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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Adolfo Bioy Casares
Adolfo Bioy Casares
1914 – 1999
– Autorenporträt –

Adolfo Bioy Casares

1914 – 1999 · 84 Jahre

Argentinischer Erzähler, der 1940 in „Morels Erfindung“ eine Maschine erdachte, die täuschend echte Abbilder von Menschen erzeugt – 1990 mit dem Cervantespreis geehrt.

Kurzbiografie↑

Adolfo Bioy Casares wurde 1914 in Buenos Aires geboren und starb dort 1999. Er gehört zu den bekanntesten argentinischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Berühmt wurde er vor allem durch den schmalen Roman Morels Erfindung von 1940, in dem eine Maschine täuschend echte Abbilder von Menschen erzeugt. Das Buch gilt als eines der frühen Beispiele einer südamerikanischen Science-Fiction. Eng verbunden war Bioy Casares mit Jorge Luis Borges, mit dem er unter gemeinsamen Decknamen zahlreiche Texte schrieb. 1990 erhielt er den Cervantespreis.


Biografie↑

Geboren wurde Bioy Casares am 15. September 1914 in Buenos Aires. Seine Eltern waren Adolfo Bioy Domecq und Marta Ignacia Casares Lynch. Die Familie war vermögend und führte sich auf den irischen Auswanderer Patrick Lynch zurück. Zu ihren Mitgliedern zählten ein chilenischer Marineadmiral, der argentinische Schriftsteller Benito Lynch und der Revolutionär Che Guevara.

Schon als Kind begann er zu schreiben. Mit elf Jahren verfasste er seine erste Geschichte, Iris und Margarita. Neben Spanisch sprach er früh auch Französisch, Englisch und Deutsch. An der Universität belegte er Jura, Philosophie und Literatur. Die Studien langweilten ihn jedoch, und einen Abschluss erwarb er nicht.

Prägend wurde für ihn eine Begegnung des Jahres 1932: Bei Victoria Ocampo lernte er Jorge Luis Borges kennen. Aus dem Kennenlernen wurde eine lange Freundschaft. Beide schrieben gemeinsam zahlreiche Werke, die sie unter den Decknamen H. Bustos Domecq oder B. Suárez Lynch veröffentlichten. Zwei Jahre später traf er im selben Kreis Silvina Ocampo, die Schwester Victorias, die ebenfalls schrieb. 1940 heirateten die beiden.

Die Ehe blieb kinderlos. 1954 adoptierte das Paar Marta, eine Tochter von Bioy Casares aus einer anderen Beziehung. Die letzten Lebensjahre des Schriftstellers waren von schweren Verlusten überschattet. Silvina Ocampo starb, und kurz darauf kam 1994 auch die Tochter Marta bei einem Autounfall ums Leben. Das Erbe der Eheleute sprach später ein Gericht einem weiteren unehelichen Kind zu, Fabián Bioy. Der war zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits im Alter von vierzig Jahren gestorben.

Anders als viele argentinische Kollegen sah sich Bioy Casares in den Jahren der Militärdiktatur nicht gezwungen, sein Land zu verlassen. Er blieb in Argentinien.

Sein Werk erschien über Jahrzehnte hinweg. 1940 kam Morels Erfindung heraus, 1954 folgte Der Traum der Helden, 1973 Schlaf in der Sonne. Neben dem Schreiben arbeitete er auch als Übersetzer, als Kritiker und als Fotograf; die Deutsche Nationalbibliothek führt diese Tätigkeiten neben dem Beruf des Schriftstellers. In seinen letzten beiden Jahrzehnten wurde er vielfach geehrt. Er starb am 8. März 1999 in Buenos Aires, seiner Geburtsstadt. Begraben ist er auf dem Friedhof La Recoleta.


Literarische Merkmale↑

Immer wieder kreisen die Bücher von Bioy Casares um dieselbe Frage: Was ist eigentlich wirklich? In Morels Erfindung gerät ein Mann auf der Flucht vor der Justiz auf eine abgelegene Insel. Deren Bewohner wiederholen stets dieselben Abläufe einer Woche. Am Ende zeigt sich, dass es keine Menschen sind, sondern dreidimensionale Aufzeichnungen, die von der Wirklichkeit nicht zu unterscheiden sind. Eine Maschine erzeugt sie. Damit nahm der Autor schon 1940 Gedanken vorweg, die man heute unter dem Stichwort Virtualität kennt.

Der Roman Der Traum der Helden erzählt von einer ausufernden Karnevalsfeier, die mehrere Tage dauert. Danach lebt der Held mit der beunruhigenden Vorstellung weiter, er sei während der trunkenen Streitereien erstochen worden. Jahre später zieht er mit denselben Kumpanen wieder um die Häuser. Da erfüllt sich sein Schicksal: Er kommt bei einer Messerstecherei um. Das Motiv der sich selbst erfüllenden Prophezeiung findet sich auch häufig bei seinem Freund Borges. Bei Bioy Casares verbindet es sich mit einem tief sitzenden Zweifel daran, was Realität überhaupt sei.

Um Identität und Wirklichkeit geht es ebenso in Schlaf in der Sonne. Ein Mann leidet unter den Launen seiner Frau und lässt sich von einem Bekannten überreden, sie in psychiatrische Behandlung zu geben. Die Frau kehrt als geheilt zurück, sanft und rücksichtsvoll. Doch der Mann merkt, dass dies nicht mehr die Person ist, die er geliebt hat. Man hat ihre Seele ausgetauscht. Ihn stürzt das in eine Krise: Wen genau hat er eigentlich geliebt, und hat er seine Frau richtig geliebt?

Kennzeichnend ist die knappe Form. Morels Erfindung ist ein schmaler Roman. Der Science-Fiction-Autor Karsten Kruschel hob hervor, dass das Buch zugleich „ein Gleichnis auf die Existenz des Verfolgten“ sei, „der sich in seiner Bedrohung in ein anderes Dasein hinübersehnt, eines, in das ihm seine Verfolger nicht folgen können, wie auch immer es aussehen mag.“


Rezeption↑

Lange stand Bioy Casares im Schatten seines Freundes Jorge Luis Borges. Der Literaturwissenschaftler David P. Gallagher, von 1968 bis 1974 Lektor für lateinamerikanische Literatur an der University of Oxford, schrieb 1972, das Werk habe nicht den Platz in der lateinamerikanischen Literatur erhalten, den es verdiene. Vermutlich habe es unter der Verbindung mit Borges gelitten: „Es wurde vermutet, dass Bioy bloß ein glorifizierter Handlanger sei oder sein Werk eine unbedeutende Nachahmung von Borges“. Gallagher hielt dagegen fest, es sei durchaus offen, wer wen beeinflusst habe. Er beobachtete bereits eine wachsende Anerkennung und schrieb, es könne sein, „dass dieser Mann, der aus Bescheidenheit immer abgelehnt hat, Reklame für sich selber zu machen, zu guter Letzt dennoch angemessen gewürdigt wird“.

Besonders Morels Erfindung wurde international immer wieder neu aufgelegt. Der deutsche Science-Fiction-Autor und Publizist Karsten Kruschel nannte es anlässlich einer Neuausgabe „denn doch ein starkes Stück“, dass Bioy Casares schon 1940 über Virtualität nachgedacht habe, „zumal einige seiner Schlußfolgerungen denjenigen nah verwandt scheinen, die Stanislaw Lem aufwarf, als er 1964 ‚Summa Technologiae‘ veröffentlichte…“ Dem Roman wird zudem nachgesagt, er habe den Film Letztes Jahr in Marienbad von 1961 beeinflusst. Der Drehbuchautor Alain Robbe-Grillet räumte Ähnlichkeiten zwischen beiden Werken ein.

Zu Lebzeiten erhielt Bioy Casares zahlreiche Ehrungen. 1975 bekam er den Großen Ehrenpreis der argentinischen Schriftstellervereinigung SADE, 1981 die französische Ehrenlegion, 1984 den Premio Mondello. 1986 ernannte man ihn zum Berühmten Bürger von Buenos Aires. 1990 wurde ihm der Cervantespreis zugesprochen, den er 1991 in Alcalá de Henares entgegennahm.

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