Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · My Last Duchess
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Cover My Last Duchess
My Last Duchess
1842
– Werkseintrag –

My Last Duchess

1842 · Lyrik

Ein Herzog führt den Gesandten seiner künftigen Braut durch seine Kunstsammlung und verrät dabei Satz für Satz mehr über sich selbst als über die Bilder an der Wand.

Überblick↑

Das Gedicht My Last Duchess von Robert Browning erschien im November 1842 in der Sammlung Dramatic Lyrics, zunächst unter dem Titel Italy. Es gilt als kennzeichnendes Beispiel für den dramatischen Monolog. In der englischsprachigen Literatur zählt es zu den bekanntesten Gedichten und steht innerhalb von Brownings Werk weit vorn. Seine vieldeutige Vielschichtigkeit und die sorgfältige Wortwahl machen es für den Dichter besonders charakteristisch.

Der Text spielt in der zweiten Hälfte des Cinquecento, am Ende der italienischen Renaissance. Browning nimmt den Tod der jungen Herzogin von Ferrara zum Anlass: Lucrezia de' Medici starb 1561, kaum drei Jahre nach der Hochzeit, und man verdächtigte ihren Mann Alfonso II. d'Este, sie vergiftet zu haben. Dieser Herzog wendet sich an Nikolaus Madruz, den Gesandten des Grafen von Tirol. Hinter der weltmännischen Höflichkeit des Sprechers tritt im Lauf des Monologs ein kalter, selbstsüchtiger und äußerst besitzergreifender Mann hervor.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Vorgeführt wird eine Begegnung am Ende der italienischen Renaissance, ganz als Monolog eines einzigen Sprechers. Der Herzog von Ferrara empfängt den Gesandten jener Frau, die er in zweiter Ehe zu heiraten gedenkt, und zeigt ihm stolz die Kunstwerke seines Hauses. Er zieht einen Vorhang beiseite und enthüllt das Bildnis einer Frau. Es sei, erklärt er, das Porträt seiner verstorbenen Gemahlin, ohne dass er ihren Namen nennt. Dann lädt er den Gast ein, sich zu setzen und das Gemälde zu betrachten.

Während beide das Bild ansehen, schildert der Herzog das fröhliche, warmherzige Wesen der jungen Frau, ihr rasch geschenktes Lächeln und ihren leicht geweckten Dank. Zugleich lässt er durchblicken, dass eben diese Anmut seinen Unwillen erregte. Ihr Herz, so deutet er an, habe sich zu schnell gefreut und sei zu leicht zu rühren gewesen. Er habe ihr verübelt, ihr Glück nicht allein aus seiner Gegenwart zu ziehen. Danach kehrt das Gespräch zu den Bedingungen der geplanten Ehe zurück.

Die Handlung im Detail↑

Erzählt wird das Gedicht als durchgehende Rede des Herzogs von Ferrara. Er hat den Gesandten seiner künftigen Braut zu Gast und würdigt ihm gegenüber die Kunstwerke seines Hauses. Vor einem verhängten Gemälde zieht er den Vorhang beiseite und zeigt das Bildnis seiner verstorbenen Frau, gemalt von einem Frà Pandolf. Er bittet den Gast, sich niederzusetzen und zu betrachten.

Im Betrachten beschreibt der Herzog das heitere Wesen der Duchesse und ihr Lächeln, das sie jedem zuteilwerden ließ. Nach und nach wird deutlich, dass ihn genau das erzürnte. „Ihr Herz“, sagt er, „wie soll ich es nennen? – freute sich allzu schnell, war zu leicht zu rühren.“ Sie habe nicht ihr einziges Glück in seiner Gegenwart gesucht. Er habe es als Kränkung empfunden, dass sie seine Gabe eines neunhundert Jahre alten Geschlechts mit den Aufmerksamkeiten jedes Beliebigen auf eine Stufe stellte. „Gewiss, sie lächelte, wenn ich vorüberging – doch wer ging vorüber, ohne dass dasselbe Lächeln erwachte?“

Dann fällt der entscheidende Satz: „Ich gab meine Befehle. Alles Lächeln hörte auf, für immer.“ Man geht davon aus, dass der Herzog seine Frau töten ließ. Nun hängt ihr Bildnis hinter einem Vorhang, den allein er ziehen darf – sicher, dass er ihr Lächeln endlich ungeteilt für sich besitzt. Browning selbst stellte klar, dass nicht eine vermeintliche Untreue der Herzogin, sondern die maßlose Eitelkeit des Herzogs zu ihrer Ermordung führte.

Der Herzog nimmt danach das zuvor unterbrochene Gespräch über die Bedingungen der geplanten Heirat wieder auf. Im Hinabsteigen lenkt er den Blick auf ein weiteres Kunstwerk, eine Bronzestatue: Neptun, der ein Seepferd bändigt, für ihn gegossen von einem Claus von Innsbruck.

Stil↑

Der Titel fällt sogleich auf. Er hat nicht die unpersönliche Form, die andere dramatische Monologe Brownings tragen, etwa Childe Roland to the Dark Tower Came. In der Ausgabe von 1842 besaß das Gedicht diese unpersönliche Form noch, nämlich als Italy. Vor allem aber verstören die Worte selbst. Statt des erwarteten „late“ („verstorben“) steht „Last“ („letzte“), was keine Trauer meint, sondern eine Reihe: Die Frau ist nur das jüngste Glied. Das Possessivpronomen „My“ – „meine letzte Herzogin“ statt „die verstorbene Herzogin“ – beginnt eine lange Kette von Wörtern, die Selbstbezogenheit und Besitz ausdrücken: „meine Gunst“, „meine Gabe“, „mein Objekt“. Die beiden Schlussworte des Gedichts lauten „for me“ – „für mich“.

Schon der erste Satz legt die Haltung des Herzogs offen: Er setzt seine Frau mit dem Bild an der Wand gleich und spricht von ihr wie von einer früheren Erwerbung, die man zu ersetzen im Begriff ist. Die Rede über die „Tiefe“ und „Leidenschaft“ ihres Blicks lässt die Frage anklingen, ob nicht der Anblick eines Liebhabers ein solches Leuchten hervorrief. Das englische Wort „spot“ für das Erröten an ihrer Wange trägt einen Doppelsinn: Der Herzog empfindet diese Röte wie einen Fleck, eine Beleidigung seiner Ehre.

Verfasst ist der Text in gereimten fünffüßigen Jamben, die paarweise reimen – den heroic couplets. Die Schlussverse über den Neptun, der ein Seepferd bändigt, lesen sich wie ein Sinnbild: So wie diese Bronzefigur das Tier bezwingt, bezwingt der Herzog seine Herzoginnen.

Rezeption↑

Zu den bekannteren Gedichten der englischsprachigen Literatur gehört dieser Text bis heute, und innerhalb von Brownings Schaffen steht er weit vorn. Immer wieder wird er als kennzeichnendes Beispiel für den dramatischen Monolog angeführt – jene Form, in der ein einzelner Sprecher unabsichtlich sein eigenes Wesen entlarvt. Gerade die vieldeutige Vielschichtigkeit und die genaue Wortwahl gelten als typisch für den Dichter. Bemerkenswert bleibt, wie eng das Bild, das der Leser vom Herzog gewinnt, mit der überlieferten Beschreibung des historischen Alfonso II. übereinstimmt.

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