1873 – 1934
Jakob Wassermann
Kurzporträt↑
Zu den produktivsten und populärsten Erzählern seiner Zeit zählte Jakob Wassermann, der am 10. März 1873 in Fürth geboren wurde und am 1. Januar 1934 im österreichischen Altaussee starb. Er stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, brach eine kaufmännische Laufbahn ab und lebte fortan für das Schreiben. In Romanen, Novellen und Essays spürte er den seelischen Regungen seiner Figuren nach und stritt zeitlebens für Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Sein bekanntestes Werk, der Roman Der Fall Maurizius, machte ihn Ende der 1920er Jahre über den deutschsprachigen Raum hinaus berühmt. Als Jude wurde er 1933 aus dem Literaturbetrieb gedrängt, seine Bücher wurden verboten; er starb wenig später verarmt und psychisch gebrochen.
Biografie↑
Als ältestes Kind des jüdischen Spielwarenfabrikanten und Gemischtwarenhändlers Adolf Wassermann und seiner Frau Henriette, genannt Jette, wuchs Wassermann in Fürth auf. Die Kindheit war von Armut geprägt. Als die Mutter 1882 an den Folgen einer Mittelohrentzündung starb, litt der Junge unter dem Geiz der Stiefmutter. Die jüdische Religion spielte im Elternhaus keine Rolle. Seit 1883 besuchte er die Königliche Realschule in Fürth und veröffentlichte früh Auszüge aus einem verschollenen Roman im „Fürther Tagblatt“.
Nach dem Schulabschluss 1889 trat Wassermann bei seinem Onkel Aron Traub in Wien eine kaufmännische Lehre an, die er abbrach. Laut der Deutschen Biographie wurde er 1891 infolge einer Intrige entlassen. Es folgten ein Militärdienst in Würzburg und Jahre zwischen Bohème und schlecht bezahlter Lohnarbeit, unter anderem in einer Versicherung und als Beamter in Freiburg. Schließlich ließ er sich in München nieder und wurde Sekretär des Schriftstellers Ernst von Wolzogen. Dort gewann er die Freundschaft von Thomas Mann und Rainer Maria Rilke und suchte Kontakt zu Hugo von Hofmannsthal. Wolzogen empfahl ihn dem Verleger Albert Langen, für dessen Zeitschrift „Simplicissimus“ er bald arbeitete. In dieser Zeit erschienen seine ersten Romane, der Erstling Melusine (1896) und Die Juden von Zirndorf (1897), eine Chronik über das Leben des Shabbetaj Zvi und die jüdische Gemeinde einer fränkischen Kleinstadt.
Ende 1897 begann Wassermann, Feuilletons und Theaterberichte für die Frankfurter Zeitung zu schreiben, in deren Auftrag er nach Wien übersiedelte. Dort schloss er sich den Dichtern des Jung-Wien an, besonders Arthur Schnitzler. Anfang 1900 endete seine Tätigkeit für die Zeitung, weil ihm unter anderem mangelnde Neutralität vorgeworfen wurde. 1899 wurde er Autor des Berliner Verlegers Samuel Fischer, der zu seinem engen Freund wurde. Bei Fischer erschien 1901 der Roman Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Im selben Jahr heiratete er Julie Speyer, die aus einer wohlhabenden Wiener Familie stammte. Zwischen 1901 und 1915 wurden ihre vier Kinder in Wien geboren.
Neben seinen Romanen verfasste Wassermann journalistisch-essayistische Texte, darunter Die Kunst der Erzählung (1904). Werke wie Der Moloch (1902) und Alexander in Babylon (1905) fanden kaum ein Echo. Selbst der von der Kritik gelobte Roman Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens (1908) verkaufte sich anfangs schlecht. Erst mit Das Gänsemännchen (1915) gelang ihm ein Roman mit hoher Auflage, eine Anklage gegen die Enge des Kleinbürgertums. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs stürzte ihn in tiefe Zweifel; von der Meldung zum Kriegsdienst hielt ihn seine Frau ab.
Nach Kriegsende erschien der zweibändige Roman Christian Wahnschaffe (1919), die Lebensgeschichte eines Großbürgersohns. Wassermann widmete ihn seiner neuen Lebensgefährtin Marta Stross, geborene Karlweis. Mit der sechzehn Jahre jüngeren Schriftstellerin zog er 1919 nach Altaussee, nachdem er seine Frau verlassen hatte. Julie zögerte die Scheidung durch immer neue Prozesse und Geldforderungen bis 1926 hinaus. Ein Nachhall dieses Konflikts klingt im Roman Laudin und die Seinen (1925) an. 1926 wurde Marta seine zweite Frau und später seine erste Biographin. In Altaussee verkehrte er freundschaftlich mit Hugo von Hofmannsthal.
In den späten 1920er und frühen 1930er Jahren gewann Wassermann mit mehreren Romanen Weltruhm. Sein bekanntestes Prosawerk wurde Der Fall Maurizius (1928), in dem der junge Etzel Andergast einen achtzehn Jahre zurückliegenden Justizirrtum aufdeckt. Als lose Fortsetzungen gelten Etzel Andergast (1931) und der postum erschienene Roman Joseph Kerkhovens dritte Existenz (1934). Daneben schrieb er erfolgreiche Biographien wie Christoph Columbus (1929) und setzte seine Essayistik fort, in der er sich immer wieder mit der Lage des Juden in nichtjüdischer Umgebung befasste, so in Mein Weg als Deutscher und Jude (1921).
1933 kam Wassermann einem Ausschluss aus der Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste durch eigenen Austritt zuvor. Seine Bücher gelangten auf die erste „Schwarze Liste“ der Nationalsozialisten und wurden zur Zeit der Bücherverbrennung verboten, obwohl er bis dahin einer der meistgelesenen Autoren war. Das bedeutete den materiellen Ruin und das Scheitern seiner Hoffnung, sein Werk möge zu einer Welt ohne Nationalismus und Judenhass beitragen. Verarmt und psychisch gebrochen starb er am 1. Januar 1934 im Alter von sechzig Jahren in Altaussee nach einem Anfall von Angina pectoris. Sein Grab befindet sich auf dem dortigen Friedhof.
Literarische Merkmale↑
Von der Psychoanalyse und vom Stil Dostojewskis beeinflusst, spürte Wassermann subtil den seelischen Regungen seiner Figuren nach. Sein Erzählen verband chronikalisch-dokumentarische Sachlichkeit mit einem psychologischen Blick in die Geschichte und einer eindringlichen, oft mehrere Blickwinkel verschränkenden Darstellung. Der Roman Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens gilt der Deutschen Biographie als eindringlichster Beleg für diese Erzählweise.
Getragen wurde sein Schreiben von einem starken Ethos. Wassermann war überzeugt, durch Literatur ein neues Menschentum fördern zu können. Er kämpfte gegen jede „Trägheit des Herzens“ und für den Triumph der Gerechtigkeit. Dieses Anliegen bildet auch den Kern der Romane um Etzel Andergast, die von einem Justizirrtum ausgehen und zu einem breiten Bild des deutschen Bürgertums seiner Zeit werden. Der Ich-Erzähler in Etzel Andergast nennt es „Geschichtsschreibung, Schicksalsdarstellung, Blick in das Gewebe der Epoche“.
Immer wieder befasste sich Wassermann mit der Existenz des Juden in nichtjüdischer Umgebung. In seinen Schriften bekannte er sich zum Judentum und rechnete zugleich mit Antisemitismus und Zionismus ab. Sein Ideal war eine gemeinsame „Assimilation an die Menschlichkeit“. Seine späteren Romane weisen eine Neigung zum Sensationellen auf und besitzen ihren Wert auch als Dokumente ihrer Epoche.
Rezeption↑
Anfangs fanden viele seiner Bücher nur wenig Echo, und selbst gelobte Romane verkauften sich schlecht. Mit Alexander in Babylon und Caspar Hauser legte Wassermann jedoch den Grundstein für seinen späteren Ruf als „Welt-Star des Romans“, wie Thomas Mann formulierte. Ende der 1920er Jahre stand er auf dem Zenit seines Ruhms weit über den deutschsprachigen Raum hinaus. Lesereisen führten ihn unter anderem nach Brüssel, in die Schweiz, nach Skandinavien, in die Niederlande, 1927 in die USA und 1931 nach Riga.
Viele seiner Romane wurden zu Lebzeiten mehrfach aufgelegt und in zahlreiche Sprachen übersetzt, darunter Englisch, Dänisch, Schwedisch, Russisch, Polnisch, Hebräisch, Tschechisch, Ungarisch und Französisch. Zwei davon wurden verfilmt, unter anderem Christian Wahnschaffe (1920). Sein Ansehen als Anwalt der Gerechtigkeit reichte bis in öffentliche Debatten hinein: Theodor Lessing hob im Zusammenhang mit dem Fall Halsmann hervor, dass allein Wassermann öffentlich erklärt habe, nicht rasten zu wollen, bis dem offenbar verunrechteten Halsmann die Rehabilitierung geglückt sei.
Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten brach diese Wirkung jäh ab. Der S. Fischer-Verlag ließ ihn als exponierten Juden fallen, die Einnahmen aus Deutschland versiegten fast gänzlich, und seine Bücher verschwanden aus dem Handel. Robert Neumann berichtete in seiner Autobiografie, eine frühe Begegnung mit Wassermann, der ihn als „vollkommen unbegabt“ abkanzelte, habe ihn erst recht zum Schriftstellerberuf angestachelt. Wassermanns Werke sind noch heute in zahlreichen Ausgaben verbreitet. Seine 2800 Bände zählende Privatbibliothek, nach seinem Tod versteigert, gelangte in den 1960er Jahren an die Stadtbibliothek Nürnberg, wo sie bis heute aufbewahrt wird.
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