1928 – 2008
Tschingis Aitmatow
Kurzbiografie↑
Tschingis Aitmatow zählt zu den bekanntesten Schriftstellern der Sowjetunion. Geboren 1928 im kirgisischen Dorf Scheker, schrieb er vor allem auf Russisch, erzählte aber fast immer von seiner Heimat Kirgisistan. Berühmt wurde er mit der Erzählung Dshamila, einer Liebesgeschichte aus dem Kriegssommer 1943. Später kamen Romane wie Ein Tag länger als das Leben und Die Richtstatt hinzu, die weit über die Sowjetunion hinaus gelesen wurden. Neben dem Schreiben führte Aitmatow ein zweites Leben in Politik und Diplomatie: Er war Abgeordneter, Berater Michail Gorbatschows und schließlich Botschafter. Er starb 2008 in Nürnberg.
Biografie↑
Geboren wurde Tschingis Torekulowitsch Aitmatow am 12. Dezember 1928 im Dorf Scheker im Norden Kirgisistans, nahe der kasachischen Grenze. Der Vater war dort Verwaltungsbeamter, die Mutter Nagima Chasijewna eine gebürtige Tatarin und Schauspielerin am örtlichen Theater. Wie damals die meisten kirgisischen Familien zog auch seine mit den Tieren des Klans von Weide zu Weide. Diese Kindheit zwischen Sommerweide und Dorf prägte später sein ganzes Werk.
Das Familienglück endete früh. Sein Vater Torekul Aitmatow war zuvor 2. Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kirgisiens gewesen. 1937 wurde er während der stalinschen Säuberungen wegen „bürgerlichen Nationalismus“ verhaftet und 1938 hingerichtet.
Mit vierzehn Jahren begann Aitmatow zu arbeiten, zunächst als Gehilfe des Sekretärs im Dorfsowjet. Danach war er Steuereintreiber, Lagerarbeiter und Maschinistenassistent. Weil Kirgisistan zu dieser Zeit eine Sowjetrepublik war, konnte er die neu eingerichtete russische Schule in Scheker besuchen und sich für ein Studium qualifizieren. 1946 nahm er ein Studium der Veterinärmedizin auf, erst an der technischen Hochschule im kasachischen Dschambul, dann bis 1953 am kirgisischen Landwirtschaftsinstitut in Frunse.
Seine literarische Arbeit begann 1951 mit Übersetzungen kirgisischer Prosa ins Russische. Bis zum Erscheinen seiner ersten Erzählung blieb er am Wissenschaftlichen Forschungsinstitut von Kirgisistan angestellt. 1956 wechselte er ans Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau, wo er bis 1958 lebte. 1957 nahm ihn der sowjetische Schriftstellerverband auf. Anschließend arbeitete er acht Jahre lang für die Parteizeitung Prawda.
Der literarische Erfolg brachte ihm hohe staatliche Ehrungen ein: 1963 den Leninpreis, dazu den Staatspreis in den Jahren 1968, 1977 und 1983. Er wurde Nationalschriftsteller Kirgisistans und 1978 Held der sozialistischen Arbeit.
Parallel zum Schreiben führte Aitmatow ein ausgedehntes öffentliches Leben. Er saß als Abgeordneter im Obersten Sowjet der UdSSR und gehörte dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Kirgisistans an. Außerdem war er Mitglied im Sekretariat der Schriftstellerunion und der Kinematografen-Union sowie Präsidiumsmitglied des Sowjetischen Solidaritätskomitees mit den Staaten Asiens und Afrikas. Er leitete die Zeitschrift Inostrannaja literatura als Chefredakteur und rief die internationale Intellektuellenbewegung „Issyk-Kul-Forum“ ins Leben.
Ganz aufgegangen ist er im System allerdings nicht ohne Widersprüche. Am 31. August 1973 erschien in der Prawda ein offener Brief bekannter sowjetischer Schriftsteller gegen die „antisowjetischen Handlungen“ von Alexander Solschenizyn und Andrei Sacharow; Aitmatow gehörte zu den Unterzeichnern. Im Lauf der 1970er Jahre distanzierte er sich zugleich vom sozialistischen Realismus.
Von 1988 bis 1990 stand er dem kirgisischen Autorenverband vor. In der Zeit der Perestroika wirkte er als parlamentarischer Vertreter im Obersten Sowjet, seit Ende 1989 zudem als Berater Michail Gorbatschows. 1990 wurde er der letzte sowjetische Botschafter in Luxemburg. Danach vertrat er bis März 2008 Kirgisistan als Botschafter in Frankreich und den Benelux-Staaten und lebte in Brüssel. Bei der Verleihung des Aleksandr-Men-Preises 1998 nannte er den Aufbau einer friedensliebenden Kultur im Gegensatz zum Kriegskult die höchste Aufgabe der Menschheit.
Aitmatow war an Diabetes erkrankt. Im Mai 2008 erlitt er bei Dreharbeiten im Wolgagebiet einen Schwächeanfall. Nach drei Wochen im Nürnberger Klinikum starb er dort am 10. Juni 2008 im Alter von 79 Jahren an den Folgen einer schweren Lungenentzündung. Beigesetzt wurde er bei einem Staatsbegräbnis mit mehr als 20.000 Trauergästen auf dem Gelände der Gedenkstätte Ata-Bejit.
Literarische Merkmale↑
Im Mittelpunkt von Aitmatows Erzählungen stehen die kirgisische Tradition und Kultur. Immer wieder stellt er zwei Welten nebeneinander: das harte, ganz von der Natur bestimmte Leben des früheren Nomadenvolkes und den Alltag in den sowjetischen Kolchosen. Er beschreibt diesen Gegensatz gefühlvoll, poetisch und mit erzählerischer Kraft.
Sein erstes und bekanntestes Werk ist die Erzählung Dshamila, die von Ereignissen im Sommer des Kriegsjahres 1943 in Kirgisistan handelt. Sie wurde später erfolgreich verfilmt. Louis Aragon übersetzte den Text ins Französische und schrieb im Vorwort: „[…] für mich ist es die schönste Liebesgeschichte der Welt.“
Aitmatow arbeitete in mehreren Formen. Neben einer großen Zahl von Erzählungen und Novellen – darunter Der erste Lehrer, Abschied von Gülsary und Der weiße Dampfer – schrieb er Romane wie Ein Tag länger als das Leben, Die Richtstatt, Das Kassandramal und Der Schneeleopard. Für die Bühne entstand gemeinsam mit Kaltai Muchamedschanow das Drama Der Aufstieg auf den Fudschijama. Dazu kamen Essays, Gespräche und Erinnerungen, etwa Kindheit in Kirgisien.
In den 1970er Jahren löste er sich vom sozialistischen Realismus, der offiziellen Kunstdoktrin der Sowjetunion. In seinen späteren Büchern trat ein neues Thema in den Vordergrund: Er kritisierte konsequent die Ignoranz der Menschen gegenüber der Natur und deren Zerstörung. Dieses Anliegen blieb nicht auf die Literatur beschränkt. Auf Bitten des Naturschutzbundes Deutschland übernahm er die Schirmherrschaft der Vereinigung zum Schutz der Schneeleoparden.
Rezeption↑
Wenige Bücher der sowjetischen Literatur haben im deutschsprachigen Raum so viele Leser erreicht wie Dshamila. In der DDR gehörte die Erzählung zur Pflichtlektüre an den Schulen. Hannes Wader ließ sich von ihr zu seinem Lied Am Fluss anregen. Louis Aragons Urteil aus dem Vorwort der französischen Ausgabe, es sei für ihn die schönste Liebesgeschichte der Welt, hat dem Ruhm des Textes zusätzlich geholfen.
Im eigenen Land war Aitmatow einer der am höchsten geehrten Autoren. Der Leninpreis 1963, drei Staatspreise, der Titel des Nationalschriftstellers Kirgisistans und die Auszeichnung als Held der sozialistischen Arbeit 1978 zeigen, welchen Rang er einnahm.
Auch politisch wirkte sein Schreiben. Sein 1986 erschienener Roman Die Richtstatt, in Westdeutschland unter dem Titel Der Richtplatz veröffentlicht, gab 1987 wichtige literarische Impulse für die Perestroika.
Seine Werke wurden vielfach ins Deutsche übertragen, unter anderem von Charlotte Kossuth, Juri Elperin und Friedrich Hitzer, und erschienen sowohl in der DDR als auch später bei westlichen Verlagen. Wie groß sein Ansehen in der Heimat war, zeigte sich zuletzt bei seinem Begräbnis: Mehr als 20.000 Menschen nahmen an dem Staatsakt in der Gedenkstätte Ata-Bejit teil.
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