1830 – 1916
Marie von Ebner-Eschenbach
Kurzbiografie↑
Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916) zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Erzählerinnen des 19. Jahrhunderts. Geboren wurde sie als Komtesse Dubský auf dem mährischen Schloss Zdislawitz. Nach jahrzehntelangem, kaum beachtetem Bemühen um das Drama fand sie erst spät zur erzählenden Prosa, mit fast fünfzig Jahren. Damit fand sie zu ihrem eigentlichen Werk. Ihre psychologischen Novellen und Erzählungen aus der mährischen Dorf- und Schlosswelt machten sie zur gefeierten Dichterin der späten Donaumonarchie. Dazu gehören Krambambuli, Lotti, die Uhrmacherin und Das Gemeindekind. 1900 wurde sie als erste Frau überhaupt mit dem Ehrendoktorat der Universität Wien ausgezeichnet.
Biografie↑
Marie Dubský von Třebomyslyc wurde am 13. September 1830 auf Schloss Zdislawitz bei Kremsier in Mähren geboren, dem damaligen Kaisertum Österreich. Der Vater, Franz Baron (seit 1843 Graf) Dubský, entstammte einem alten böhmisch-katholischen Adelsgeschlecht. Die Mutter, Marie Freiin von Vockel, kam aus einer protestantischen sächsischen Juristenfamilie und starb noch im Geburtsjahr ihrer Tochter. Auch die erste Stiefmutter, Eugénie Freiin von Bartenstein, verlor Marie als Siebenjährige. Erst die dritte Frau des Vaters, Xaverine Gräfin Kolowrat-Krakowsky, eine gebildete Frau, erkannte und förderte das literarische Talent des Mädchens. Sie nahm es in Wien häufig mit ins Burgtheater und gab ihm Anregungen.
Marie wuchs zweisprachig auf. Die Sommer verbrachte die Familie auf Zdislawitz, die Winter in Wien. Unter wechselnden Erzieherinnen lernte sie Deutsch, Französisch und Tschechisch, wobei Französisch ihre Muttersprache wurde. Als Elfjährige durfte sie die Bibliothek der verstorbenen Großmutter in Zdislawitz ordnen. Sie las dort, wie der Autor Moritz Necker notiert, nach eigener Wahl und ohne Anleitung. Das bildete früh ihren freien Geist und ihre Unabhängigkeit vom Schulgedanken aus.
1848, mit achtzehn Jahren, heiratete sie ihren fünfzehn Jahre älteren Cousin Moritz von Ebner-Eschenbach und zog mit ihm nach Klosterbruck bei Znaim in Südmähren. Moritz war ein gebildeter Mann, später k. u. k. Feldmarschallleutnant und Professor für Physik und Chemie an der Militär-Ingenieur-Akademie. Er unterstützte ihre schriftstellerischen Ambitionen und half ihr nach der Heirat, Bildungslücken zu schließen. Die Ehe blieb kinderlos.
1856 zog das Paar dauerhaft nach Wien. Hier begann, wie die Deutsche Biographie es nennt, das "Ringen um die Durchsetzung ihres Dichtertums", in dem ihr keine Demütigung erspart blieb. Fast zwei Jahrzehnte lang versuchte sich Ebner-Eschenbach, von Schiller inspiriert, als Dramatikerin mit Gesellschaftsstücken und Lustspielen – mit nur mäßigem Erfolg. Der Durchbruch kam in der erzählenden Prosa: 1875 die Erzählungen, 1876 der Kurzroman Božena, 1880 die Novelle Lotti, die Uhrmacherin, die Julius Rodenberg in der "Deutschen Rundschau" herausbrachte. Das Uhrmacherhandwerk erlernte sie für diese Erzählung von Grund auf. 1879 absolvierte sie eine Uhrmacher-Ausbildung, was für eine Frau der Zeit ungewöhnlich war. Das ist bezeichnend für ihre Arbeitsweise. Ihre Sammlung von Formuhren befindet sich heute im Wiener Uhrenmuseum.
Es folgten die Aphorismen (1880), die Dorf- und Schloßgeschichten (1883, mit der berühmten Novelle Krambambuli), der Roman Das Gemeindekind (1887) und die Erzählung Unsühnbar (1889/90). Mit ihren dialogischen Novellen Ohne Liebe (1888) und Am Ende (Uraufführung 1895) hatte sie auch auf der Freien Bühne in Berlin Erfolge. Zu ihrem Wiener Umgang zählten Friedrich Halm, Heinrich Laube, Ferdinand von Saar und Faust Pachler. Eng verbunden war sie mit Ida von Fleischl-Marxow und der Dichterin Betty Paoli, später mit Louise von François, Julius Rodenberg und Paul Heyse. Sie verehrte Franz Grillparzer und betreute mit Auguste von Littrow seine letzten Lebensjahre. 1891 gehörte sie dem von Arthur Gundaccar von Suttner gegründeten österreichischen "Verein zur Abwehr des Antisemitismus" an. Gleichwohl, so vermerkt die Wikipedia, bediente sie in ihren Werken bei jüdischen Figuren auch zeittypische antisemitische Klischees, deren Deutung allerdings umstritten ist.
1898 wurde sie mit dem Ehrenkreuz für Kunst und Literatur ausgezeichnet, dem höchsten zivilen Orden Österreichs. Im selben Jahr starb ihr Gatte, und das von ihr bewohnte Drei-Raben-Haus in Wien wurde abgebrochen. Sie zog zurück nach Zdislawitz. 1900 verlieh ihr die Universität Wien als erster Frau überhaupt das Ehrendoktorat (Dr. phil. h. c.). Über die Vereinsamung der späten Jahre halfen ihr ausgedehnte Italienreisen zwischen 1898 und 1905 hinweg. Dabei traf sie in Rom Isolde Kurz, Malvida von Meysenbug und den Dominikaner Denifle. 1906 erschienen ihre Erinnerungen Meine Kinderjahre. Marie von Ebner-Eschenbach starb am 12. März 1916 im Alter von 85 Jahren in ihrer Wiener Wohnung in der Spiegelgasse 1 und wurde in der Familiengruft der Grafen Dubský in Zdislawitz beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Im Zentrum ihrer Erzählkunst steht, wie die Deutsche Biographie es zusammenfasst, "die Liebe in allen ihren Erscheinungsformen, die Selbstbehauptung der freien Persönlichkeit in der Wahrheit und die Treue zu sich selbst". In der kleinen Welt von Dorf und Schloss lehrt Ebner-Eschenbach die große Welt verstehen und deuten. Ihre Figuren finden im Leben einen neuen Sinn, indem sie zu sich selbst kommen, oft auf dem Weg über Selbstentäußerung und Entsagung.
Ihre Schauplätze sind das Mährisch-Slawische, die kleinbürgerlich-bäuerliche und die aristokratische Welt, die sie aus eigener Anschauung kannte. Moritz Necker hat darauf hingewiesen, dass sie als adelige Frau über den bürgerlichen Verhältnissen lebte und sie zugleich überschauen konnte. Mit der Schilderung der ihr vertrauten Aristokratie eröffnete sie ein neues poetisches Gebiet, dem viele Nachahmer folgten. Ihre Absicht, so Necker, sei nicht der Broterwerb gewesen, sondern die Vermittlung von Sittlichkeit und Humanismus. Sie habe ein Leben lang gegen etablierte Gedanken ihrer Zeit angeschrieben, in der Überzeugung, ihre Schriften könnten das Denken verändern.
Ab 1890 fand sie mit dialogischen Novellen einen ausgesprochen dramatischen Schreibstil. Der Entwicklung ihrer Erzählkunst, so die Deutsche Biographie, kamen die jahrzehntelangen Erfahrungen aus den Dramenversuchen zugute: das Geschick in der Bildung geschlossener Szenen, die Dialogführung, das Gefühl für die Bildwirkung. Zur Erzählerin gehörte die Beobachterin. Schon seit 1857 formte sie ihre Lebenserfahrung in Aphorismen, die 1879/80 erschienen. Später kehrte sie immer wieder zu Sprüchen, Parabeln, Märchen und biographischen Skizzen zurück. Ihr nie aufgegebenes Leitbild in der Novellenkunst war der russische Erzähler Iwan Turgenjew.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten galt Marie von Ebner-Eschenbach als eine der wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts – neben Annette von Droste-Hülshoff. Ihre öffentlichen Ehrungen waren außergewöhnlich für eine Frau ihrer Zeit: das Ehrenkreuz für Kunst und Literatur 1898, der höchste zivile Orden Österreichs, und 1900 das Ehrendoktorat der Universität Wien als erste Frau überhaupt. Fritz Mauthner sprach in seiner Laudatio zum 70. Geburtstag emphatisch von "dem Dichter Marie v. Ebner-Eschenbach". Diese Wendung zeigt, mit welchem Ernst man sie in den höchsten Rang einreihte.
Im 20. und 21. Jahrhundert hat sich der Blick verschoben. Heute, so die Wikipedia, hat sich ein eher kritischer Blick auf ihr zeitgeschichtlich bedeutsames Werk etabliert, das als konservativ und harmonisierend gelesen wird. Die Germanistin Daniela Strigl bringt diese Verschiebung auf eine knappe Formel: "Was vor gut hundert Jahren Gegenstand der Verehrung war, ist zum Rezeptionshindernis geworden."
Trotz dieses Wandels ist Ebner-Eschenbach im literarischen Gedächtnis lebendig geblieben. Ihre Tierezählung Krambambuli gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Novellen des 19. Jahrhunderts. Das Gemeindekind und Lotti, die Uhrmacherin werden bis heute gelesen. Editorisch ist ihr Werk vielfach gesammelt worden, von den zehnbändigen Gesammelten Schriften ab 1911 bis zur Manesse-Auswahl der Meistererzählungen. Auch die Erinnerungsorte werden gepflegt. Seit 2015 lässt der Czech National Trust die lange vernachlässigte Familiengruft der Dubský in Zdislawitz und den anliegenden Park restaurieren. Das Schloss selbst ist nach 2016 von einem privaten Eigentümer in den Zustand um 1880 zurückversetzt worden.
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