1958
Djamila
Überblick↑
Die Erzählung Djamila des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow entstand 1958. Sie war seine Abschlussarbeit am Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau und erschien zuerst in der Literaturzeitschrift Nowy Mir. Im Mittelpunkt steht eine Liebesgeschichte in einem kirgisischen Dorf während des Zweiten Weltkriegs. 1960 kam der Text auf Deutsch heraus, übersetzt von Hartmut Herboth. Eine zweite Übersetzung von Gisela Drohla erschien 1962 bei Insel und wurde über Jahrzehnte immer wieder neu aufgelegt. Das Buch zählt zu den bekanntesten Werken Aitmatows.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird die Geschichte von Seït, einem fünfzehnjährigen Jungen. Seine Schwägerin Djamila lebt im Dorf, während ihr Mann Sadyk wie die anderen jungen Männer an der Front des Zweiten Weltkriegs kämpft. Bei den täglichen Getreidefuhren zum Bahnhof begegnet Djamila dem Heimkehrer Danijar. Er ist durch den Krieg versehrt, scheu und verträumt, und die Dorfbewohner meiden ihn.
Seït beobachtet das alles aus nächster Nähe. Bisher hat er versucht, Männer von Djamila fernzuhalten, denn er hängt selbst an ihr, auf eine Weise, die er sich noch nicht erklären kann. Dann singt Danijar eines Tages ein Lied. Er singt von der Landschaft und vom Leben, und dieser Gesang verändert, wie Djamila und Seït ihn sehen. Von da an gerät die Ordnung des Dorfes ins Wanken, und auch für den Jungen beginnt etwas Neues.
Die Handlung im Detail↑
Der fünfzehnjährige Seït berichtet von der Liebesgeschichte seiner Schwägerin Djamila. Die jungen Männer des Dorfes, die Dschigiten, sind im Krieg, darunter auch Djamilas Mann Sadyk. Djamila muss Getreide zum Bahnhof fahren und lernt dabei Danijar kennen, einen teilinvaliden Frontheimkehrer. Er ist still und träumerisch, und im Dorf will niemand etwas mit ihm zu tun haben.
Erst als Danijar eines Tages singt, ändert sich das. Sein Lied handelt von der Landschaft und vom Leben, und Djamila erkennt, welche Fähigkeiten in diesem Mann stecken. Auch Seït ist von dem Gesang hingerissen. Djamila und Danijar verlieben sich ineinander. Seït heißt diese Liebe gut, obwohl er selbst auf eine ihm noch unbegreifliche Weise in Djamila verliebt ist und zuvor jeden Mann von ihr fernzuhalten versuchte. Danijars Singen weckt in ihm zugleich den eigenen Drang, sich auszudrücken: Er entdeckt, dass er malen will.
Als Sadyk von der Front zurückkehrt, spitzt sich alles zu. Djamila und Danijar verlassen das Dorf und brechen damit mit der Tradition, um miteinander leben zu können. Auch Seït geht fort und folgt seiner Berufung als Maler.
Stil↑
Erzählt wird durchgehend aus der Sicht des jungen Seït. Diese Wahl bestimmt den Ton des Textes: Der Leser erfährt die Liebesgeschichte nicht von den Liebenden selbst, sondern durch einen Beobachter, der noch nicht ganz versteht, was er da sieht und empfindet. Das Werk Djamila ist kurz und knapp gehalten und wird als Novelle wie auch als Kurzroman bezeichnet.
Eine Schlüsselstelle ist der Gesang Danijars. Das Lied von der Landschaft und vom Leben ist der Wendepunkt der Erzählung und zugleich das, was in Seït den künstlerischen Willen weckt. Die Kunst wird damit selbst zum Thema: Sie öffnet den Figuren die Augen für einander und für sich selbst.
Rezeption↑
Louis Aragon schrieb über das Buch: „Ich schwöre es, es ist die schönste Liebesgeschichte der Welt.“ Mehrere Verlage übernahmen den Satz in den Klappentext, und Aragon steuerte auch ein Vorwort zur deutschen Ausgabe bei Insel bei. In der DDR gehörte die Erzählung zur Pflichtlektüre der Schüler.
Die Wirkung hält bis heute an. Die Übersetzung von Gisela Drohla wurde von 1962 bis 2011 bei Insel und Suhrkamp immer wieder neu aufgelegt, 2016 erschien sie mit Illustrationen von Stefanie Harjes. 1988 brachte der Unionsverlag Zürich die Übersetzung von Hartmut Herboth heraus, 2022 legte Galiani Berlin eine von Kat Menschik illustrierte Ausgabe vor.
Auch das Kino nahm sich des Stoffes an. 1969 entstand bei Mosfilm eine sowjetische Verfilmung, zu der Aitmatow selbst das Drehbuch schrieb; der deutsche Titel lautete Sehnsucht nach Djamila. 1994 folgte eine weitere Verfilmung unter der Regie von Monica Teuber. 2008 verfilmte Marie Jaoul de Poncheville den Stoff unter dem Titel Tengri neu.
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