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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · My Ántonia
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My Ántonia
1918
– Werkseintrag –

My Ántonia

1918 · Roman

Ein Junge und die Tochter böhmischer Einwanderer wachsen in der Prärie von Nebraska auf – und ein Leben lang erzählt er von ihr.

Überblick↑

Der Roman My Ántonia der US-amerikanischen Schriftstellerin Willa Cather erschien erstmals 1918. Im deutschen Sprachraum wurde er im Lauf der Jahre unter verschiedenen Titeln veröffentlicht: als Antonia, My Antonia und Meine Antonia. Das Buch bildet den dritten und letzten Teil von Cathers Prärie-Trilogie, zu der auch O Pioneers! und Das Lied der Lerche gehören.

Wie viele Werke Cathers erzählt der Roman von Siedlern, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts das Land westlich des Mississippi urbar machen. Die Autorin hebt dabei besonders hervor, welchen Anteil Frauen an der Erschließung der amerikanischen Prärie hatten. Im Mittelpunkt steht Antonia, die mit ihrer Familie aus Böhmen einwandert und in Nebraska aufwächst.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Erzählt wird die Geschichte von Jim Burden. Als Kind reist er im selben Zug wie die Familie Shimerda nach Black Hawk, einer kleinen erfundenen Stadt in Nebraska. Seine Eltern sind gestorben, er soll bei seinen Großeltern aufwachsen. Die Shimerdas sind Einwanderer aus Böhmen. Sie haben eine kleine Farm in der Nähe gekauft, verstehen aber wenig von der Landwirtschaft.

Nur Antonia, eine der Töchter, spricht ein paar Worte Englisch. Jim gibt ihr ein wenig Unterricht, und die beiden freunden sich an. Der Leser erlebt Antonias Leben durch Jims Augen. Der böhmische Name wird dabei auf der ersten Silbe betont, das i lang gesprochen: An'-ton-ie-ah.

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert, die ungefähr den Lebensstationen Antonias von der Kindheit bis zur Ehe entsprechen. Der erste Teil schildert die harten Anfangsjahre der Einwandererfamilie auf der Prärie. Später sucht Antonia Arbeit in der Stadt, wie viele Töchter von Einwanderern, die dort als Dienstmädchen, Wäscherinnen, Zimmermädchen oder Schneiderinnen unterkommen. Ein eigener Teil rückt Lena Lingard in den Mittelpunkt, die Tochter einer schwedischen Einwandererfamilie und ebenfalls mit Jim und Antonia befreundet. Jim selbst geht ans College und macht seinen Weg im Osten des Landes. Über die Jahre laufen die Lebenswege der Freunde auseinander.

Die Handlung im Detail↑

In den späteren Ausgaben steht dem Roman eine Einleitung voran, die in der Erstveröffentlichung von 1918 noch fehlte und erst 1926 hinzukam. Ein anderer Erzähler führt darin Jim Burden ein, den eigentlichen Ich-Erzähler. Jim ist inzwischen ein erfolgreicher und wohlhabender Mann. Er lebt jedoch glücklos und kinderlos an der Seite einer reichen Frau aus der gehobenen Gesellschaft der amerikanischen Ostküste. Cather entschied sich bewusst für einen Ich-Erzähler, weil sie überzeugt war, die emotionale Botschaft des Romans lasse sich so besser vermitteln.

Das erste und längste Buch erzählt von Jims ersten Jahren bei den Großeltern, die damals noch eine Farm bei Black Hawk bewirtschaften. In der Nachbarschaft lassen sich die Shimerdas nieder. Sie kommen auf ihrer Farm kaum zurecht und überleben das erste Jahr nur mit Hilfe von Jims Großvater. Dankbarkeit erntet er dafür kaum. Die Familie haust zunächst in einem erbärmlichen Haus aus Grassoden. Mr. Shimerda war nur auf Drängen seiner Frau ausgewandert und sehnt sich nach seinem kultivierten Leben in Böhmen zurück. Im ersten langen und harten Winter bringt er sich um. Neues Familienoberhaupt wird Antonias ältester Bruder Ambrosch. Gemeinsam mit ihm macht Antonia die Prärie urbar und leistet trotz ihrer Jugend die schwere körperliche Arbeit, die sonst männliche Farmarbeiter verrichten.

Im zweiten Buch haben Jims Großeltern die Farm aus Altersgründen aufgegeben und sind nach Black Hawk gezogen. Der Kontakt zu Antonia bleibt bestehen. Die Farm der Shimerdas trägt inzwischen so weit, dass Antonia sich in der Stadt Arbeit suchen kann. Sie ist eine von vielen Einwanderertöchtern, die dort als Dienstmädchen, Wäscherin, Zimmermädchen oder Schneiderin unterkommen. Ihr Arbeitgeber Cutter versucht sich an ihr zu vergreifen, doch Jim kommt zufällig dazwischen und verhindert den Übergriff.

Das dritte Buch folgt Jim ans College, wo er erfolgreich ist und später sogar nach Harvard wechselt. Dort begegnet er Lena Lingard wieder. Sie hat sich als Schneiderin etabliert. Während des Goldrauschs zieht sie nach Kalifornien und Alaska, führt dort erfolgreich Pensionen und schürft mit Erfolg selbst nach Gold. Sie kommt zu Vermögen und lehnt es ab zu heiraten.

Im vierten Buch besucht Jim die Harlings, die Antonia einst als Dienstmädchen beschäftigt und sich für ihr Fortkommen eingesetzt hatten. Antonia hat sich unterdessen auf eine verhängnisvolle Verbindung mit Larry Donovan eingelassen, der sich als Bahnschaffner ausgibt. Er bricht sein Eheversprechen, verbraucht ihr mühsam erspartes Geld und lässt sie schwanger sitzen.

Im fünften Buch fasst Jim nach Jahrzehnten den Entschluss, Antonia wieder aufzusuchen. Sie hat geheiratet und viele Kinder, anders als er selbst. Auf ihrer Farm lebt sie in bescheidenem Wohlstand. Verdient hat sie ihn nicht ihrem Ehemann, sondern sich selbst.

Stil↑

Bemerkenswert ist zunächst der Aufbau: Der Roman gliedert sich in fünf große Bücher, die ungefähr den Lebensstationen Antonias von der Kindheit bis zur Ehe folgen. Ganz streng ist diese Ordnung nicht, denn das dritte Buch rückt die junge schwedische Einwanderin Lena Lingard in den Mittelpunkt.

Erzählt wird durchgehend aus der Sicht Jim Burdens. Diese Entscheidung traf Cather bewusst: Sie war überzeugt, dass sich die emotionale Botschaft des Romans über einen Ich-Erzähler besser vermitteln lasse. Antonia erscheint dadurch nie unmittelbar, sondern immer im Blick eines Freundes, der sie über Jahrzehnte begleitet. Bis heute wird Cather dafür gerühmt, die besonderen Lebensbedingungen der Pioniere in Literatur verwandelt zu haben. Ihre Stoffe handeln dabei von Gefühlen, die jeder kennt.

Rezeption↑

Nach dem Erscheinen 1918 wurde der Roman begeistert besprochen. Er galt sogleich als Meisterwerk und trug dazu bei, dass Cather zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der USA gezählt wurde. An dieser Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert.

Die britische Zeitung The Guardian nahm das Buch 2009 in ihren Kanon 1000 Novels everyone must read auf, gemeinsam mit The Song of the Lark und A Lost Lady. In einer Umfrage derselben Zeitung unter Kritikern und Autoren nach den hundert besten auf Englisch geschriebenen Romanen erreichte er 2015 Platz 100.

Auch außerhalb der Literatur wirkte der Stoff nach. Joseph Sargent verfilmte ihn 1995 für das Fernsehen; im deutschen Sprachraum lief der Film unter dem Titel Wege der Liebe.

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