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Werkseintrag · Ballade des dames du temps jadis
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Ballade des dames du temps jadis
1489
– Werkseintrag –

Ballade des dames du temps jadis

1489 · Ballade

François Villon fragt in dieser Ballade nach den berühmten Frauen vergangener Zeiten und klagt, dass sie alle verschwunden sind wie der Schnee des vergangenen Jahres.

Überblick

Das Gedicht Ballade des dames du temps jadis gehört zu den bekanntesten Dichtungen François Villons. Es entstand im 15. Jahrhundert und bildet den zentralen Teil seiner Sammlung Le Testament, die auch als Le Grand Testament bekannt ist. Dort geht die Ballade zwei verwandten Gedichten voran, der Ballade des seigneurs du temps jadis und der Ballade en vieil langage françois.

Villon selbst gab dem Gedicht keinen Titel. Die heute übliche Überschrift stammt aus der Ausgabe von Clément Marot. In wenigen Strophen greift Villon zwei alte Themen der Dichtung auf: die Frage danach, wo all jene geblieben sind, die vor uns lebten, und die Vergänglichkeit der Zeit. Getragen wird das kleine Werk von einem schwermütigen Grundton, den der rätselhafte Kehrreim immer wieder aufnimmt: „Mais où sont les neiges d'antan?“ – „Wo aber ist der Schnee vom vergangenen Jahr?“

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein einziger, klagender Grundgedanke bestimmt das Gedicht: Wohin sind die berühmten Frauen früherer Zeiten verschwunden? Villon ruft eine Reihe von Namen auf, die aus ganz verschiedenen Welten stammen. Da sind Gestalten aus der antiken Sagenwelt wie die Göttin Flora und die Nymphe Echo. Da sind Frauen aus der Geschichte, deren Schönheit, Klugheit oder Ruhm einst gerühmt wurde. Und da sind Frauen, die auch zwei berühmte Männer in ihren Bann zogen.

Villon nennt sie nicht, um Schrecken zu verbreiten. Anders als ein Totentanz zeigt das Gedicht die Frauen mit ihren guten Eigenschaften: die gelehrte Héloïse, eine Königin mit betörender Stimme und Jeanne d'Arc. So schön und gerühmt sie einst waren – geblieben ist nur die Erinnerung. Sie sind vergangen wie der Schnee vergangener Winter. Am Ende wendet sich der Zyklus dieser Namen einem größeren Gedanken zu, den der Leser selbst im Gedicht entdecken mag. Über allem steht die immer wiederkehrende Frage nach dem verschwundenen Schnee des vergangenen Jahres.

Die Handlung im Detail

In dem Gedicht zählt Villon eine Reihe von Frauen auf und ordnet sie nach der Zeit, vom fernen Altertum bis in seine eigene Gegenwart. Aus der griechisch-römischen Sagenwelt erscheinen die Göttin Flora und die Bergnymphe Echo. Es folgen geschichtliche Gestalten: Thaïs, Bertrade von Laon (auch Bertha mit dem großen Fuß genannt), Erembourg, die Gräfin von Maine, sowie Héloïse, Johanna von Burgund und Jeanne d'Arc. Ein Name fällt heraus – Alkibiades, der hier fälschlich für eine Kurtisane gehalten wird, was ein Beispiel für die gelehrten Irrtümer des Mittelalters ist. Genannt werden auch zwei Männer, die dem Zauber der Frauen erlagen: Pierre Abélard und Jean Buridan. Hinzu kommen schwerer zu bestimmende Frauen wie Blanche von Kastilien, die „lilienweiße Königin“, und weitere Gestalten, die aus der alten Dichtung Hervis de Metz stammen.

Das Gedicht ist trotz seines Themas kein Totentanz. Die Frauen treten mit ihren Vorzügen hervor: die sehr weise, das heißt gelehrte Héloïse; die Königin mit der Stimme einer Sirene, die sich kaum bestimmen lässt; die gute Lothringerin, mit der die berühmte Jeanne d'Arc gemeint ist. Sie alle sind verschwunden, so wie der Schnee vergangener Winter geschmolzen ist. Zurück bleibt allein die Erinnerung an ihre Reinheit und ihren Glanz.

Am Schluss wendet sich Villon dieser vergangenen Reinheit noch einmal zu und richtet sie an die Jungfrau Maria, die als Einzige der leiblichen Vergänglichkeit entgeht. Das Wort „antan“ lässt dem Leser dabei einen Spielraum: Es kann eng das Jahr zuvor meinen, im weiteren Sinn aber auch eine unbestimmte Vergangenheit überhaupt. Der Kehrreim „Mais où sont les neiges d'antan?“ schließt jede Strophe und den kurzen Schlussteil ab und gibt dem ganzen Gedicht seinen wehmütigen Klang.

Stil

Als kleine Ballade in Achtsilblern besteht das Werk aus drei achtzeiligen Strophen und einem kürzeren Schlussteil, dem Geleit. Die Reime folgen dem Muster ABABBCBC. Das Geleit beginnt mit der Anrede „Prince“ und bildet eine Art halbe Strophe, die den Kehrreim ein letztes Mal aufgreift. Die Reime A und C sind männlich, die Reime B weiblich. So schreibt Villon etwa den Namen Héloïse ohne das End-E, damit ein männlicher Reim entsteht.

Geschrieben wurde das Gedicht um 1460 bis 1461, und es trägt die Spuren der beweglichen Sprache des 15. Jahrhunderts. Villons Mittelfranzösisch steht zwischen dem Altfranzösischen und dem heutigen Französisch. Manche Wörter sind darum schwer zu deuten, weil sie mehrdeutig sind. Auch die Aussprache unterschied sich von der heutigen, weshalb Reime, die für Villon genau stimmten, uns heute nicht mehr rein erscheinen. Im zweiten Achtzeiler etwa reimen sich drei Wörter, deren Lautung sich seit dem Mittelalter verändert hat.

Villon spannt in seiner Aufzählung den ganzen damals bekannten Bogen der Zeit auf, vom fernen Altertum bis in seine Gegenwart. Die Frage „Wo sind sie geblieben?“ hatte schon früher Vorbilder. Bereits im 12. Jahrhundert verband der okzitanische Dichter Bertran de Born in einer Totenklage dieselbe Frage mit einer Reihe berühmter Namen, allerdings von Männern und nicht von Frauen. Zu dem Gedicht gibt es auch neuere Deutungsversuche: 1989 brachte Paul Verhuyck die von Villon genannten Frauengestalten mit dem winterlichen Brauch der Schneestatuen in den Landschaften Artois und Flandern in Verbindung.

Rezeption

Über die Jahrhunderte hat vor allem der Kehrreim vom Schnee des vergangenen Jahres ein eigenes Nachleben entfaltet. Als früheste bekannte Anspielung gilt eine Erwähnung von 1508 in Éloy d'Amervals Le Livre de la Deablerie. François Rabelais griff die Wendung 1532 in seinem Pantagruel auf. Im 17. Jahrhundert war der Ausdruck „neiges d'antan“ bereits sprichwörtlich geworden, wie ein Wörterbuch von Randle Cotgrave aus dem Jahr 1611 zeigt. Auch Antoine Furetière verzeichnete ihn 1701 in seinem Wörterbuch als sprichwörtliche Redensart.

Im 19. Jahrhundert lebte das Interesse an Villon neu auf. Théodore de Banville schrieb 1856 eine Nachdichtung. Victor Hugo erinnerte 1862 in Les Misérables an den Vers und nannte ihn erlesen und berühmt. Guy de Maupassant ließ 1884 in seiner Erzählung La Chevelure zwei Strophen des Gedichts auftauchen, die dem Helden wie ein Schluchzen auf die Lippen steigen.

Im 20. Jahrhundert setzte sich die Wirkung fort, auch über Frankreich hinaus. D. H. Lawrence nahm 1928 in Lady Chatterleys Liebhaber die geläufige englische Übersetzung von Dante Gabriel Rossetti auf. Tennessee Williams ließ den französischen Vers 1945 in Die Glasmenagerie als Einblendung erscheinen. Georges Brassens vertonte die Ballade 1953 und spielte 1962 in einem eigenen Gedicht darauf an. Auch Joseph Heller griff den Vers 1961 in Catch 22 auf, und Bob Dylan bekannte sich 1964 zum Einfluss Villons. Noch 2011 zitierte in der Fernsehserie Downton Abbey eine Figur den berühmten Vers auf Französisch.

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