keun ihm nach und besuchte ihn für mehrere Wochen in Virginia, kehrte aber nach Europa zurück. Von 1936 bis 1940 lebte sie überwiegend im Exil, vor allem im belgischen Ostende, außerdem in den Niederlanden und in Paris. In dieser Zeit entstanden die Romane Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften (1936), Nach Mitternacht (1937), D-Zug dritter Klasse (1938) und Kind aller Länder (1938). Sie erschienen bei den niederländischen Exilverlagen Allert de Lange und Querido, in Deutschland waren sie verboten. Zu ihrem Umkreis gehörten Egon Erwin Kisch, Hermann Kesten, Stefan Zweig, Ernst Toller, Ernst Weiß und Heinrich Mann. 1936 lernte sie in Ostende Joseph Roth kennen. Mit ihm hatte sie bis 1938 eine Liebesbeziehung und unternahm zahlreiche Reisen. Die Trennung erfolgte, weil Roth krankhaft eifersüchtig war.

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Belgien und die Niederlande im Mai 1940 kehrte Keun nach Deutschland zurück. Falsche Papiere auf den Namen „Charlotte Tralow“ halfen ihr dabei, ebenso eine Falschmeldung über ihren angeblichen Selbstmord im Daily Telegraph. Bis 1945 lebte sie versteckt im Haus ihrer Eltern in Köln-Braunsfeld. Nach dem Krieg arbeitete sie als Journalistin und schrieb kleinere Texte für Hörfunk, Kabarett und Feuilletons. An ihre früheren Erfolge konnte sie literarisch nicht mehr anknüpfen. Zeitweise lebte sie in ärmlichsten Verhältnissen in einem Schuppen auf einem Ruinengrundstück.

Der Roman Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen (1950) fand wenig Beachtung. 1951 wurde ihre Tochter Martina geboren; den Vater hielt Keun geheim. Im selben Jahr erhielt sie eine Wiedergutmachungszahlung als Opfer der NS-Verfolgung. 1954 erschien die Sammlung Wenn wir alle gut wären. Ab Mitte der 1950er Jahre bestand eine Freundschaft mit Heinrich Böll. 1959 verfilmte der französische Regisseur Julien Duvivier Das kunstseidene Mädchen mit Giulietta Masina in der Titelrolle. 1962 erschien mit Blühende Neurosen ihr letztes Buch.

Keun litt an Alkoholismus und verarmte. 1966 wurde das Elternhaus verkauft, sie wurde entmündigt und in die psychiatrische Abteilung der Rheinischen Landesklinik Bonn eingewiesen, wo sie bis 1972 blieb. Danach lebte sie zurückgezogen, ab 1977 in einer kleinen Wohnung in der Kölner Südstadt. Eine Lesung in Köln und eine Reportage von Jürgen Serke im Stern sorgten für ihre Wiederentdeckung, auch durch die feministische Literaturkritik. Ab 1979 besserte sich ihre finanzielle Lage. 1981 erhielt sie den Marieluise-Fleißer-Preis der Stadt Ingolstadt. Am 5. Mai 1982 starb Irmgard Keun in Köln an Lungenkrebs und wurde auf dem Melaten-Friedhof beigesetzt. Zu ihrer Biografie machte sie wiederholt falsche Angaben. Eine angekündigte Autobiografie mit dem Titel Kein Anschluss unter dieser Nummer blieb im Nachlass ohne eine einzige Zeile.


Literarische Merkmale

Bereits mit ihrem Debüt schuf Keun Romane, die satirisch und gesellschaftskritisch das Leben junger Frauen in der Endphase der Weimarer Republik schildern. Ihre Protagonistinnen geben sich selbstbewusst und schlagfertig, haben Realitätssinn und den Anspruch auf ein glückliches Leben. Was ihnen fehlt, ist neben der wirtschaftlichen auch die emotionale Eigenständigkeit: Sie bleiben abhängig vom Geld und der Zuwendung der Männer. In Gilgi, eine von uns stehen die Angestelltenkultur, Liebe und Emanzipation, die sogenannte Neue Frau und der Paragraf 218 im Mittelpunkt. In Das kunstseidene Mädchen führte Keun diese Themen weiter und zeigte aus der Sicht der Hauptfigur Doris die Sehnsucht nach Aufstieg, Glanz und Glamour.

Kennzeichnend ist ein assoziativer, witzig-aggressiver Stil, der sich an der gesprochenen Sprache orientiert. Als Vorbild diente ihr das Kino. „Aber ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird es noch mehr sein“, heißt es im Kunstseidenen Mädchen. Diese nur scheinbar naive, oft alltagsnahe, dabei aber sorgfältig gebaute Sprache löste schon bei den ersten Lesern Irritation aus. In der sozialdemokratischen Zeitung Vorwärts entzündeten sich kontroverse Debatten über die Stellung von Frauen in Angestelltenberufen.

Keuns gesamtes Werk zeichnet sich durch zeitdiagnostische Prägnanz aus, die von den frühen Romanen über die Exilzeit bis in die Nachkriegstexte reicht. Im Exil wandte sie sich in Nach Mitternacht dem Alltag im nationalsozialistischen Deutschland zu und zeichnete ein pessimistisches Bild von der Vergeblichkeit des einzelnen Widerstands. In Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen ließ sie zum ersten und einzigen Mal einen männlichen Ich-Erzähler zu Wort kommen, einen Kriegsheimkehrer, der im Nachkriegsdeutschland nicht heimisch wird und als Außenseiter lebt. In der Nachkriegszeit schrieb sie überwiegend Geschichten, Satiren, Glossen und Gedichte für Feuilleton und Kabarett.


Rezeption

Schon bei ihrem ersten Roman erkannte Kurt Tucholsky 1932 ein Talent. „Eine schreibende Frau mit Humor, sieh mal an!“, notierte er und lobte Keuns „beste Kleinmädchen-Ironie“. Zugleich sorgten die hohen Auflagen, der Charme der Frauenfiguren und das gepflegte Image der frischen, frechen jungen Frau dafür, dass ihre Bücher lange als reine Unterhaltung galten. Erst spät erkannte die Kritik ihre literarische Bedeutung. Zum 100. Geburtstag beschrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung ihr Werk als artistische Popliteratur, als rasante Mischung aus Schlager und Schreibmaschine, innerem Monolog, zarten Lyrismen und genau gehörter Umgangssprache.

Nach der Machtergreifung standen Gilgi, eine von uns und Das kunstseidene Mädchen als „Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz“ auf der Schwarzen Liste. In den Exiljahren wurde Nach Mitternacht 1937 auch international viel beachtet und teilweise euphorisch besprochen. Die Romane D-Zug dritter Klasse und Kind aller Länder wurden in mehrere europäische Sprachen übersetzt und von der Kritik überwiegend begeistert aufgenommen.

Die Wiederentdeckung in den 1970er Jahren begann mit einem Aufsatz von Gerd Roloff und der Reportage von Jürgen Serke im Stern. Getragen wurde sie auch vom wachsenden Interesse an Texten von Frauen, deren Werk oft im Schatten ihrer Zeitgenossen stand. Zum 75. Geburtstag hielt Elfriede Jelinek eine Rede. 1981 erhielt Keun als erste Preisträgerin den Marieluise-Fleißer-Preis. Ihre Wirkung hält an: 2003 stand Das kunstseidene Mädchen im Mittelpunkt der Kölner Aktion „Ein Buch für die Stadt“, 2017 erschien eine erste Werkausgabe der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2023 wurde am Düsseldorfer Schauspielhaus das Theaterstück Die fünf Leben der Irmgard Keun von Lutz Hübner und Sarah Nemitz uraufgeführt. Ihre beiden ersten Romane werden bis heute in der Schule gelesen und gelten als wichtige Zeitdokumente.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis

Im Lexikon

Weitere Werke

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten