1877
Barbarische Oden
Überblick↑
Der Gedichtband Barbarische Oden (italienisch Odi barbare) versammelt Gedichte des italienischen Dichters Giosuè Carducci. Die erste Ausgabe brachte der Verlag Zanichelli 1877 heraus, in der Reihe „Collezione elzeviriana"; sie enthielt zunächst nur vierzehn Texte. In den folgenden Jahren erweiterte Carducci die Sammlung immer wieder, bis sie am Ende vierundfünfzig Oden umfasste. Das Besondere an diesen Gedichten: Carducci wollte die antike Dichtung nicht mehr nur in Wortwahl und Stoff nachahmen, sondern auch ihre Versmaße wiederbeleben. „Barbarisch" nannte er seine Oden, weil er annahm, so würden die antiken Schriftsteller sie nennen, könnten sie sie hören.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Sammlung verbindet sehr verschiedene Stoffe zu einem Ganzen. Ein Teil der Gedichte wendet sich der Antike zu und ruft das alte Rom und seine Landschaften herauf. Andere Oden greifen Ereignisse der neueren Geschichte auf. Daneben stehen stimmungsvolle Verse, in denen Carducci flüchtige Augenblicke der Natur und des Alltags einfängt – etwa einen Bahnhof im Morgengrauen oder ein stilles Schneetreiben. Über allem liegt sein Versuch, den Klang der griechischen und lateinischen Dichtung in italienischer Sprache neu erstehen zu lassen. Wer die Oden liest, begegnet einem Dichter, der Gelehrsamkeit, politische Leidenschaft und ein feines Gefühl für Form miteinander verbindet.
Die Handlung im Detail↑
Der Weg der Sammlung erstreckte sich über viele Jahre. 1877 erschienen die ersten vierzehn Oden. Erweiterte Fassungen folgten 1882 und 1886 unter dem Titel Nuove odi barbare (Neue barbarische Oden), 1889 als Terze odi barbare (Dritte barbarische Oden) und 1893 als Auswahl Delle odi barbare. Am Ende standen vierundfünfzig Gedichte.
Ein großer Teil ist der antiken Welt gewidmet. Dazu gehören Dinanzi alle terme di Caracalla (Vor den Thermen des Caracalla), Nell'annuale della fondazione di Roma (Zum Jahrestag der Gründung Roms) und Alle fonti del Clitumno (An den Quellen des Klitumnus). Andere Oden nehmen die neuere Geschichte in den Blick, so Cadore, Per la morte di Napoleone Eugenio (Auf den Tod Napoleone Eugenios) und Miramar. Fremd war Carducci auch die stimmungsvolle Lyrik nicht: Zu seinen bekanntesten Gedichten zählen Alla stazione in una mattina d'autunno (Am Bahnhof an einem Herbstmorgen) und Nevicata (Schneefall).
Den Namen „barbarisch" wählte Carducci mit Bedacht. Er nahm an, die antiken Dichter würden seine Oden so nennen, wenn sie sie hören könnten. Nicht ohne Ironie fügte er hinzu, dass nach seinem Urteil auch die heutigen Italiener sie so nennen würden – wenn auch aus ganz anderen Gründen.
Stil↑
Das Neue an den Oden liegt in ihrer Form. Die antike Dichtung maß in ihren Versen lange und kurze Silben; das Italienische dagegen richtet sich nach der Betonung der Wörter. Carducci versuchte, das Ebenmaß der griechischen und lateinischen Versmaße nachzubilden, indem er die Betonungsregeln des Italienischen dafür einspannte – also Wörter mit Betonung auf der letzten, der vorletzten und der drittletzten Silbe kunstvoll aneinanderreihte. Angeregt wurde er dabei von deutschen Gelehrten und Dichtern, besonders von Friedrich Gottlieb Klopstock, der für das Deutsche ein Gegenstück zum antiken Hexameter geschaffen hatte. So griff Carducci die nach antiken Dichtern benannten Strophenformen auf, die saffische, die alkäische und die asklepiadeische. Sein Vorhaben beschrieb er selbst in einem Bild: Er neige sich der italischen Muse zu Füßen und versuche, ihre altehrwürdigen Versmaße wie ein Paar Schuhe anzuprobieren, nach deren Takt einst die Chöre auf dem Marmor dorischer Tempel geschritten seien.
Der oft belehrende und politische Ton, für den Carducci sonst bekannt war, wurde durch diese anspruchsvolle Form gebändigt. Das Ergebnis wirkt klar geordnet und ungewöhnlich beherrscht – die Leidenschaft bleibt spürbar, doch die strenge Form hält sie in Schranken.
Rezeption↑
Carducci galt als einer der angesehensten Dichter Italiens und wurde später mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Die Barbarischen Oden festigten seinen Ruf, brachten ihm aber auch Streit ein. 1878, anlässlich eines Besuchs des Königspaares in Bologna, schrieb er die Ode Alla regina d'Italia (An die Königin von Italien) zu Ehren der Königin Margherita, die seine Dichtung bewunderte. Von da an galt er manchen als Sprecher der offiziellen Kultur, was ihn mit seinen republikanischen Weggefährten entzweite. Auf die scharfen Angriffe der Presse entgegnete er sinngemäß, es sei nirgends geschrieben, dass er an Schönheit und Anmut grußlos vorübergehen müsse – bloß weil sie eine Königin sei und er ein Republikaner, dürfe er nicht Höflichkeit zeigen, sondern nur Grobheit? So blieb die Sammlung nicht allein ein Werk der Kunst, sondern auch ein Anlass öffentlicher Auseinandersetzung.
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