1928
Der Fall Maurizius
Überblick↑
Der Roman Der Fall Maurizius von Jakob Wassermann entstand zwischen 1925 und 1927 und erschien 1928. Er erzählt von der Aufklärung eines Justizirrtums und verbindet dabei zwei große Themen seiner Zeit: den Streit zwischen einem strengen Vater und seinem heranwachsenden Sohn und die Frage, ob das Rechtssystem wahre Gerechtigkeit überhaupt herstellen kann. Beide Stränge sind in Form einer Detektivgeschichte miteinander verwoben. Die Handlung spielt um 1925 in Frankfurt am Main und Berlin und stellt den mächtigen Oberstaatsanwalt von Andergast und seinen sechzehnjährigen Sohn Etzel in einen Wettstreit um dieselbe Wahrheit. Das Buch zählt zu den bekannteren Werken Wassermanns und wurde als Best- und Longseller aufgenommen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der sechzehnjährige Gymnasiast Etzel Andergast, der in Frankfurt am Main im Haus seines Vaters lebt. Der Vater, Oberstaatsanwalt Wolf Freiherr von Andergast, gilt im Volk wegen seiner Härte als „der blutige Andergast“. Für ihn ist das Recht eine unantastbare Idee, keine Sache des Herzens. Auch zu Hause duldet er keine Gefühle: Seine Ehe ist zerbrochen, die Mutter wurde verstoßen und ins Ausland gedrängt, über sie darf nicht gesprochen werden.
Etzel erfährt von einem alten Kriminalfall. Ein Mann namens Otto Leonhart Maurizius sitzt seit rund achtzehn Jahren im Zuchthaus, weil er seine Frau erschossen haben soll. Dessen Vater Peter Paul Maurizius versucht, eine Begnadigung zu erreichen, und wendet sich damit ausgerechnet an den Staatsanwalt, der damals auf die Todesstrafe plädiert hatte. Als Etzel die Zeitungsberichte über den Prozess liest, wird er von der Unschuld des Verurteilten überzeugt. Er entdeckt Lücken in der Beweiskette und fasst einen kühnen Entschluss.
Die Erzählung verfolgt, wie Vater und Sohn unabhängig voneinander demselben Geheimnis nachgehen. Nach und nach entsteht aus Prozessprotokollen, Zeitungsartikeln und den Aussagen der Beteiligten ein immer feineres Bild vom wahren Hergang der Tat. Zugleich stellt der Roman die großen Fragen: Was ist Gerechtigkeit, und wie soll ein junger Mensch zu einer eigenständigen Persönlichkeit erzogen werden?
Die Handlung im Detail↑
Der Roman verknüpft zwei Handlungsstränge. Der eine spielt in der Gegenwart und schildert den Konflikt in der Familie des Frankfurter Oberstaatsanwalts Wolf von Andergast. Der andere rollt einen etwa neunzehn Jahre zurückliegenden Gerichtsprozess wieder auf, der mit der Verurteilung des Kölner Privatdozenten Otto Leonhart Maurizius endete, obwohl dieser nie ein Geständnis ablegte.
Etzel Andergast, sechzehn Jahre alt, lebt unter der strengen Kontrolle seines Vaters. Als Kind hat er den Vater vergöttert und ihn im Mittelpunkt der Welt gesehen. Inzwischen zweifelt er an dessen Allmacht und durchschaut seine Strategien. Er erkennt, dass der Vater sowohl die frühere Affäre der Mutter Sophia als auch den Fall Maurizius benutzt, um einen Feldzug der Ordnung und Moral gegen die vermeintliche Zügellosigkeit der jungen Generation zu führen. In seinem Plädoyer wollte Andergast einst „das ganze Verhängnis einer Zeit, die Krankheit einer Nation“ in der Person des Angeklagten bestrafen. Etzel bricht immer mehr aus dieser Ordnung aus: Er schwänzt die Schule, wandert im Taunus, sucht Rat bei seinem Klassenkameraden Robert Thielemann und spricht mit seinem Lehrer Dr. Camill Raff über die Frage der Wahrheit und der Verantwortung. Bei der Großmutter Cilly, der „Generalin“, erkundigt er sich nach seiner Mutter.
Ausgelöst wird die Haupthandlung durch Peter Paul Maurizius aus Hanau, den Vater des Verurteilten. Er versucht, den Staatsanwalt für eine Begnadigung seines Sohnes zu gewinnen. So erfährt Etzel von dem Fall. Weil der Vater ihm keine Auskunft gibt, nimmt der Junge selbst Kontakt zum alten Maurizius auf. Dieser erzählt die Vorgeschichte: Sein lebenslustiger, verschuldeter Sohn, damals dreiundzwanzig, heiratete die vermögende, achtunddreißigjährige Witwe Elli in Erwartung eines geerbten Vermögens. Er verschwieg ihr eine Tochter aus einer früheren Beziehung und ließ das Kind heimlich durch seine junge Schwägerin Anna Jahn, in die er sich verliebt hatte, nach England zu einer Pflegefamilie bringen. Etzel erfährt außerdem, dass der Kronzeuge Gregor Waremme, auf dessen Aussage die Verurteilung beruhte, heute unter dem Namen Georg Warschauer in Berlin als Privatlehrer Schüler unterrichtet. Anna, die beim Mord ebenfalls anwesend war, erbte Ellis Vermögen und lebt inzwischen verheiratet in der Nähe von Trier.
Nach dem Studium der Zeitungsartikel ist Etzel von der Unschuld des Verurteilten überzeugt. Ihm eigen ist ein „auffallender Scharfsinn“ und eine Art Spürsinn, verborgene Dinge ans Licht zu bringen. Er erbittet von der Großmutter dreihundert Mark und fährt heimlich nach Berlin, um herauszufinden, wer den Mord wirklich begangen hat. In einem Brief nennt er dem Vater den Grund seines Verschwindens: „Ich will die Wahrheit finden.“
Mit der Abreise des Sohnes spürt Andergast, dass er die Kontrolle über sein mühsam errichtetes System verliert. Er lässt polizeilich nach Etzel fahnden, doch ohne Erfolg. Er macht der Haushälterin Rie und seiner Mutter Vorwürfe und vermutet eine Verschwörung gegen seine Anweisungen. Seine Mutter hält ihm entgegen, sein „Kasernenregiment“ habe die heimliche Flucht des Jungen verschuldet, und erinnert ihn daran, wie er einst die „arme Sophia wie einen Hund“ fortgejagt und deren Liebhaber in den Tod getrieben habe. Aus Groll veranlasst Andergast außerdem die Versetzung von Dr. Raff an ein Provinzgymnasium, weil er in dem Lehrer einen Vertreter freier Persönlichkeitserziehung und damit einen Rivalen erkennt.
Parallel zu diesen Abwehrmaßnahmen beginnt der Vater selbst, den Fall zu untersuchen. Er lässt die Prozessakten nach Hause kommen und prüft die Zeugenaussagen neu. Zunächst bewundert er die eigene „meisterhafte Arbeit“, muss aber einen „Schönheitsfehler“ zugeben: das fehlende Geständnis. Beim Weiterlesen bemerkt er Unstimmigkeiten. Die Aussage stützte sich allein auf Waremmes Beobachtung, Maurizius habe den Revolver aus der Manteltasche gezogen und geschossen. Doch die Tatwaffe wurde nie gefunden. Andergast wundert sich, dass er die Ungereimtheiten damals zulasten des Angeklagten ausgelegt und die Angaben der Zufallszeugen nicht überprüft hatte. Immer öfter erinnert er sich an Etzels Kindheit, und langsam weicht seine feste Haltung auf. Er fragt sich, ob „hinter der gewussten Wirklichkeit eine andere, geheimnisvollere“ stecke. Äußere Zeichen dieser Wandlung sind die Trennung von seiner Geliebten Violet Winston und ein Gespräch mit Peter Paul Maurizius über ihre aus der Art geschlagenen Söhne.
Im Roman werden die konkurrierenden Recherchen von Vater und Sohn abwechselnd erzählt, besonders im zweiten Teil, der die Überschrift „Zwischenreich“ trägt. Beide gelangen zum selben Ergebnis, verfolgen aber verschiedene Ziele: Der Sohn will die volle Rehabilitierung des Unschuldigen, der Vater nur die Begnadigung. Der Erzähler lässt die Beteiligten aus verschiedenen Blickwinkeln auf die Vorgeschichte schauen, aus Protokollen, Zeitungsberichten, den Aussagen von Vater und Sohn Maurizius und vor allem des Zeugen Waremme. So entsteht Stück für Stück ein Mosaikbild der Tat.
In den Gesprächen prallen unterschiedliche Weltbilder aufeinander. Für Andergast ist ein Gerichtsurteil unumstößlich, er sieht sich als Organ der strafenden Gerechtigkeit. Für Waremme gibt es überhaupt keine Gerechtigkeit, nur „psychologische Labyrinthe“; der Einzelne sei zufälligen Verhältnissen ausgeliefert, mal Opfer, mal Täter, und leite daraus sein bloßes Überlebensrecht ab. Etzel lehnt beide Haltungen ab: die des Vaters, weil sie von der abstrakten Regel und nicht vom lebendigen Menschen ausgeht, und die Waremmes, weil sie triebhaft und rücksichtslos ist. Leonhart Maurizius selbst spürt die Zwiespältigkeit des Menschen zwischen edlen Gefühlen und Verbrechen.
Bei mehreren Besuchen im Zuchthaus hört Andergast die Klagen des Gefangenen über das Gerichtswesen an: über die angebliche Allwissenheit der Richter, die die Widersprüchlichkeit des Menschen nicht berücksichtige. Wer in den Machtbereich der Justiz gerate, sei ihr ausgeliefert und verliere seine Menschenwürde und „jeden Anspruch auf Respekt“. Nach und nach erzählt Maurizius die ganze Geschichte seiner unglücklichen Ehe und der Verstrickungen um Elli, ihre Schwester Anna und den Zeugen Waremme. Andergast erkennt, dass das Unheil mit dem Streit um das versteckte Kind und Annas Rolle zusammenhängt. Im enttäuschten Vater Maurizius sieht er sich selbst wieder, im Sohn Leonhart seinen eigenen Etzel. In der seelenlosen Maschinerie der Justiz aber hat Leonhart über die langen Haftjahre seine Lebenskraft verloren und ist zu einem Automaten ohne inneren Halt geworden.
Schließlich gesteht Waremme dem jungen Etzel die Wahrheit: Nicht Leonhart Maurizius, sondern Anna Jahn hat ihre Schwester Elli erschossen, aus unerträglicher, nie verwundener Liebe zu deren Ehemann. Andergast steht damit vor der Entscheidung, den Justizirrtum einzugestehen. Um eine öffentliche Wiederaufnahme des Verfahrens und die volle Rehabilitierung des Verurteilten zu vermeiden, setzt er stattdessen nur dessen Begnadigung durch. Der körperlich und seelisch gebrochene Maurizius kann mit der Freiheit nichts mehr anfangen und nimmt sich das Leben. Etzel wendet sich daraufhin endgültig von seinem Vater ab; Andergast, von der Zurückweisung des Sohnes getroffen, erleidet einen Schlaganfall.
Stil↑
Angelegt ist der Roman als Detektivgeschichte, die zwei Handlungsstränge personell und thematisch miteinander verzahnt. Wassermann erzählt mit einem auktorialen, alles überschauenden Erzähler, der die Figuren und damit auch den Leser aus wechselnden Blickwinkeln auf dieselbe Tat schauen lässt. Prozessprotokolle, zeitgenössische Zeitungsartikel, die Meinungen von Etzels Gesprächspartnern sowie die Darstellungen von Vater und Sohn Maurizius und des Zeugen Waremme fügen sich nach und nach zu einem immer feineren Mosaikbild des Mordfalls.
Kennzeichnend ist der Aufbau in drei großen Teilen mit sprechenden Überschriften. Der erste Teil trägt den Titel „Die Kostbarkeit des Lebens“, der zweite „Zwischenreich“ und der dritte „Die Unwiderruflichkeit des Todes“; im zweiten Teil werden die konkurrierenden Nachforschungen von Vater und Sohn abwechselnd erzählt. Die Kapitel sind in nummerierte Abschnitte gegliedert. Immer wieder werden Handlung und Gespräch von grundsätzlichen Erörterungen über Gerechtigkeit, Schuld und Erziehung unterbrochen. Wassermanns Prosa gilt als eher konventionell vorgetragen.
Rezeption↑
Aufgenommen wurde das Buch als Best- und Longseller. Henry Miller geht in seinem Essay Maurizius Forever auf den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Romans ein.
In der Forschung wird betont, dass hier ein Fall aus den Jahren um 1905 bis 1907 in die 1920er Jahre zurückgeholt wird. Nach Koester diente ein realer Kriminalfall nur als stoffliche Vorlage; Wassermann sei es im Kern darum gegangen, Vaterhass und Gerechtigkeit psychologisch zu durchdringen und ein Zeitgemälde zu entwerfen. Kiesel hält fest, dass in der Weimarer Republik das Rechtssystem der Kaiserzeit im Wesentlichen fortbestand; Wassermann habe die Justiz der Republik jedoch nicht kritisieren, sondern allein die Frage nach der Gerechtigkeit stellen wollen. An seiner Sprache wurde kritisiert, dass die konventionell vorgetragene Prosa stellenweise ins Triviale reiche. 1961 entstand mit Il caso Maurizius unter der Regie von Anton Giulio Majano eine Verfilmung als Miniserie.
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