1940
The Invention of Morel
Überblick↑
Der Roman La invención de Morel des argentinischen Schriftstellers Adolfo Bioy Casares erschien 1940 im Verlag Losada. Er gilt als ein klassisches Beispiel der fantastischen Literatur in spanischer Sprache und ist wohl eines der bekanntesten Bücher seines Autors. Jorge Luis Borges schrieb das Vorwort und hielt es weder für ungenau noch für übertrieben, die Handlung dieses Buches „perfekt“ zu nennen. Erzählt wird die Geschichte eines Flüchtlings, der sich auf einer einsamen Insel versteckt und dort auf Menschen trifft, die ihn nicht wahrnehmen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Auf einer verlassenen Insel beginnt ein Mann ein Tagebuch, weil plötzlich Fremde eintreffen. Er ist ein venezolanischer Schriftsteller, zu lebenslanger Haft verurteilt und auf der Flucht. Er glaubt, sich auf der Insel Villings im Archipel der Ellice-Inseln zu befinden, ganz sicher ist er sich nicht. Sicher weiß er nur, dass auf der Insel eine seltsame Krankheit herrscht, deren Anzeichen an eine Strahlenvergiftung erinnern.
Die Ankunft der Fremden erscheint ihm zunächst wie ein Wunder. Gleich darauf fürchtet er, sie könnten ihn fassen und den Behörden ausliefern. Als die Gruppe das Museum auf dem Hügel besetzt, in dem er bisher gewohnt hat, weicht er in die Sümpfe aus.
Unter den Ankömmlingen ist eine Frau, die jeden Tag von der Steilküste im Westen den Sonnenuntergang betrachtet. Der Flüchtling beobachtet sie heimlich, erfährt ihren Namen – Faustine – und verliebt sich in sie. Häufig kommt ein bärtiger Wissenschaftler namens Morel zu ihr, mit dem sie französisch spricht. Als der Flüchtling sie schließlich anspricht, reagiert sie nicht. Er hält es für Absicht, doch bei den anderen Gästen ergeht es ihm genauso: Niemand auf der Insel nimmt ihn wahr.
Dann fällt ihm auf, dass sich die Gespräche zwischen Faustine und Morel Woche für Woche wiederholen. Er beginnt zu fürchten, den Verstand zu verlieren. Immer neue Rätsel kommen hinzu: tote Fische im Aquarium, die sich gleichen; Badegäste, die frieren, während die Hitze unerträglich ist; und am Himmel zwei Sonnen und zwei Monde. Aus diesen Beobachtungen entwickelt der Erzähler eine Erklärung nach der anderen, bis er der Wahrheit auf die Spur kommt.
Die Handlung im Detail↑
Nach dem Eintreffen der Fremden zieht sich der Flüchtling in die Sümpfe zurück und beobachtet die Gruppe aus der Ferne. Seine Liebe zu Faustine wächst, obwohl sie ihn nicht bemerkt. So plötzlich, wie sie erschienen sind, verschwinden die Gäste wieder. Der Flüchtling kehrt ins Museum zurück und sucht nach Spuren, findet aber keinen Hinweis darauf, dass während seiner Abwesenheit dort Menschen gelebt hätten. Er hält alles für eine Halluzination, ausgelöst durch verdorbenes Essen. Doch noch in derselben Nacht sind die Gäste wieder da. Sie tauchen aus dem Nichts auf und plaudern, als wären sie längst vor Ort.
Nun beobachtet er sie aus der Nähe, ohne sich zu zeigen, und bemerkt weitere Ungereimtheiten: im Aquarium liegen dieselben toten Fische wie am Tag seiner Ankunft, am Swimmingpool hüpfen die Badenden, um sich zu erwärmen, obwohl die Hitze kaum zu ertragen ist, und über der Insel stehen zwei Sonnen und zwei Monde.
Die Erklärung erfährt er, als Morel den Gästen eröffnet, dass er ihre Handlungen der vergangenen Woche mit einer Maschine seiner Erfindung aufgezeichnet hat. Sie kann die Wirklichkeit wiedergeben. Morel behauptet, die Aufnahme fange die Seelen der Aufgezeichneten ein, so dass sie diese Woche bei jeder Wiedergabe für immer neu erleben. Auf diese Weise wolle er die Ewigkeit an der Seite der Frau verbringen, die er liebt. Er nennt keinen Namen, doch der Flüchtling ist überzeugt, dass Faustine gemeint ist.
Als die Gäste hören, dass die Menschen aus früheren Versuchen tot sind, vermutet einer von ihnen, dass auch sie sterben werden – zu Recht. Die Versammlung bricht ab, Morel geht wütend davon. Der Flüchtling nimmt sich Morels Aufzeichnungen vor. Er liest, dass Wind und Gezeiten die Maschine mit unerschöpflicher Energie versorgen und sie deshalb unablässig weiterläuft. Nun begreift er auch die doppelten Himmelskörper: Sie erscheinen, wenn sich die Aufzeichnung mit der Wirklichkeit überlagert. Die eine Sonne ist die wirkliche, die andere zeigt den Sonnenstand aus der Zeit der Aufnahme. Die übrigen Merkwürdigkeiten erklären sich auf gleiche Weise.
Der Flüchtling denkt über alle möglichen Verwendungen der Erfindung nach, bis hin zu einem zweiten Gerät, mit dem man Menschen wiedererwecken könnte. Zunächst widerstreben ihm diese „Fotografien“ neuer Art, die die Insel bewohnen. Mit der Zeit hält er ihr Dasein jedoch für besser als sein eigenes. Er lernt, die Maschine zu bedienen, und fügt sich selbst in die Aufzeichnung ein, so dass es aussieht, als seien Faustine und er ein Liebespaar. Der Gedanke, sie könnte mit Alec und Haynes geschlafen haben, quält ihn, doch er vertraut darauf, dass es in der gemeinsamen Ewigkeit nicht mehr zählt. Wenigstens ist er sicher, dass sie nicht Morels Geliebte ist.
Im letzten Tagebucheintrag beschreibt er, wie er hofft, dass seine Seele beim Sterben in die Aufzeichnung übergeht. Er richtet eine Bitte an einen künftigen Erfinder: Dieser solle nach Morels Vorbild eine Maschine bauen, die Seelen verschmelzen kann. Er möge Faustine und ihn suchen und ihn in Faustines Bewusstsein eintreten lassen – als Akt der Barmherzigkeit.
Stil↑
Erzählt wird durchgehend aus der Sicht des Flüchtlings, und zwar in Form seines Tagebuchs. Der Leser erfährt nur, was der Erzähler selbst sieht, notiert und deutet. Weil dieser die Fremden bloß aus der Ferne beobachtet, bleibt lange offen, ob er einem Rätsel der Insel oder seiner eigenen Verwirrung folgt. Das Buch ist streng gebaut: Jede Beobachtung, die zunächst unerklärlich wirkt, wird später aufgelöst. Auch die Deutungen, die der Erzähler verwirft, gehören zu diesem Verfahren. Die Sprache bleibt sachlich und genau, sie berichtet das Unwahrscheinliche im Ton eines Protokolls. Zum Werk gehört zudem das Vorwort von Jorge Luis Borges.
Rezeption↑
Bereits mit dem Vorwort erhielt der Roman eine gewichtige Empfehlung: Jorge Luis Borges hielt es weder für ungenau noch für übertrieben, die Handlung „perfekt“ zu nennen. Das Buch zählt zu den klassischen Werken der fantastischen Literatur in spanischer Sprache und gilt als eines der bekanntesten unter den Büchern von Adolfo Bioy Casares.
Auch Film und Fernsehen griffen den Stoff auf. Claude-Jean Bonnardot verfilmte ihn 1967 für das Fernsehen, Emidio Greco 1974 für das Kino.
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