Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · François Villon
Eingang · Autoren · François Villon
Porträt François Villon
François Villon
1431
– Autorenporträt –

François Villon

1431

Dichter, Scholar und Vagant des spätmittelalterlichen Paris, der sein Leben zwischen Universität, Kerker und Galgen in parodistischen Testamenten und Balladen festhielt.

Kurzporträt

François Villon gilt als bedeutendster Dichter des französischen Spätmittelalters. Er wurde 1431 in Paris geboren. Sein eigentlicher Name lautete vermutlich François de Montcorbier oder François des Loges. In seinen beiden parodistischen Testamenten und in zahlreichen Balladen verarbeitete er die Erlebnisse eines abenteuerlichen Lebens. Als Scholar und Vagant geriet er immer wieder mit den Gesetzen in Konflikt. Zu seinen Lebzeiten waren wohl vor allem die satirischen Strophen auf Pariser Honoratioren von Interesse. Seit der Romantik schätzt man ihn für die eindringliche Gestaltung der zeitlosen Themen Liebe, Hoffnung, Enttäuschung, Hass und Tod. Besonders gilt das für den ersten Teil des Großen Testaments. Sein Lebensende verliert sich im Dunkeln: Nach 1463 fehlt jede verlässliche Spur.


Biografie

Über Kindheit und Jugend Villons unterrichten allein wenige Quellen. Es sind seine eigenen spärlichen Angaben im Testament, zwei Begnadigungsurkunden von 1455 und zwei vermutlich ihn betreffende Eintragungen in Universitätslisten. Demnach kam er 1431 in Paris zur Welt, als François de Montcorbier oder François des Loges. Seine Eltern waren mittellos. Sein Vater starb anscheinend früh. Der Junge kam in die Obhut des Stiftsherrn und Rechtsgelehrten Guillaume de Villon. Dessen Namen nahm er um 1455 an. Im Testament nennt er ihn liebevoll seinen „mehr als ein Vater". Nach vorbereitenden Studien an der Artistenfakultät der Pariser Universität erlangte er vermutlich 1449 den Grad eines Bakkalaureus. 1452 folgte der eines Magister artium. Ein weiterführendes Studium begann er nach eigener Aussage, eher Theologie als Kirchenrecht oder Medizin. Er beendete es jedoch nicht.

Warum Villon das Studium abbrach, ist nicht bekannt. Möglicherweise spielte der fast einjährige Streik der Pariser Professoren 1453 bis 1454 eine Rolle. Villon glitt in das akademische Proletariat der Stadt ab. Vermutlich schloss er sich der Gaunerbande der Coquillards an. Diese war eine der kriminellen Vereinigungen, die in den Wirren des Hundertjährigen Krieges entstanden waren. Im Juni 1455 brachte er einem ebenfalls bewaffneten Priester im Streit eine tödliche Wunde bei. Villon verließ Paris, konnte aber schon Anfang 1456 zurückkehren. König Karl VII. sprach ihn in zwei Begnadigungsurkunden vom Vorwurf frei und stellte die Tat als Notwehr dar. In diesem Jahr schrieb er wohl sein erstes einigermaßen sicher datierbares Werk, die Ballade des contre-vérités. Im Refrain signierte er sie mit dem Akrostichon V-I-L-L-O-N. Es war ein parodistischer Text, der sich an ein Publikum gebildeter Krimineller richtete.

Kaum ein Jahr zurück in Paris, wurde Villon erneut straffällig. In der Nacht vor Weihnachten 1456 plünderte er mit vier Komplizen einen Tresor in der Sakristei der Kapelle des Collège de Navarre. Bald darauf verließ er die Stadt und hinterließ den Kumpanen sein erstes längeres Werk, das Lais oder Kleine Testament. Es folgten unstete Wanderjahre. Im Herbst 1457 saß er in Blois im Kerker. Im letzten Moment rettete ihn eine Amnestie, die der Herzog und Dichter Charles d'Orléans anlässlich der Geburt seiner Tochter Marie erließ. Villon verschaffte sich mit einem Lobgedicht Zutritt zum herzoglichen Hof. Nach einem Spottgedicht auf einen Günstling des Herzogs wurde er wieder vor die Tür gewiesen. Anfang Oktober 1458 versuchte er in Vendôme mit zwei Balladen, Charles versöhnlich zu stimmen. Die zweite, die Ballade des menus-propos, brachte ihm wohl ein Geldgeschenk ein. Manche Annahmen der Biographen beruhen laut Wikipedia auf bloßen Vermutungen oder Fehldeutungen und sind durch keine weitere Information gedeckt. Dazu zählen ein Aufenthalt in Angers beim Herzog René d'Anjou und eine Haft in Orléans im Sommer 1460.

Greifbar wird Villon erst wieder im Sommer 1461, den er in Meung-sur-Loire im Kerker des Bischofs Thibaut d'Aussigny verbrachte. Frei kam er durch einen Zufall: Am 2. Oktober 1461 machte der neugekrönte König Louis XI. in Meung Station und begnadigte ihn. Villon kehrte in die Umgebung von Paris zurück. Die Stadt selbst blieb ihm wegen der noch ungesühnten Einbruchsaffäre verschlossen. Seine schriftlichen Annäherungsversuche an den Ziehvater Guillaume misslangen. Daraufhin begann er mit der Niederschrift des Testament, des Großen Testaments, in das er rund zwanzig Balladen einfügte. Es wurde sein Hauptwerk und war wohl im Sommerhalbjahr 1462 beendet.

Danach scheint Villon aus Not wieder ins Kriminellenmilieu abgeglitten zu sein. Anfang November 1462 saß er wegen eines geringfügigen Diebstahls im Pariser Stadtgefängnis. Bei der Freilassung musste er sich verpflichten, seinen Anteil der alten Beute zurückzuerstatten. Wenig später wurde er in ein Handgemenge mit einem Notar verwickelt und inhaftiert. Nach eigener Andeutung wurde er unter Folter zum Tode verurteilt. In der Todeszelle entstanden wohl der berühmte Quatrain voll schwarzen Humors und die Ballade des pendus, die Ballade der Gehenkten. Villon legte Berufung beim obersten Pariser Gerichtshof ein. Dieser wandelte das Urteil am 5. Januar 1463 in zehn Jahre Verbannung um. Mitten im Winter musste er die Stadt verlassen. Ein Dankgedicht an den Gerichtshof und eine spöttische Ballade an den Gefängnisschreiber Garnier sind sein letztes Lebenszeichen. Danach sind keine verlässlichen Zeugnisse mehr bekannt. Umstritten bleibt sein Todesjahr. Wikidata nennt 1463, die Deutsche Nationalbibliothek 1464. Die Wikipedia gibt vorsichtig „nach 1463" an.


Literarische Merkmale

Charakteristisch für Villons Dichtung ist die Verbindung von eigenem Erleben und überlieferter Form. In seinen beiden Testamenten und den rund 25 bekannten Balladen verarbeitete er unmittelbar die Stationen seines abenteuerlichen Lebens – die Kerkerhaft, die Flucht, das Leben im Pariser Untergrund. Er parodierte vertraute Gattungen. Das Lais verbindet die Parodie einer höfischen Liebesklage, eines literarischen Testaments und eines Traumgedichts. Es reiht boshaft-scherzhafte Hinterlassenschaften an namentlich genannte Pariser Amtsträger und Honoratioren aneinander. Diese wurden so dem Gelächter seiner Kumpane preisgegeben.

Sein Ton wechselt zwischen scharfer Satire und tiefem Ernst. Im Testament, dem vielschichtigen Hauptwerk, stehen elegische und selbstkritische Passagen neben sarkastischen Angriffen. Sie treffen denselben Personenkreis, den schon das Lais verspottet hatte. Spielfreude zeigt sich auch im Formalen. In der Ballade des contre-vérités verbarg er seinen Namen als Akrostichon im Refrain. In der Ballade de Fortune stellte er sich als zumindest teilweise unschuldigen Spielball der Schicksalsgöttin dar. Mit den elf Ballades en jargon wandte er sich gar in der schwer verständlichen Gaunersprache an die Pariser Unterwelt. Seine konzisen, achtsilbigen Verse gestalten die wiederkehrenden Themen Liebe, Hoffnung, Enttäuschung, Hass und Tod. Verdichtet erscheinen sie im Refrain der Ballade des dames du temps jadis, der über Frankreich hinaus sprichwörtlich wurde: „Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?"


Rezeption

Bewahrt wurden Villons Werke zunächst dadurch, dass reiche Literaturliebhaber sie in Sammelhandschriften aufnehmen ließen. 1489 druckte der Pariser Drucker Pierre Levet erstmals Texte von ihm. Es waren gut neunzig Prozent der heute bekannten Textmenge. Diese Ausgabe wurde vielfach nachgedruckt. 1533 gab der Dichter Clément Marot eine kritische Edition heraus. Nach etwa 1550 geriet Villon weitgehend, doch nie völlig in Vergessenheit. Der Literaturtheoretiker Boileau erwähnte ihn um 1670 lobend.

Als bedeutender Autor wiederentdeckt wurde Villon zur Zeit der Romantik. 1832 erschien die erste Edition nach modernen Kriterien. 1834 widmete ihm Théophile Gautier eine vielbeachtete Studie. Später beeinflusste Villon laut Wikipedia Lyriker wie Paul Verlaine und Arthur Rimbaud. Diese identifizierten sich als „poètes maudits" mit ihm. Ihre Sicht gaben sie an Chansonniers des 20. Jahrhunderts wie Georges Brassens, Wolf Biermann und Reinhard Mey weiter.

Im deutschen Sprachraum wurde Villon erst um 1890 durch Richard Dehmel entdeckt. Dieser übertrug zwei Balladen und prägte mit ihren Titeln das Bild Villons als Liedermacher. Die erste vollständigere Übertragung stammte 1907 vom Österreicher K. L. Ammer. Sie wirkte stark auf die Autoren des Expressionismus, etwa Georg Heym, Klabund und Bertolt Brecht. Brecht übernahm mehrere Balladen leicht verändert in seine Dreigroschenoper. Zu einer Art deutschem Villon wurde der expressionistische Dichter Paul Zech. Seine sehr freie Nachdichtung Die lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon (1931) ist keine Übertragung, sondern eine eigenständige Umdichtung mit selbst erfundenen Balladen. Die Taschenbuchausgabe von 1962 erreichte bis 2009 weit über 300.000 Exemplare und bestimmt bis heute das deutsche Villon-Bild. Auf Zech beruhen auch die Rezitationen des Schauspielers Klaus Kinski. Der von ihm bekannt gemachte Vers „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund" stammt allerdings aus Zechs Feder, nicht von Villon. Über Villons Leben entstanden zudem mehrere Filme. 2024 fertigten neun Autoren im Auftrag des Literaturhauses Niederösterreich neue Nachdichtungen für den Sammelband Dichter im Fokus: François Villon an.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (19 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten