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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Eduard von Keyserling
Eduard von Keyserling
1855 – 1918
– Autorenporträt –

Eduard von Keyserling

1855 – 1918 · 63 Jahre

Baltischer Adliger und impressionistischer Erzähler, der in feiner, ironischer Sprache die untergehende Welt der ländlichen Gutsherren schilderte – ihm trug das den Beinamen „baltischer Fontane“ ein.

Kurzporträt

Zu den bedeutenden impressionistischen Erzählern der deutschen Literatur zählt Eduard von Keyserling, geboren 1855 im kurländischen Baltikum, gestorben 1918 in München. Er stammte aus altem baltischem Adel und schilderte in seinen reifen Werken die untergehende Welt der ländlichen Gutsherren. In gedämpfter, feiner Sprache und mit verhaltener Ironie erzählte er von einer überfeinerten, gesellschaftlich funktionslos gewordenen Oberschicht, deren Angehörige nach Ausbruch aus ihren engen Konventionen verlangen und daran scheitern. Wegen dieser stimmungsvollen Schilderungen und seiner sensiblen Behandlung erotischer Konflikte trug ihm die Nachwelt das Etikett „baltischer Fontane“ ein. Seine bekanntesten Erzählungen und Romane entstanden in den letzten Lebensjahrzehnten, als er, von Krankheit gezeichnet und schließlich erblindet, zurückgezogen in München lebte.


Biografie

Am 14. Mai 1855 wurde Eduard Graf von Keyserling geboren. Über den genauen Geburtsort gehen die Quellen auseinander: Die Deutsche Biographie und die Deutsche Nationalbibliothek nennen Tels-Paddern bei Hasenpoth in Kurland, das heute zu Lettland gehört, während Wikidata die Gemeinde Kalvene angibt. Er entstammte dem baltischen Zweig der ländlich-adeligen Familie Keyserlingk und wuchs auf Schloss Tels-Paddern auf. Seine Eltern waren Eduard von Keyserling (1809–1876), Herr auf Telsen und Klein-Drogen in Kurland, und Theophile von Rummel (1816–1894). Eduard kam als zehntes von zwölf Kindern zur Welt. Seine Kindheit verlebte er im Kreis vieler Geschwister und aristokratischer Verwandter in patriarchalischen Verhältnissen auf den väterlichen Gütern. Zwei seiner Schwestern, Henriette (1839–1908) und Elise (1842–1915), waren ebenfalls Schriftstellerinnen.

Keyserling besuchte das Gymnasium in Hasenpoth beziehungsweise das deutsche Gymnasium in Kuldīga, das damals Goldingen hieß. Ab Mitte der 1870er Jahre studierte er in Dorpat, unter anderem Rechtswissenschaft, doch schloss er das Studium nicht ab. Aus ungeklärten Gründen wurde er aus seiner studentischen Verbindung ausgeschlossen; sein Großneffe Otto von Taube sprach später von „einer Lappalie – einer Unkorrektheit“. Der Vorfall führte für lange Jahre zu gesellschaftlicher Isolierung und dazu, dass ihn Familie und Standesgenossen mieden. Als gesellschaftlicher Außenseiter ging er als junger Mann nach Wien, wo er Philosophie und Kunstgeschichte studierte, dazu ein Jahr in Graz. In Wien lebte er als freier Schriftsteller und war für die Wiener Allgemeine Zeitung tätig. Vermutlich unterhielt er dort Beziehungen zum Kreis um Ludwig Anzengruber.

Zurück im Baltikum verwaltete Keyserling in den Jahren um 1890 bis 1895 die mütterlichen Güter Paddern und Telsen. Bereits 1893 zeigten sich erste Anzeichen einer unheilbaren Erkrankung. Nach dem Tod der Mutter übersiedelte er 1895 mit seinen Schwestern nach München. Der schon an Syphilis Erkrankte zog sich ein schweres Rückenmarksleiden zu und erblindete später. Um 1899 unternahm er mit zwei Schwestern eine letzte Italienreise. Danach führte er ein zurückgezogenes, von körperlichen Leiden gezeichnetes Leben. Am gesellig-literarischen Leben in Schwabing nahm er mit einer ihm eigenen Distanz teil und stand in Kontakt mit Frank Wedekind, Alfred Kubin, Alexander von Bernus und Karl Kraus; mit Max Halbe war er freundschaftlich verbunden. Von 1900 bis zu seinem Tod wohnte er in der Ainmillerstraße 19 in Schwabing. Seit 1908 verließ er das Haus kaum noch und diktierte seine Werke den bei ihm lebenden Schwestern. Nach 1914 kam wirtschaftliche Not hinzu, weil ihm die Einkünfte aus seinen kurländischen Gütern durch den Krieg fehlten. Keyserling blieb zeitlebens unverheiratet und starb am 28. September 1918 in München. Seinen schriftlichen Nachlass ließ er auf eigenen Wunsch bis auf wenige Ausnahmen vernichten.


Literarische Merkmale

Wenig äußere Handlung prägt Keyserlings Erzählungen und Romane. Sie stellen mit großer Sensibilität für psychologische und atmosphärische Nuancen vor allem Zustände dar. Zwischen wenigen zentralen Figuren zeichnet er in gedämpfter, genau treffender Sprache, mit lyrischen Tönungen und verhaltener Ironie, seelische Konfliktbewegungen nach, die zugleich gesellschaftlich begründet sind. Der erzählerische Raum ist eng begrenzt, doch in ihm entfaltet sich das Thema in vielen sorgfältig abgetönten Einzelheiten. Konflikte und Figuren bettet er in einen Stimmungsraum ein, der alles Einzelne – die von Farben und Düften gesättigte Natur, die Garten- und Wohnwelt, die Gespräche und Gesten der Menschen – zu einem ästhetischen Gefüge zusammenschließt.

Seine reifen Werke sind in der Welt eines überfeinerten ländlichen Adels angesiedelt. Diese Gesellschaft ist gesellschaftlich funktionslos geworden und vermittelt der nachwachsenden Generation nur noch das erstickende Korsett überkommener Konventionen. Dem gegenüber steht die scheinbar unmittelbare, naturnahe Welt der Dörfler, der einfachen Bauern und Fischer. Keyserling erzählt meist figurengebunden, oft aus weiblicher Sicht und häufig aus mehreren Perspektiven zugleich. Seine Figuren verlangen danach, ihrem nur dekorativen Dasein zu entkommen, doch keiner gelingt die ersehnte Grenzüberschreitung; sie scheitern und resignieren zuletzt. Die Schauplätze verlegte er diskret nach Preußen oder gelegentlich ins Bayerische, doch verdankt sich sein Werk der genauen Kenntnis des baltischen Adels, dessen Welt mit der russischen Revolution unterging. Wich er von seinem Erfahrungs- und Erinnerungsbereich ab, wie im Roman Fürstinnen, so zeigten sich laut der Deutschen Biographie Unsicherheit und Blässe der Konstruktion. Fritz Martini würdigt in der Neuen Deutschen Biographie die Treffsicherheit und die farbige, musikalische Sinnlichkeit seiner Sprache und nennt Keyserling einen originären Stilisten künstlerischer Prosa.


Rezeption

Als literarisch unbekannter Autor kam Keyserling 1895 nach München. Seine frühen Romane Fräulein Rosa Herz und Die dritte Stiege stehen noch unter dem Einfluss des Naturalismus; diese beiden Erstwerke und seinen Wiener Aufenthalt wollte er später in Vergessenheit geraten lassen. Zunächst schien er als Dramatiker Profil zu gewinnen, und der einflussreiche Theaterleiter Otto Brahm brachte ihm förderndes Interesse entgegen. Doch erkannte Keyserling bald selbstkritisch den Widerspruch zwischen den Anforderungen der Bühne und seiner eigentlichen Begabung. Mit dem Roman Beate und Mareile von 1903 fand er zu seinem Grundthema und Stil; die folgenden Erzählungen und Romane kultivierten beides noch feiner.

Wegen seiner sensiblen Schilderung erotischer Konflikte und seiner verhaltenen Ironie trug ihm die Nachwelt das Etikett „baltischer Fontane“ ein. Laut der Neuen Deutschen Biographie lässt sich sein impressionistisches Erzählen mit zeitgenössischen französischen Erzählern zwischen Paul Bourget und Marcel Proust vergleichen, ebenso mit Iwan Turgenjew, Herman Bang und Jens Peter Jacobsen; in begrenzterem Maße rückt es ihn in die Nähe von Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke, mit dem er persönlich in Kontakt stand. Sein Werk beschäftigt die Literatur bis heute. Der 2018 erschienene Roman Keyserlings Geheimnis von Klaus Modick erzählt von der Entstehung jenes Porträts, das Lovis Corinth im Sommer 1900 am Starnberger See von Keyserling malte und das heute in der Münchner Neuen Pinakothek hängt.

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