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Werkseintrag · Die rote Blume
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Cover Die rote Blume
Die rote Blume
1883
– Werkseintrag –

Die rote Blume

1883 · Kurzgeschichte

Ein Mann in der Irrenanstalt ist überzeugt, dass eine rote Mohnblüte alles Böse der Welt in sich trägt – und beschließt, es allein in sich aufzunehmen.

Überblick↑

Die Kurzgeschichte Die rote Blume von Wsewolod Garschin erschien 1883 und gilt als sein literarisch bedeutendstes Werk. Sie schildert die Wahnvorstellungen eines Mannes in einer Irrenanstalt, der in einer roten Mohnblüte alles Böse dieser Welt versammelt sieht. Auf wenigen Seiten verbindet die Erzählung das Bild einer krankhaften fixen Idee mit der Frage, wie weit ein Mensch für eine große Überzeugung zu gehen bereit ist. Garschin verarbeitete darin eigene Erfahrungen mit psychischen Krisen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht ein Patient einer Irrenanstalt, der im Anstaltsgarten von zwei grell leuchtenden roten Mohnblüten wie magisch angezogen wird. In seinem Wahn ist er überzeugt, dass diese Blumen alles Böse der Welt in sich aufgesogen haben. Der Mohn, aus dem das Opium gewonnen wird, scheint ihm das vergossene Blut aller Unschuldigen zu enthalten.

Aus dieser Vorstellung wächst ein fester Entschluss: Der Kranke will das Böse aus den Blüten in sich selbst aufnehmen, um es in seinem Inneren zu besiegen. Heimlich reißt er eine der Blumen ab und verbirgt sie unter dem Hemd an seiner Brust. Die Wärter versuchen, ihn von den Blüten fernzuhalten, doch er lässt sich nicht abbringen. Was als stiller Kampf eines Einzelnen gegen ein eingebildetes Weltübel beginnt, treibt ihn mit immer größerer Kraft voran.

Die Handlung im Detail↑

Die Handlung setzt im Monat Mai ein. Der Patient wird im Anstaltsgarten von den grell leuchtenden hellroten Blüten dreier Mohnstauden angezogen. Als er einen der Stängel abreißen will, hindert ihn ein Wärter daran. Am Abend jedoch nutzt er einen unbewachten Augenblick, reißt eine der Blumen ab und verbirgt sie unter dem Hemd direkt an der Brust.

In seinem Wahn spinnt er den Gedanken weiter: Das Opium kommt aus dem Mohn, also hat der Mohn alles Böse aufgesogen und enthält das vergossene Blut der Unschuldigen. Nun soll dieses Böse über seine Brust in sein Inneres eindringen, wo er es besiegen kann und muss. Bevor der strenge Wärter eingreifen kann, reißt er auch die zweite Blüte ab, birgt sie ebenfalls an der Brust und versteckt sich im Haus.

Als nach seiner Überzeugung alles Böse aus den Mohnblüten in ihn eingedrungen ist, verwelken die Blüten. Er verbrennt die Reste im Badeofen. Danach geht es ihm sehr schlecht, denn er trägt nun so viel Böses in sich, und er muss in die Zwangsjacke.

Da sieht er, wie draußen im Beet eine dritte Mohnknospe aufbricht. Der rasch abmagernde Kranke befreit sich ohne fremde Hilfe aus der Zwangsjacke, überwindet listig das vergitterte Fenster zum Garten, reißt die dritte rote Blüte ab und zerdrückt sie in der Hand. Nun hat er nach seiner Ansicht alles Böse dieser Welt in sich aufgenommen und bricht unter der ungeheuren Last zusammen. Am Morgen wird er tot aufgefunden, mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht. Die dritte Blume gibt der Tote nicht mehr her – er wird mit ihr begraben.

Stil↑

Auf engem Raum verdichtet die Erzählung das Innenleben eines Kranken zu einem eindringlichen Bild. Im Mittelpunkt steht nicht eine äußere Handlung mit vielen Figuren, sondern die fixe Idee eines einzelnen Menschen, die Schritt für Schritt an Macht gewinnt. Die rote Mohnblüte wird dabei zum Sinnbild für alles Böse der Welt, und die ganze Erzählung ordnet sich diesem einen Bild unter.

Garschin schöpfte den Stoff aus eigenem Erleben. Er hatte aufgrund seiner seelisch labilen Verfassung mehrfach Wahnvorstellungen durchgemacht, wahrscheinlich auch während eines seiner beiden Aufenthalte in einer Irrenanstalt. Diese unmittelbare Nähe zum Geschilderten verleiht der Darstellung des Wahns ihre Genauigkeit und ihre beklemmende Wirkung.

Rezeption↑

Als erste deutsche Veröffentlichung Garschins erschien die Erzählung in der Übersetzung von Friedrich Fiedler in der Literaturzeitschrift Nordische Rundschau. Fiedler hatte bereits vor dem russischen Druck ein Exemplar des Manuskripts erhalten und dem Autor seine Übersetzung vorgestellt, mit der dieser einverstanden war.

Der deutsche Übersetzer und Kenner der russischen Literatur August Scholz zeigte sich tief beeindruckt und stellte die literarische Qualität des Textes über die Schreckensgeschichten westlicher Autoren wie Edgar Allan Poe und Honoré de Balzac. In der Folge wurde Die rote Blume zu einer der meistverlegten Erzählungen Garschins im deutschen Sprachraum. Zahlreiche Übersetzungen und Neuauflagen erschienen über die Jahrzehnte, unter anderem in Reclams Universal-Bibliothek, und hielten den Text im deutschen Lesepublikum lebendig.

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