1809 – 1852
Nikolai Wassiljewitsch Gogol
Kurzporträt↑
Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809–1852) war ein russischer Schriftsteller, Dramatiker und Publizist ukrainischer Herkunft. Er war zugleich als Historiker, Ethnograph und Sammler ostslawischer Folklore tätig. Zuerst trat er mit volkstümlichen Erzählungen aus der ukrainischen Heimat hervor. Dann wandte er sich der russischen Metropole und ihrem Beamtentum zu. Sein Hauptwerk, der Roman Die toten Seelen, und die Komödie Der Revisor machten ihn zu einem der einflussreichsten Erzähler und Bühnenautoren der russischen Literatur. In seinen Texten verbindet sich derbe Komik mit unheimlicher Phantastik und satirischer Schärfe gegenüber Landadel und Beamtentum.
Biografie↑
Gogol wurde am 1. April 1809 als Nikolai Janowski, später Gogol-Janowski, geboren. Sein Geburtsort war das Dorf Sorotschinzy im Gouvernement Poltawa, das damals zum Russischen Reich gehörte. Schon beim Geburtsort weichen die Quellen voneinander ab. Wikidata nennt „Welyki Sorotschynzi", die Deutsche Biographie schreibt „Velyki Soročynci". Gemeint ist derselbe heute in der Ukraine gelegene Ort. Sein Vater Wassili Afanassjewitsch Janowski (1777–1825) war Grundbesitzer des Dorfes Wassiljewka in der Region Poltawa. Seine Mutter Marija Iwanowna, geborene Kosjarowskaja, war bei der Hochzeit erst vierzehn Jahre alt, der Bräutigam doppelt so alt. Von zwölf Kindern überlebten neben Nikolai nur vier Schwestern.
Die Herkunft der Familie ist nicht endgültig geklärt. Der Großvater Afanasij Demjanowitsch Gogol-Janowski gab in einem offiziellen Dokument an, seine Vorfahren seien „polnischer Nation" gewesen. Im 19. Jahrhundert setzte sich in der Familie aber die Überzeugung durch, man stamme von der alten kosakischen Familie Gogol ab. Diese Abstammung eröffnete den Weg zum kleinrussischen Adelsstand. Ab 1821 führte die Familie den Doppelnamen Gogol-Janowski. Der Vater war ein guter Erzähler und schrieb Theaterstücke für das Bauerntheater auf Ukrainisch und Russisch. So prägte er Gogols frühes Interesse am Theater. Als der Vater starb, war Nikolai sechzehn Jahre alt.
In Neschin besuchte Gogol das Fürst-Besborodko-Lyzeum. Er war klein, krumm gewachsen und dünn und litt an Skrofulose. Dem Spott der Mitschüler entging er durch Überspitzungen. Zeitgenossen rätselten über sein mürrisches, düsteres, aber kluges Wesen. Der Achtzehnjährige notierte: „Alle halten mich für ein Rätsel." In Neschin entstanden auch seine ersten literarischen Arbeiten. Er veröffentlichte sie teils unter Pseudonym in Manuskripten und Almanachen. Dazu gehörten Gedichte wie Italien, Schlechtes Wetter und Schlacht bei Kalka, das Gedicht Hans Küchelgarten sowie die Erzählung Der Sorotschinsker Jahrmarkt.
Neunzehnjährig ging Gogol nach Sankt Petersburg. Eine Anstellung an der dortigen Universität gelang ihm 1828 nicht. Er unternahm eine Reise nach Deutschland und versuchte sich als Schauspieler. 1829 erhielt er eine Stelle im russischen Staatsdienst. 1831 gab er sie wieder auf, um Geschichtslehrer an einer Privatschule für Mädchen zu werden. Im selben Jahr lernte er Alexander Puschkin kennen. Puschkin wurde ihm Freund und Förderer, wies ihm den Weg in die russische Literatur und regte unter anderem die Stoffe für Der Revisor und Die toten Seelen an. Ende 1833 bewarb sich Gogol um den Lehrstuhl für Allgemeine Geschichte in Kiew, unterstützt von Puschkin, Sergei Uwarow und Wassili Schukowski. Er wurde aber dem unbekannteren Historiker Wladimir Franzewitsch Zich nachgestellt. 1834 wurde er Assistenz-Professor an der Universität Sankt Petersburg. Die Stelle musste er aber Ende 1835 aufgeben, da er die formalen Qualifikationen eines neuen Universitätsgesetzes nicht besaß.
Den Durchbruch brachten die Erzählungen Abende auf dem Weiler bei Dikanka (1831/32). Es folgten die Sammlung Mirgorod (1835), die Petersburger Erzählungen (1842) und die Komödie Der Revisor (1836). Zwischen 1836 und 1848 reiste Gogol durch Deutschland, die Schweiz, Österreich, Frankreich und Italien. Das meiste seines Hauptwerks Die toten Seelen entstand an den Tischen des Antico Caffè Greco in Rom, wo bis heute eine Tafel an ihn erinnert. Das Werk erschien im Mai 1842 zensurbedingt unter dem Titel Die Abenteuer von Tschitschikow. Zuvor hatte die Moskauer Zensurkommission die Genehmigung verweigert, weil es nach kirchlicher Lehre keine toten Seelen geben könne. 1845 ließ sich Gogol in Rom gemeinsam mit russischen Künstlern auf einer berühmten Daguerreotypie des Fotografen Sergei Lwowitsch Lewizki abbilden.
Über Gogols Tod kursieren mehrere Versionen. Nach der allgemein akzeptierten ging er am 18. Februar 1852 zu Bett und hörte auf zu essen. Am 20. Februar beschloss ein Ärzterat eine künstliche Ernährung unter Zwang, was zur endgültigen Erschöpfung führte. Gogol fiel am Abend in Ohnmacht und starb am Morgen des 21. Februar 1852 in Moskau im Alter von 42 Jahren. Er gehörte in Sankt Petersburg zum Salon der Jewdokija Petrowna Rostoptschina, dem unter anderem Iwan Mjatlew, Lew Mei, Pjotr Pletnjow und Graf Odojewski angehörten.
Literarische Merkmale↑
Bereits in den frühen ukrainischen Erzählungen findet Gogol jene unverwechselbare Mischung, die sein Werk ausmacht: derbe Komik in der Tradition des volkstümlichen Vertep-Theaters verbindet sich mit ukrainischem Lokalkolorit und einer märchenhaften, bisweilen unheimlichen Phantastik. Teufel und Hexen treten zunächst noch komisch auf. Doch schon hier zeigt sich die Neigung zum Dämonischen, das in den späteren Werken alles durchdringt.
Mit der Sammlung Mirgorod (1835) nimmt Gogol bereits entscheidende Züge seiner reifen Prosa vorweg. In den Petersburger Erzählungen (1842) wendet er sich der russischen Metropole zu. Sie zeigen das Leben von Beamten, Offizieren und Handwerkern in einer Großstadt, in der Laster und Geldgier herrschen und das Dämonische sich überall im Alltäglichen manifestieren kann. Das Beamtentum wird auch in der Komödie Der Revisor (1836) karikiert, deren Stoff auf einen Vorschlag Puschkins zurückgeht.
In Die toten Seelen verbindet Gogol Satire und scharfe gesellschaftliche Beobachtung. Er hebt die Fehler und Mängel des Landadels hervor. Treffend beschreibt er die teils großspurige, teils korrupte Lebensart der russischen Gutsbesitzer. Deren Bauern waren Leibeigene, und deren Söhne gingen meist als Offiziere zur Armee, wo sie spielten und sich duellierten. Der Erzählton bleibt dabei satirisch-komisch. Zugleich ist er durchsetzt von jenem Dämonischen, das schon in den ukrainischen Erzählungen anklang.
Rezeption↑
Gogol gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „ukrainischen Schule" in der russischen Literatur. Seine Erzählungen und Romane fanden höchste Anerkennung, wie Puschkin früh erkannte. Die Verbindung aus Satire, Komik und Phantastik wurde zum Bezugspunkt für nachfolgende Generationen.
Sein Werk hat auch andere Künste angeregt. Modest Mussorgski ließ sich von der Erzählung Der Sorotschinsker Jahrmarkt zu seiner gleichnamigen Oper inspirieren. Die russisch-österreichische Komponistin Lera Auerbach war vom Werk Gogols fasziniert. Sie schuf die Oper Gogol (Uraufführung 2011) und vertonte die Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen unter dem Titel Diary of a Madman (Uraufführung 2022). Auch der Maler Alexander Andrejewitsch Iwanow, ein Freund Gogols, porträtierte den Schriftsteller in Rom. Die Figur Gogols ist unter anderem auf Iwanows Gemälde Die Offenbarung des Christus gegenüber den Menschen (1837–57) zu erkennen.
In der Ukraine wird sein Andenken bis in die Gegenwart gepflegt. Seit 2007 trägt das in Kiew initiierte multidisziplinäre Festival der Gegenwartskunst „GogolFest" seinen Namen. Es vereint Theater, Musik, Kino, Literatur und Bildende Kunst. In Rom erinnern zwei Tafeln im Antico Caffè Greco an ihn: eine zum 50. Jahrestag seines Todes und eine zweite von 2009 anlässlich seines zweihundertsten Geburtstages.
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