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Werkseintrag · Die Tatarenwüste
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Die Tatarenwüste
1940
– Werkseintrag –

Die Tatarenwüste

1940 · Roman

Ein junger Offizier tritt voller Ehrgeiz seinen Dienst in einer einsamen Grenzfestung an und wartet dort ein Leben lang auf den großen Augenblick, der seinem Dasein Sinn geben soll.

Überblick

Der Roman Die Tatarenwüste von Dino Buzzati erschien 1940. Im Original trägt er den Titel Il deserto dei Tartari. Er erzählt vom jungen Offizier Giovanni Drogo, der in eine abgelegene Grenzfestung versetzt wird und dort einen großen Augenblick erwartet, der seinem Leben Bedeutung geben soll. Frühere deutsche Ausgaben erschienen unter den Titeln Im vergessenen Fort und Die Festung. Das Buch gilt für Kindlers Neues Literatur-Lexikon als eines der bedeutendsten Werke Buzzatis. Es wurde in fast alle europäischen Sprachen übersetzt und 1999 in die Liste der 100 Bücher des Jahrhunderts der Pariser Tageszeitung Le Monde aufgenommen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Als junger Offizier voller Hoffnungen trifft Giovanni Drogo in der Festung Bastiani ein. Er will dort zunächst nur vier Monate Dienst leisten. Die entlegene Anlage bewacht einen Gebirgspass an der Grenze zu einem nicht näher bezeichneten Reich. Jenseits des Passes erstreckt sich die titelgebende Tatarenwüste, die die Besatzung Tag für Tag im Auge behält.

Das Leben in der Festung verläuft eintönig. Alles wird bestimmt durch die Erwartung eines möglichen Angriffs jener Tataren, die der Legende nach hinter der Wüste leben sollen. Ein solcher Angriff gäbe den Soldaten die Gelegenheit, endlich Ruhm und Ehre zu erlangen. Nach den vier Monaten hat Drogo sich an die Routine des Dienstes gewöhnt und bleibt. Bald glaubt auch er an die Legende vom drohenden Angriff und hält sich bereit, eine Attacke abzuwehren. Während er wartet, gehen seine Freunde und Verwandten in der fernen Stadt ihren eigenen Wegen nach.

Die Handlung im Detail

Giovanni Drogo kommt als junger Offizier voller Erwartungen in der Festung Bastiani an, zunächst nur mit der Absicht, dort vier Monate zu bleiben. Die Festung bewacht einen Gebirgspass an der Grenze zu einem namenlosen Reich. Vor ihr liegt die weite Tatarenwüste, aus der die Besatzung seit jeher einen Angriff der Tataren erwartet.

Der Dienst ist eintönig und ohne Ereignisse. Doch die Aussicht auf einen Kampf, der Ruhm und Ehre verspricht, hält die Soldaten in der Festung fest. Nach den vier Monaten hat sich Drogo an das Leben dort gewöhnt und bleibt. Mit der Zeit übernimmt er selbst den Glauben an die Legende vom bevorstehenden Angriff. Er bereitet sich darauf vor, den Feind abzuwehren und den ersehnten Ruhm zu ernten. Fern von der Festung leben seine Freunde und Verwandten unterdessen ihr Leben.

So vergehen Jahrzehnte des Wartens. Als schließlich tatsächlich der Aufmarsch der Tataren erfolgt, ist Drogo ein alter, kranker Mann geworden. Er erkrankt gerade in dem Moment, in dem sich die lange erwartete Stunde ankündigt, und wird aus der Festung fortgebracht. Den entscheidenden Augenblick, auf den er sein ganzes Leben verwendet hat, erlebt er nicht mehr. Er stirbt einsam in einer Herberge.

Stil

Ort und Zeit der Handlung bleiben bewusst unbestimmt. Zwar tragen die Festung und die Figuren italienische Namen, doch der Schauplatz wird nicht benannt. Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Baumann hält fest: „... die Stadt, aus der Drogo aufbricht, hat keinen Namen, ebensowenig kennen wir Drogos Nationalität.“ Nur wenige Hinweise deuten vage auf das mittlere 19. Jahrhundert – die Ausrüstung der Besatzung etwa und eine einmal erwähnte Eisenbahn.

Die Sprache ist knapp und kühl. Maike Albath nennt die Prosa „schlackenlos“ und „präzise“. Sie spricht von einer „schmucklose[n], kühle[n] Prosa“, die mit dem Ideal des „schönen Stils“ gebrochen habe und gerade dadurch modern wirke. Aus dieser Kargheit gewinnt der Roman seine Wirkung: Die Handlung schrumpft auf das ewige Warten zusammen, und die schwermütigen Bilder der Festung und der Wüste ziehen den Leser in ihren Bann. So entsteht die Form einer Parabel, die weit über die erzählte Geschichte hinausweist.

Rezeption

Der Roman wurde zu einem Publikumserfolg und in fast alle europäischen Sprachen übersetzt. Als 1949 die französische Übersetzung herauskam, löste sie in Paris nach Maike Albath „eine regelrechte Buzzati-Manie“ aus. Zu den Begeisterten zählte Albert Camus, der später ein Theaterstück Buzzatis übersetzte.

Für Kindlers Neues Literatur-Lexikon zählt Die Tatarenwüste zu den bedeutendsten Werken Buzzatis. Seine Sprache sei „von derselben faszinierenden Eindringlichkeit, deren schwermütige Bilder den Leser in ihren Bann ziehen“ wie die der zwei Jahre später erschienenen Erzählung Die sieben Boten. Auch Maike Albath führt es auf die „schlackenlose, präzise“ Sprache zurück, dass der Roman „nichts von seiner Spannkraft eingebüßt“ habe. Manfred Hardt urteilt zurückhaltender. Er nennt Buzzatis Erzählwerk eine „inhaltlich und sprachlich leicht konsumierbare[…] Prosa“ und den Roman „anspruchslos geschrieben“. Dessen großen Erfolg erklärt er auch damit, „daß das im Roman entwickelte Motiv des ungewissen Wartens auf ein bevorstehendes kriegerisches Ereignis vom Publikum auf die aktuelle Situation Italiens am Beginn des Zweiten Weltkriegs bezogen wurde“.

Häufig wird das Buch mit Franz Kafka verglichen. Kindlers Neues Literatur-Lexikon nennt es in seiner zweiten Auflage eine „in ihren hintergründigen Bildern und phantastischen Visionen an Kafka gemahnende, ergreifende Parabel des durch Hoffnung und Illusion um seinen Sinn betrogenen Lebens“. Buzzati selbst störte sich an diesen Vergleichen und bezeichnete Kafka als „mein Kreuz“ (la mia croce): Von Anfang an habe er nichts veröffentlichen können, ohne dass jemand sofort „Ähnlichkeiten, Ableitungen, Nachahmungen oder geradezu dreiste Plagiate auf Kosten des böhmischen Schriftstellers“ gesehen habe. Wie gut Buzzati Kafka wirklich kannte, lässt sich laut Barbara Baumann nicht genau feststellen. Seine spätere Ehefrau Almerina berichtete, dass er Kafkas Das Schloss beim Schreiben der Tatarenwüste noch nicht gelesen hatte.

Der Nachhall des Romans reicht bis in die neuere Zeit. 1976 verfilmte Valerio Zurlini den Stoff. 1999 wurde das Werk in die Liste der 100 Bücher des Jahrhunderts der Pariser Tageszeitung Le Monde aufgenommen.

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