1694 – 1778
Voltaire
Kurzporträt↑
François-Marie Arouet nannte sich ab 1718 Voltaire. Er war einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der europäischen Aufklärung. In Frankreich nennt man das 18. Jahrhundert bis heute auch „das Jahrhundert Voltaires". Er schrieb Tragödien, Versepen, philosophische Erzählungen, Geschichtswerke und Streitschriften. Mit scharfer Feder kämpfte er gegen die Missstände des Absolutismus, gegen Feudalherrschaft und das weltanschauliche Monopol der katholischen Kirche. Damit wurde er zu einem wichtigen Wegbereiter der Französischen Revolution. Sein präziser und allgemein verständlicher Stil, sein oft sarkastischer Witz und seine Kunst der Ironie gelten als unübertroffen.
Biografie↑
Geboren wurde Voltaire am 21. November 1694 in Paris als jüngstes von fünf Kindern. Sein Vater François Arouet war ein bürgerlicher Jurist, der es bis zum Hohen Richter am Obersten Finanzgericht brachte. Seine Mutter Marie Marguerite, geborene Daumart, stammte aus einer Pariser Juristenfamilie und galt als gebildet. Sie starb, als ihr Sohn sechs Jahre alt war. Von 1704 an besuchte er als Internatsschüler das Jesuitenkolleg Louis-le-Grand und erwarb dort eine solide humanistische Bildung. Schon als Schüler fiel seine Begabung für Verse auf. Sein Patenonkel, der Abbé de Châteauneuf, führte ihn früh in epikureisch-freidenkerische Pariser Kreise ein.
Auf Wunsch des Vaters schrieb er sich 1711 für ein Jurastudium ein. Vor allem aber betätigte er sich als Verfasser geistreicher Verse in den literarischen Zirkeln der Stadt. Der Vater drängte ihn 1713 in eine Notariatsstelle in Caen und schickte ihn dann nach Den Haag, wo eine Liebesaffäre für einen Eklat sorgte. Zurück in Paris machte er sich mit Spottgedichten gegen den Regenten Philipp von Orléans Feinde. 1716 wurde er aus der Stadt verbannt und 1717 sogar für elf Monate in die Bastille gesperrt. Dort vollendete er seine erste Tragödie Oedipe und begann das Epos La Ligue über Heinrich IV. und das Edikt von Nantes. Die Aufführung des Oedipe 1718 machte ihn schlagartig bekannt. Im selben Jahr legte er sich den Namen „de Voltaire" zu, ein Anagramm aus den Buchstaben seines Geburtsnamens.
Als sein Vater 1722 starb, erbte er einen Teil von dessen Vermögen. Eine königliche Pension stellte ihn zusätzlich finanziell gut. 1726 ließ ihn der Chevalier de Rohan-Chabot wegen einer schlagfertigen Spottreplik von seinen Dienern verprügeln. Voltaire nahm daraufhin Fechtunterricht, um den Adligen zum Duell zu fordern. Da erwirkten die Rohans einen Haftbefehl. Voltaire kam erneut in die Bastille und ging anschließend nach England ins Exil. Dort lernte er Englisch, studierte die Werke John Lockes und Isaac Newtons und lernte die Dramen Shakespeares kennen. Er beobachtete ein Land mit Parlamentarismus, eingeschränkter Königsmacht und vergleichsweise großer geistiger Freiheit. Diese Eindrücke prägten ihn nachhaltig.
Nach seiner Rückkehr 1728 vermehrte er sein Vermögen geschickt. Gemeinsam mit Charles Marie de La Condamine „knackte" er 1729/30 die Pariser Lotterie und gewann 500 000 Livre. Zeitweise beteiligte er sich auch an Reedereien, die im Dreieckshandel zwischen Frankreich, Westafrika und den Antillen Sklavenhandel betrieben. 1734 erschien in Paris die französische Originalausgabe der Lettres philosophiques. Sie kann als erste programmatische Schrift der Aufklärung gelten. Das Parlement de Paris verbot das Buch und erließ Haftbefehl gegen den Autor.
Voltaire zog sich daraufhin auf das Schloss Cirey in der Champagne zurück, das dem Mann seiner Geliebten Émilie du Châtelet gehörte. Châtelet war Naturforscherin, Mathematikerin und Übersetzerin Newtons. Mit ihr verband ihn von 1733 bis zu ihrem Tod ein außergewöhnliches Arbeitsbündnis. In diesen Jahren entstanden Tragödien wie Alzire, Mérope und Mahomet, die Versepistel Le Mondain, das Sachbuch Éléments de la philosophie de Newton sowie die Arbeit am Siècle de Louis XIV. 1745 ernannte man ihn zum Historiographe de France. 1746 wurde er einstimmig in die Académie française gewählt. 1749 starb Émilie du Châtelet im Kindbett.
Daraufhin folgte Voltaire 1750 der Einladung Friedrichs II. nach Sanssouci und erhielt ein gut dotiertes Amt als Königlicher Kammerherr. Die Bewunderung des Königs hielt nicht lange. Voltaire verwickelte sich in ein unerlaubtes Wertpapiergeschäft mit dem Berliner Bankier Hirschel und in eine ausartende Fehde mit dem Akademiepräsidenten Maupertuis. Friedrich entzog ihm 1753 den Orden Pour le Mérite. Voltaire reiste verbittert ab und wurde unterwegs in Frankfurt vorübergehend interniert.
Nach Stationen im Elsass und in Genf erwarb er das Gut Ferney im französisch-schweizerischen Grenzgebiet. Dort lebte er mit seiner Nichte Marie Louise Mignot, der verwitweten Madame Denis, bis zu seinem Tod zusammen. Aus Ferney machte er ein blühendes Gemeinwesen mit Uhrenmanufaktur und engagierte sich gegen die Leibeigenschaft. Als „patriarche de Ferney" empfing er Besucher aus ganz Europa. Er führte einen Briefwechsel mit zahllosen hochstehenden Persönlichkeiten, darunter Zarin Katharina II. In dieser Zeit entstanden der Roman Candide, das Dictionnaire philosophique portatif (1764), der Traité sur la tolérance (1763) und der Kurzroman L'Ingénu. 1762 und 1766 schaltete er sich in die Justizmord-Affären um den Protestanten Jean Calas und den jungen La Barre ein. Die Rehabilitierung von Calas erreichte er nachträglich.
Im Februar 1778 reiste Voltaire nach Paris, um der Uraufführung seines Stücks Irène beizuwohnen. Er wurde wie in einem Triumphzug empfangen und in die Pariser Freimaurerloge Les Neuf Sœurs aufgenommen. Vier Tage nach der Aufhebung des Todesurteils gegen General Lally-Tollendal, für den er sich eingesetzt hatte, starb er am 30. Mai 1778 im Alter von 83 Jahren in Paris. Sein Geburtsdatum ist umstritten. Laut Taufregister wurde er am 22. November 1694 in Paris getauft. Voltaire selbst gab jedoch an, er sei bereits am 20. Februar desselben Jahres in einem Landhaus seiner Familie nahe Sceaux geboren worden. Sein Neffe musste die Geistlichkeit überlisten, um ihm in der Abtei Sellières ein kirchliches Begräbnis zu verschaffen. Am 11. Juli 1791 wurden seine Gebeine ins Pariser Panthéon überführt.
Literarische Merkmale↑
Voltaire schrieb in einem präzisen und allgemein verständlichen Französisch, das gebildete und ungebildete Leser gleichermaßen erreichte. Seine Sprache ist klar, knapp und durchgearbeitet. Oft verband er sie mit sarkastischem Witz und einer Kunst der Ironie, die in der französischen Literatur lange als unübertroffen galt. Schon als junger Mann machte er sich in den Pariser Salons als Verfasser eleganter, geistreicher und häufig spöttischer Verse einen Namen.
Er bewegte sich in vielen Gattungen mit demselben handwerklichen Anspruch. Als Tragödiendichter wetteiferte er bewusst mit Sophokles und Corneille, als Epiker mit Vergils Äneis. Mit La Henriade verschaffte er sich den Ruf des größten französischen Epikers seiner Zeit. Daneben verfasste er Versepisteln, Oden, Singspiele und Ballettkomödien. Im Erzählwerk – besonders in Candide und L'Ingénu – nutzte er knappe, pointierte Prosa, um philosophische Thesen anschaulich und unterhaltsam zu prüfen.
Als Geschichtsschreiber setzte er mit dem Siècle de Louis XIV neue Maßstäbe, indem er der Kulturgeschichte eine zentrale Rolle zuwies. Als philosophischer Autor brachte er im Dictionnaire philosophique portatif seine Bibel- und Religionskritik auf den Punkt und versorgte die Sympathisanten der Aufklärung mit Argumenten. Auf Drängen Émilie du Châtelets ließ er manch besonders heikle religionskritische Schrift unveröffentlicht. Andere kritische Werke ließ er heimlich in Holland drucken und nach Frankreich einschmuggeln. Ein wiederkehrender Zug ist die Lust am Wettstreit mit Rivalen. Auf fünf Tragödien seines Konkurrenten Crébillon antwortete er mit eigenen themengleichen Stücken, um seine Überlegenheit zu demonstrieren.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten war Voltaire der wohl meistgelesene Autor seiner Sprache. Viele seiner Werke erlebten in rascher Folge mehrere Auflagen und wurden umgehend in andere europäische Sprachen übersetzt. Adel und Bildungsbürgertum lasen ihn von London bis Sankt Petersburg, häufig im französischen Original. Friedrich II. notierte in einem Brief an seine Schwester Wilhelmine, in der kleinen Tafelrunde von Sanssouci lösche „das große Licht unseres Dichters" das schwache Licht der Kerzen aus.
Die Reaktionen waren von Anfang an gespalten. Im aufgeklärten Europa fand er begeisterte Leser. In katholisch-konservativen Kreisen brachte ihm vor allem das Dictionnaire philosophique portatif eine hasserfüllte Ablehnung ein. Sein Einsatz in den Justizmord-Affären um Jean Calas, La Barre und Sirven machte ihn jedoch über die literarischen Zirkel hinaus zur moralischen Autorität. Goethe las seine Memoires über Friedrich II. „nicht ohne Vergnügen" und nannte sie zugleich „das Muster aller Schandschriften".
Mit der Überführung seiner Gebeine ins Panthéon 1791 wurde Voltaire offiziell zum Nationaldichter Frankreichs erhoben. Sein Sarkophag trägt die Inschrift „POETE HISTORIEN PHILOSOPHE IL AGRANDIT L'ESPRIT HUMAIN ET LUI APPRIT QU'IL DEVAIT ETRE LIBRE" – „Als Dichter, Historiker, Philosoph machte er den menschlichen Geist größer und lehrte ihn, dass er frei sein soll". Noch im 19. Jahrhundert benutzte die laizistische und antiklerikale französische Bourgeoisie sein Dictionnaire im Kampf um die Trennung von Kirche und Staat.
Nach seinem Tod erwarb Zarin Katharina II. seine Bibliothek. Sie befindet sich heute in der Russischen Nationalbibliothek in Sankt Petersburg. Erst nach und nach wurde seine umfängliche Korrespondenz publiziert. Sie umfasst mehr als 22 000 Briefe, darunter rund 15 000 eigene, und füllt allein 50 Bände der von Theodore Besterman bei der Voltaire Foundation herausgegebenen Œuvres Complètes. Sie gilt heute als eigenständiger und gewichtiger Teil seines Schaffens.
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