Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Do not go gentle into that good night
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Do not go gentle into that good night
1951
– Werkseintrag –

Do not go gentle into that good night

1951 · Lyrik

Ein Sohn beschwört seinen sterbenden Vater, dem Tod nicht still nachzugeben, sondern bis zum letzten Atemzug um das Leben zu kämpfen.

Überblick↑

Das Gedicht Do not go gentle into that good night zählt zu den bekanntesten Werken des walisischen Dichters Dylan Thomas. Es entstand 1947, als Thomas mit seiner Familie Florenz besuchte, und erschien erstmals 1951 in der literarischen Zeitschrift Botteghe Oscure. Später wurde es in mehrere seiner Gedichtbände aufgenommen, unter anderem in In Country Sleep. Das Gedicht trägt keinen eigenen Titel; die erste Verszeile dient zugleich als Überschrift. In ihm ruft ein Sohn seinen sterbenden Vater dazu auf, nicht ruhig aufzugeben, sondern bis zuletzt um sein Leben zu kämpfen. Die beiden Schlusszeilen „Do not go gentle into that good night / Rage, rage against the dying of the light“ gehören im englischsprachigen Raum zum Allgemeinwissen. Ins Deutsche übertrug es unter anderem Curt Meyer-Clason unter dem Titel Geh nicht gelassen in die gute Nacht.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Ein Sprecher wendet sich an einen Sterbenden und fordert ihn auf, dem Tod nicht friedlich und ergeben entgegenzugehen. Statt still ins Dunkel zu gleiten, soll er sich mit aller Kraft gegen das erlöschende Leben auflehnen. Das Gedicht anerkennt zwar, dass der Tod unvermeidlich ist und jeden Menschen früher oder später ereilt. Doch daraus zieht der Sprecher nicht den Schluss, man solle sich fügen, sondern das Gegenteil: Gerade weil das Leben kostbar ist, lohnt es sich, um jeden Augenblick zu ringen.

In mehreren Strophen führt der Sprecher verschiedene Gruppen von Menschen vor Augen und zeigt, wie sie ihrem Ende begegnen. Er spricht von weisen, guten, wilden und ernsten Männern und beschreibt, was sie im Angesicht des Todes erkennen. Bei aller Verschiedenheit teilen sie eine Haltung: Sie geben nicht kampflos nach. Erst allmählich lässt der Text erkennen, wem diese eindringlichen Worte eigentlich gelten und wie persönlich der Anlass des Gedichts in Wahrheit ist.

Die Handlung im Detail↑

Bereits die erste Strophe schlägt den Grundton an. Der Sprecher fordert seinen Vater auf, „nicht gelassen in die gute Nacht zu gehen“, sondern wütend gegen das Sterbelicht zu rasen. Diese Aufforderung kehrt im Verlauf des Gedichts als Refrain immer wieder.

In den folgenden Strophen weitet sich der Blick vom einzelnen Vater auf die Menschen allgemein. Der Sprecher spricht nacheinander verschiedene Gruppen an und beschreibt ihren Umgang mit der eigenen Sterblichkeit. Die weisen Männer erkennen an ihrem Ende, dass die Dunkelheit ihr Recht behält, dass sie dem Tod also nicht entkommen. Zugleich müssen sie einsehen, dass ihre Worte keinen Blitz entfesselt haben, dass sie die Welt trotz aller Weisheit nicht genug verändert haben. Darum fügen sie sich nicht, sondern ringen um mehr Zeit. Die guten Männer widerstehen bis zum letzten Augenblick, weil sie wissen, dass sie noch mehr tun könnten, um die Welt zum Besseren zu wenden.

Die wilden Männer haben ihr Leben fröhlich und rücksichtslos verbracht; sie „fingen und besangen die Sonne im Flug“. Am Ende erkennen sie, dass sie die Sonne auf ihrem Weg betrübt haben, dass ihre Leichtfertigkeit zu bereuen ist, und kämpfen nun um mehr Zeit für Sinnvolleres. Ebenso die ernsten Männer. Immer wieder verwendet der Sprecher die Worte „weise“, „gut“, „wild“ und „ernst“ als Charakterisierungen, die zugleich die Refrains der Strophen bilden. In allen Fällen wird deutlich: Die Nähe zum Tod wirkt wie ein Korrektiv. Sie führt den Menschen vor Augen, dass ihr Leben kostbar ist und dass sie die verbleibende Zeit so gut wie möglich nutzen sollten.

In der letzten Strophe kehrt der Sprecher zu der einen Person zurück, um die es ihm eigentlich geht: seinem eigenen Vater. Erst hier enthüllt sich, dass das ganze Gedicht diesem sterbenden Vater gilt. Der Sprecher beobachtet ihn auf dem Todeslager, der traurigen Höhe, und fleht ihn an: „Fluche und segne mich mit deinen grimmigen Tränen“. Danach wiederholt er ein letztes Mal die beiden Refrains. Dass die Widmung an den Vater bis zum Schluss zurückgehalten wird, gibt dem Leser Raum, die allgemeinen Ratschläge zunächst auf das eigene Leben zu beziehen, bevor sich alles in einer zutiefst persönlichen Bitte bündelt. So wirkt das Gedicht zugleich als allgemeingültige Betrachtung über den Tod und als innige Botschaft eines Sohnes an seinen Vater.

Stil↑

Geschrieben ist das Werk in der strengen Form der Villanelle, für die es im englischen Sprachraum als eines der bekanntesten Beispiele gilt. Diese Gedichtform entstand im Frankreich des 16. Jahrhunderts und ist in der modernen Lyrik eher ungewöhnlich. Sie folgt einem festen Bauplan: sechs Strophen, von denen die ersten fünf Dreizeiler sind und die letzte ein Vierzeiler. Kennzeichnend sind zwei wiederkehrende Refrains. Der erste Refrain ist die Eröffnungszeile und kehrt am Ende der zweiten und vierten Strophe wieder; der zweite Refrain ist die Schlusszeile der ersten Strophe und kehrt am Ende der dritten und fünften Strophe wieder. In der Schlussstrophe treffen beide Refrains noch einmal aufeinander.

Auch das Reimschema ist streng festgelegt und lautet ABA ABA ABA ABA ABA ABAA. Die Refrains reimen sich aufeinander, ebenso die jeweils zweiten Zeilen der Strophen. Diese rigide und zugleich komplexe Form nutzt die Wiederholung gezielt aus und eignet sich, um eine Art obsessiven Gedankenkreisens auszudrücken. Thomas' Gedicht lässt sich durchaus als überzeugendes Beispiel dafür lesen.

Getragen wird der Text von einer durchgehenden Bildsprache aus Licht und Dunkelheit. Das Licht ist das beherrschende Symbol; es steht für den Willen zu leben und den Wunsch, die Welt zum Besseren zu verändern. Der Tod dagegen erscheint als Dunkelheit oder „Nacht“. Wer gegen das Sterben kämpft, wendet sich dem Licht zu und der Dunkelheit ab. In der eindringlichen Aufforderung, „gegen das Sterben des Lichts zu wüten“, verbinden sich Form und Bild zu einem beschwörenden Appell.

Rezeption↑

Mit der Zeit entwickelte sich das Gedicht zu einem der bekanntesten Werke von Dylan Thomas und ist in nahezu allen Anthologien der modernen englischen Lyrik vertreten. Seine beiden Schlusszeilen zählen im englischsprachigen Raum zum Allgemeinwissen. Auch im deutschen Sprachraum fand der Text vielfach Beachtung und wurde mehrfach übersetzt. Curt Meyer-Clason übertrug ihn unter dem Titel Geh nicht gelassen in die gute Nacht und behielt dabei Reimschema und Form bei. Unter demselben Titel legte auch Johanna Schall eine Übertragung vor. Ruth Klüger orientierte sich in ihrer Fassung stärker am Inhalt und begann mit den Worten „Geh nicht in Frieden in die gute Nacht“. Bertram Reinecke verfasste sogar vier verschiedene Nachdichtungen des Textes. Die Vielzahl dieser Übertragungen zeigt, wie sehr das Gedicht bis heute zum Nachdichten und zur Auseinandersetzung herausfordert.

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