1820
Das Mädchen Kiêu
Überblick↑
Das Versepos Das Mädchen Kiêu von Nguyễn Du (1765–1820) gehört zu den bekanntesten Werken der vietnamesischen Literatur. Der Originaltitel lautet Đoạn Trường Tân Thanh, was sich als „Ein neuer Schrei aus gebrochenem Herzen“ wiedergeben lässt. Geläufiger ist der Kurztitel Truyện Kiều, also „Die Erzählung von Kiều“.
In 3.254 Versen schildert das Gedicht das Leben der schönen und begabten jungen Frau Thúy Kiều, die sich opfert, um ihre Familie zu retten. Um Vater und Bruder aus dem Gefängnis freizubekommen, verkauft sie sich in die Ehe mit einem Mann mittleren Alters. Sie ahnt nicht, dass er ein Zuhälter ist, und wird zur Prostitution gezwungen. Die Deutungen gehen auseinander: Manche Autoren der nachkolonialen Zeit lasen das Werk als verschlüsselte Kritik am Aufstieg der Nguyễn-Dynastie. Berühmt ist das Epos für seinen menschenfreundlichen Grundton; es wurde in zwanzig Sprachen übersetzt, darunter Englisch, Französisch, Japanisch und Koreanisch.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Handlung spielt im China der Ming-Zeit, unter der Regierung des Jiajing-Kaisers, und umspannt mehr als fünfzehn Jahre. Zu Beginn besucht Vương Thúy Kiều, ein schönes und gebildetes Mädchen, gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Thúy Vân und ihrem Bruder Vương Quan die Gräber der Vorfahren. Unterwegs steht sie am Grab einer verstorbenen Künstlerin namens Đạm Tiên, die ebenso schön und begabt gewesen sein soll wie sie selbst, deren Leben aber voller Kummer war. Kiều erkennt sich in diesem Schicksal wieder.
Am selben Tag begegnet sie dem jungen, vielversprechenden Gelehrten Kim Trọng. Die beiden versprechen einander die Ehe, doch die Hochzeit muss warten: Kim Trọng kehrt nach Hause zurück, um ein halbes Jahr lang um seinen Onkel zu trauern.
In dieser Zeit bricht das Unglück über Kiềus Familie herein. Ein Seidenhändler bringt sie zu Unrecht in Verdacht, die Behörden ziehen den gesamten Besitz ein, Vater und Bruder droht das Gefängnis. Kiều entschließt sich, sich selbst zu verkaufen, um die Ihren freizukaufen. Ihre Schwester Thúy Vân soll an ihrer Stelle das Eheversprechen gegenüber Kim Trọng einlösen. Was aus diesem Entschluss folgt, führt Kiều durch viele Jahre der Erniedrigung, der Flucht und immer neuer Abhängigkeiten, immer begleitet von der Frage, ob sie ihrem als unabwendbar empfundenen Schicksal je entkommen kann.
Die Handlung im Detail↑
Im China der Ming-Zeit, unter dem Jiajing-Kaiser, beginnt die über fünfzehn Jahre reichende Geschichte. Vương Thúy Kiều besucht mit ihrer Schwester Thúy Vân und ihrem Bruder Vương Quan die Ahnengräber und hält am Grab der Künstlerin Đạm Tiên inne, deren Los sie als Vorzeichen für das eigene liest. Sie lernt den Gelehrten Kim Trọng kennen und verspricht ihm die Ehe, die sich verzögert, weil er ein halbes Jahr um seinen Onkel trauern muss.
Dann wird die Familie von einem Seidenhändler zu Unrecht beschuldigt und verliert ihr Vermögen an die Obrigkeit, Vater und Bruder droht Haft. Kiều verkauft sich an den Gelehrten Mã und bittet Thúy Vân, das Eheversprechen an Kim Trọng zu erfüllen. Mã entpuppt sich als Zuhälter, der Mädchen für das Freudenhaus der Madam Tú beschafft. Er vergewaltigt Kiều und bringt sie in das Haus nach Lin-Tzu im heutigen Shandong. Dort weigert sie sich, Gäste zu bedienen, und versucht sich das Leben zu nehmen, als man sie dazu zwingen will. Madam Tú ersinnt einen Plan, um Kiềus Würde zu brechen: Sie stellt den Lebemann und Betrüger Sở Khanh darauf an, Kiều zur gemeinsamen Flucht zu überreden und sie dann zurück in die Hände der Wirtin zu führen. Ohne jeden Halt fügt sich Kiều und wird Prostituierte.
Ihre Schönheit zieht viele Männer an, darunter den Studenten Thúc. Er kauft sie mit seinem Vermögen frei und heiratet sie, obwohl er bereits eine Frau hat: Hoạn Thư, die Tochter des Premierministers Hoạn. Als diese davon erfährt, lässt sie Kiều aus Eifersucht von ihren Leuten entführen und als Sklavin in ihrem eigenen Haus halten, während Thúc gerade unterwegs zu ihr ist. Thúc erschrickt, als er Kiều als Sklavin wiedersieht, wagt aber vor seiner ersten Frau nie, sich ihr zu nähern.
Kiều flieht aus dem Anwesen und nimmt dabei einige wertvolle Zierstücke vom Hausaltar mit. Sie findet Zuflucht in einem buddhistischen Tempel, wo die Nonne Giác Duyên sie freundlich aufnimmt. Als die Nonne bemerkt, dass Kiều gestohlenes Gut bei sich trägt, schickt sie das Mädchen zu Madam Bạc, bei der sie es sicher glaubt. Doch auch Madam Bạc führt ein Freudenhaus, und Kiều wird ein zweites Mal hineingelockt. Dort begegnet sie Từ Hải, dem Anführer eines Aufstandsheeres. Die beiden heiraten und leben fünf Jahre lang zusammen, und gemeinsam herrschen sie über ein Reich auf Zeit.
Später fällt Kiều auf Hồ Tôn Hiến herein und überredet ihren Mann, im Vertrauen auf eine Begnadigung alles aufzugeben. Das führt zum Einfall in Từ Hảis Reich und zu dessen Tod. Von Kiềus Schönheit betört, zwingt Hồ Tôn Hiến sie, bei seinem Siegesmahl aufzutreten, und verliebt sich in sie. Um übles Gerede zu vermeiden, verheiratet er sie hastig an einen örtlichen Beamten. Verzweifelt stürzt sich Kiều in den Qiantang-Fluss. Wieder ist es Giác Duyên, die sie rettet: Die Nonne hatte längst von Kiềus Schicksal erfahren, als sie Tam Hợp befragte, dem die Gabe zugeschrieben wird, in die Zukunft zu sehen.
Unterdessen ist Kim Trọng, ihre erste Liebe, Beamter geworden und hat Kiềus Eltern ein Zuhause gegeben. Er sucht die ganze Zeit nach ihr und findet sie schließlich bei der Nonne. Kiều kehrt zu ihrer ersten Liebe und zu ihrer Familie zurück, und damit endet der Kreislauf ihres schlechten Karmas. Sie heiratet Kim Trọng, verweigert ihm aber die körperliche Verbindung und hält so am Ende alle Gelübde ihrer Jugend ein.
Stil↑
Geschrieben ist das Epos in vietnamesischer Sprache, und zwar im Versmaß lục bát, dem „Sechs-Acht-Maß“. Über 3.254 Verse hinweg trägt diese Form die gesamte Lebensgeschichte der Heldin. Der Titel selbst gibt den Ton vor: Đoạn Trường Tân Thanh heißt so viel wie „Ein neuer Schrei aus gebrochenem Herzen“.
Rezeption↑
Zu den bekanntesten Werken der vietnamesischen Literatur zählt dieses Versepos bis heute. Gerühmt wird es vor allem für seinen menschenfreundlichen Sinn. Übersetzungen liegen in zwanzig Sprachen vor, unter anderem auf Englisch, Französisch, Japanisch und Koreanisch.
Die Deutungen des Werks gehen auseinander. Einige Schriftsteller der nachkolonialen Zeit lasen darin ein kritisches Gleichnis auf den Aufstieg der Nguyễn-Dynastie. Auch der Film hat sich des Stoffes angenommen: Die erste Verfilmung, Kim Vân Kiều von 1924 unter der Regie von Paul Thierry, gilt zugleich als der erste in Vietnam gedrehte Spielfilm.
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