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Werkseintrag · Der Fall
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Cover Der Fall
Der Fall
1956
– Werkseintrag –

Der Fall

1956 · Roman

Ein gefeierter Pariser Anwalt beichtet einem Fremden in einer Amsterdamer Bar, wie ein einziges Lachen sein ganzes makelloses Selbstbild zum Einsturz brachte.

Überblick

Der Roman Der Fall (französisch La Chute) von Albert Camus erschien 1956 bei Éditions Gallimard in Paris. Ursprünglich war die Geschichte für den Erzählband Das Exil und das Reich gedacht, wuchs aber so an, dass sie als eigenständiges Werk herauskam. Es ist Camus' letztes vollendetes Prosawerk. Erzählt wird die Lebensbeichte des selbsternannten „Bußrichters" Jean-Baptiste Clamence, eines ehemals erfolgreichen Pariser Anwalts, der einem Fremden in Amsterdam seine Vergangenheit offenlegt. Sein Sturz lässt sich als weltliche Fassung des Sündenfalls lesen. Das Werk kreist um Bewusstsein, Freiheit und die Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens.

Inhalt (ohne Spoiler)

In einer Amsterdamer Bar namens Mexico City kommt ein Mann mit einem fremden Gast ins Gespräch. Beide stammen aus Paris, und so beginnt der Mann, sein Leben zu erzählen. Er heißt Jean-Baptiste Clamence und war einst ein angesehener und erfolgreicher Anwalt. Vor allem habe er sich für Witwen und Waisen eingesetzt, für die Armen, die sich sonst keine Verteidigung leisten konnten. Auch im Alltag sei er stets hilfsbereit gewesen. Er hielt sich für einen tugendhaften Menschen, der im Dienst der anderen lebt.

Doch eine Reihe von Erlebnissen bringt dieses Bild ins Wanken. Nach und nach beginnt Clamence zu zweifeln, ob er wirklich der gute Mensch war, für den er sich hielt. Ein Lachen, das er eines Abends auf einer Brücke hört, verfolgt ihn fortan und durchdringt seine ganze Existenz. In fünf langen Monologen entfaltet er vor seinem schweigenden Zuhörer, wie aus dem gefeierten Anwalt ein anderer Mensch wurde und was es mit seiner neuen Rolle als „Bußrichter" auf sich hat.

Die Geschichte besteht ganz aus Clamences Reden; sein Gegenüber kommt nie selbst zu Wort. So zieht der Erzähler den Leser unmerklich in seine Beichte hinein.

Die Handlung im Detail

Zu Beginn erklärt Clamence in der Bar Mexico City einem Fremden, wie man dort richtig etwas zu trinken bestellt, denn der Barmann spricht nur Niederländisch. Clamence übersetzt für sein Gegenüber. Als sich herausstellt, dass beide aus Paris stammen, beginnt er ein ernstes Gespräch.

Er erzählt von seinem scheinbar makellosen Leben in Paris. Als erfolgreicher und angesehener Anwalt kümmerte er sich vor allem um Witwen und Waisen, um die Armen und Entrechteten. Auch im Alltag war er hilfsbereit: Blinden half er über die Straße, im Bus machte er Platz. Er glaubte, allein im Dienst der anderen zu leben, mehr erreicht zu haben als der gewöhnliche Mensch und auf einem Gipfel angekommen zu sein, wo die Tugend sich selbst belohnt.

Eines Nachts, beim Überqueren der Pont Royal, unterlässt er es, den Selbstmord einer Frau zu verhindern. Er lebt zunächst weiter wie gewohnt. Später erkennt er, dass er gehemmt war, weil er für die Rettung sein eigenes Leben hätte gefährden müssen. Der Vorfall lässt sich nicht vergessen. Jahre danach hört er auf der Pont des Arts ein Lachen, das ihn von da an verfolgt.

Ein dritter Vorfall besiegelt seinen Abstieg. An einer Ampel wartet er hinter einem Motorrad, das nicht anspringt und das er nicht überholen kann. Es kommt zum Streit mit dem unnachgiebigen, beleidigenden Fahrer. Als Clamence ihn schlagen will, mischt sich ein Passant ein und empört sich, dass Clamence einen durch sein Motorrad behinderten und damit benachteiligten Mann schlagen wolle. Während Clamence die Sache richtigstellen will, schlägt ihn der Motorradfahrer plötzlich von der Seite an den Kopf und fährt davon. Erniedrigt kehrt Clamence zu seinem Wagen zurück, ohne sich zu wehren. Erst danach fällt ihm immer wieder ein, was er hätte tun können. Verbitterung nagt an ihm. Nachdem er sich wehrlos in der Öffentlichkeit hatte schlagen lassen, kann er sein Selbstbild nicht mehr halten. Da ihn der Vorfall so quält, schließt er, dass er auch nicht der wahrheitsliebende Wohltäter war, für den er sich hielt, sonst hätte er den längst vergessenen Zwischenfall ebenfalls vergessen. Clamence kommt zu dem Schluss, dass er sein ganzes Leben mit der Suche nach Ehre, Anerkennung und Macht über andere verbracht hat. Nach dieser Erkenntnis kann er nicht mehr leben wie zuvor.

Anfangs kämpft er gegen das Gefühl an, scheinheilig und selbstsüchtig gelebt zu haben. Doch seine guten Taten halten der Prüfung nicht stand. Ihm fällt ein, dass er, sobald er einem Blinden über die Straße half, besonders gern den Hut zog. Da der Blinde die Geste nicht sehen konnte, fragt er sich nun, an wen sie gerichtet war: an die Zuschauer. So sieht er sich selbst als doppelzüngig und scheinheilig. Die Klarheit darüber, dass sein ganzes Leben falsch war, stürzt ihn in eine geistige und emotionale Krise. Das Lachen von der Pont des Arts durchdringt nun seine ganze Existenz. Sogar bei Gericht, wenn er für Gerechtigkeit und Recht eintritt, beginnt er über sich selbst zu lachen.

Um das Lachen loszuwerden, versucht er, seine Scheinheiligkeit abzulegen und den guten Ruf zu zerstören, den er einst darauf gegründet hatte. Er lässt unter Leuten unkorrekte Bemerkungen fallen. Doch seine Bemühungen scheitern: Man hält es für Späße, denn es scheint undenkbar, dass ein ehrenwerter Mann so etwas ernst meint. Auch erkennt er, dass diese Versuche selbst unehrlich waren, ein weiterer Täuschungsversuch, um das Gelächter auf seine Seite zu ziehen. Schließlich zieht er sich zurück, schließt die Kanzlei und meidet den früheren Umgang. Er gibt sich kompromisslosen Ausschweifungen hin, denn im Genuss sei niemand heuchlerisch. Clamence erkennt, dass jeder an irgendetwas Schuld trägt, ob gewollt oder ungewollt.

Der letzte seiner fünf Monologe findet in seiner Wohnung im ehemaligen Judenquartier statt. Nun berichtet er genauer, wie er nach Amsterdam kam. Mit dem Ausbruch des Krieges und dem Fall Frankreichs erwog er, sich der Résistance anzuschließen, verwarf den Plan aber wieder. Stattdessen wollte er aus Paris nach London fliehen und nahm den Umweg über Nordafrika. Dort fand er einen Freund und wollte bleiben, vielleicht in Tunis sesshaft werden, wurde aber von den Nationalsozialisten verhaftet und in ein Konzentrationslager gesperrt.

Schließlich erklärt er, wie eine Tafel mit dem Titel „Die gerechten Richter" in seinen Besitz kam. Sie gehört zum berühmten Genter Altar von Jan van Eyck. Camus greift hier eine wahre Begebenheit auf: Nachdem der Altar nach dem Ersten Weltkrieg gemäß dem Versailler Vertrag aus den Berliner Museen an Belgien zurückgegeben worden war, wurden 1934 die Tafeln mit den gerechten Richtern und mit Johannes dem Täufer aus der Genter St.-Bavo-Kirche gestohlen. Die zweite kehrte zurück, für die gerechten Richter aber wurde ein Lösegeld von einer Million belgischer Francs gefordert. Da niemand zahlte, bleibt das Bild bis heute verschollen; ausgestellt ist eine Kopie, was Clamence im Roman erwähnt. Anhand dieses Bildes erläutert er sein Selbstverständnis als Bußrichter. Für seine Verfehlungen, die die Gesellschaft nicht bestraft, das Nicht-Verhindern des Selbstmords, die Eitelkeit, die Ausschweifungen, büßt er, indem er mit dem gestohlenen Bild eine in dieser Ordnung strafbare Schuld auf sich lädt. So hat er sich selbst zum Richter über die eigene Person gemacht und sich eine Möglichkeit zur Buße geschaffen.

Stil

Bestimmend für das Werk ist seine Form: Es besteht ganz aus den Reden eines einzigen Mannes. Jean-Baptiste Clamence spricht, sein Zuhörer kommt nie selbst zu Wort. Der ganze Roman ist als sein fortlaufender Monolog angelegt, verteilt auf fünf Gesprächssituationen. Auf einen allwissenden Erzähler, der das Geschehen von außen ordnen würde, verzichtet Camus völlig. Damit nimmt er dem Leser die Möglichkeit, das Erzählte mit unabhängigem Blick zu prüfen; man sieht alles nur durch Clamence. Diesen Verzicht auf eine übergeordnete Erzählstimme kennt man bereits aus Camus' vierzehn Jahre zuvor erschienenem Roman Der Fremde.

Die Gestalt des beichtenden, sich selbst anklagenden Erzählers stellt sich in eine literarische Linie, zu der Lermontows Ein Held unserer Zeit, Fjodor Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Kellerloch und Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra gehören.

Rezeption

Eine besondere Stellung hat das Werk im Schaffen von Albert Camus, denn es ist sein letztes vollendetes Prosawerk. Gelesen wird die Lebensbeichte des Jean-Baptiste Clamence häufig als weltliche Fassung des Sündenfalls: ein Mensch, der aus der scheinbaren Höhe seiner Tugend in die Einsicht der eigenen Schuld stürzt. So verbindet der schmale Roman die großen Themen, die Camus durchziehen, mit der Frage nach Schuld, Selbsttäuschung und der Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens.

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