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Porträt Boris Vian
Boris Vian
1920 – 1959
– Autorenporträt –

Boris Vian

1920 – 1959 · 39 Jahre

Boris Vian war Schriftsteller, Jazztrompeter und Chansonnier im Paris der Nachkriegszeit – zu Lebzeiten fanden seine Romane kaum Beachtung, doch sein Roman „L’Écume des jours“ wurde später zum Kultbuch einer jungen Lesergeneration.

Kurzbiografie↑

Vielseitiger ging kaum ein Künstler durch die französische Nachkriegszeit: Boris Vian (1920–1959) war Schriftsteller, Jazztrompeter, Chansonnier, Schauspieler und Übersetzer in einer Person. Er gehörte zum geistigen Leben von Saint-Germain-des-Prés und wirkte als Leiter der Jazzplattenabteilung bei Philips. Zu Lebzeiten fanden seine Romane kaum Beachtung, doch der Roman L’Écume des jours (Der Schaum der Tage) wurde später zum Kultbuch einer jungen Lesergeneration. Berüchtigt wurde Vian durch Skandale: durch einen unter falschem Namen veröffentlichten Roman und durch das pazifistische Chanson Le déserteur. Nach seinem frühen Tod zunächst vergessen, gilt er heute als einer der interessantesten Künstler seiner Zeit.


Biografie↑

Geboren wurde Boris Vian am 10. März 1920 im Pariser Vorort Ville-d’Avray. Er wuchs als jüngerer Sohn von Paul Vian auf, einem wohlhabenden Bürger und Bronzefabrikanten, der sein Vermögen mit Goldgeschäften verdiente. Als diese Geschäfte in der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre zusammenbrachen und die Familie fast pleiteging, musste sie in das Gärtnerhaus des Anwesens umziehen. Die Villa wurde von den Eltern des Violinvirtuosen Yehudi Menuhin gemietet, der so zu Vians Spielkamerad wurde. Vian selbst lernte Trompete spielen.

Als Halbwüchsiger erkrankte Vian an Typhus und trug eine bleibende Schädigung des Herzmuskels davon. Nach dem Lycée Hoche in Versailles wechselte er auf das Lycée Condorcet, eines der besten Pariser Gymnasien. Dort durchlief er nach dem Baccalauréat die Vorbereitungsklasse für die École Centrale Paris, die renommierte staatliche Technische Hochschule. 1939 bestand er die Aufnahmeprüfung und begann ein Ingenieurstudium.

Im Juni 1940 flüchtete die Familie vor dem Einmarsch der Deutschen in ihr Ferienhaus an der Atlantikküste. Auf den Partys, mit denen sich die jungen Leute dort die Zeit vertrieben, lernte Vian Michelle Léglise kennen. Er heiratete sie 1941 und bekam mit ihr zwei Kinder; die Ehe wurde 1952 geschieden. Nach der Rückkehr ins besetzte Paris legte er 1942 das Diplom ab und erhielt einen Posten bei der französischen Normungsbehörde. Dort lernte er die Bürokratie kennen, hatte aber auch Muße für literarische Arbeiten, etwa einen ersten Roman, Vercoquin et le Plancton, oder Lyrik.

1944 wurde sein Vater von Einbrechern ermordet. Nach der Befreiung von Paris im August 1944 fand Vian Anschluss an Intellektuellenkreise und gehörte einige Zeit zum engeren Zirkel um Jean-Paul Sartre. Von diesem wandte er sich später ab, verdrossen durch dessen autoritäres Auftreten und eine Liebelei mit Vians Frau. 1947 gab er seinen Angestelltenposten auf und schrieb als Journalist für verschiedene Zeitschriften, darunter eine regelmäßige ironische Kolumne in Sartres Zeitschrift Les Temps modernes. Daneben übersetzte er aus dem Amerikanischen und arbeitete als Jazzkritiker. Abends spielte er Trompete in einem Jazzlokal in Saint-Germain-des-Prés.

Schlagartig bekannt wurde Vian 1947 durch den Skandal um den 1946 veröffentlichten kurzen Roman J’irai cracher sur vos tombes (Ich werde auf eure Gräber spucken). Das Buch gab sich als Übersetzung eines Romans eines angeblichen afroamerikanischen Autors namens Vernon Sullivan aus. Der aufgrund einer Wette verfasste Text trug übertriebene Brutalitäten und bewusste Ungereimtheiten zusammen und brachte Vian eine Anklage und Verurteilung wegen Unmoral ein. 1947, 1948 und 1950 veröffentlichte er drei weitere, nur noch mäßig erfolgreiche „Sullivans“.

Ebenfalls 1946 erschien sein heute bekanntestes Werk, der Roman L’Écume des jours (Der Schaum der Tage), eine surrealistisch verfremdete, tragische Liebesgeschichte. Vians weitere Romane – L’Automne à Pékin (Herbst in Peking), L’Herbe rouge (Das rote Gras) und L’Arrache-cœur (Der Herzausreißer) – blieben ohne Erfolg, vermutlich weil sie keinen klassischen Handlungsverlauf aufweisen und mit Wortspielereien überladen sind. Anfang der 1950er Jahre gab Vian das Schreiben von Romanen auf.

Ab 1951 schrieb Vian Texte für den Hörfunk. Er übersetzte Bücher von Raymond Chandler und A. E. van Vogt ins Französische und war als Musiker und Musikkritiker an der Aufnahme der US-amerikanischen Popkultur in Frankreich beteiligt. Nahezu erfolglos blieben seine ersten Theaterstücke: Équarrissage pour tous (Abdeckerei für alle), eine groteske Tragödie über den Beginn des Kalten Krieges, sowie Le Goûter des généraux (Das Gabelfrühstück der Generäle), das die Motive der Kolonialkriege geißelte. Einen gewissen Erfolg hatte Les bâtisseurs d’Empire (Die Reichserbauer), ein scheinbar absurdes, tatsächlich politisches Stück, das die Auswirkungen des Algerienkriegs verarbeitete. Die Uraufführung fand 1959 nach Vians Tod statt.

Um 1950 verfasste Vian zahlreiche Gedichte über Partnerschaftsprobleme; sie erschienen gesammelt in Cantilènes en gelée und Je voudrais pas crever. 1954 heiratete er seine zweite Frau, Ursula Kübler, die Tochter des Schweizer Schriftstellers Arnold Kübler. Einen neuerlichen Skandalerfolg erzielte er 1954 mit dem Chanson Le déserteur (Der Deserteur), einem pazifistischen Lied, das zur Fahnenflucht aufrief und ihm den Zorn der Nationalisten und der Justiz eintrug. Das Lied durfte ab 1955 im Radio nicht mehr gesendet werden; die Anordnung wurde 1962 aufgehoben.

Ein akutes Lungenödem zwang Vian 1956 zu einem Kuraufenthalt in Saint-Tropez. Nach einem weiteren Zusammenbruch 1958 starb er am 23. Juni 1959 in Paris, während einer Voraufführung des nach seinem Roman J’irai cracher sur vos tombes gedrehten Films, der gegen seinen Willen von seinem Drehbuch abwich. Zuletzt arbeitete Vian als künstlerischer Direktor bei der Schallplattenabteilung von Philips.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Vians Prosa ist eine ausgeprägte Vorliebe für Wortspiele aller Art. Sie durchziehen seine Romane und Theaterstücke so dicht, dass diese kaum zu übersetzen sind. Seine Romane verzichten überdies auf einen klassischen Handlungsverlauf, was zu seinen Lebzeiten den Erfolg verhinderte. Sein bekanntester Roman L’Écume des jours verbindet eine surrealistisch verfremdete Erzählweise mit einer elegisch-tragischen Liebesgeschichte.

Über die Prosa hinaus reichte Vians künstlerische Bandbreite weit: Er schrieb Chansons und trug sie selbst vor, spielte eine kleine Taschentrompete, die er in seinen Gedichten „trompinette“ nannte, und verfasste rund 400 Gedichte, von denen etliche der Politik im Frankreich der Vierten Republik galten. In seinen Theaterstücken verband er groteske und scheinbar absurde Formen mit klarer politischer Absicht, oft gegen Krieg, Regierung und Militär gerichtet.


Rezeption↑

Wegen seiner scharf und häufig geäußerten pazifistischen Haltung wurden Vians Texte zur Zeit der französischen Kolonialkriege oft zensiert. Seine Vorliebe für Wortspiele machte seine Romane und Stücke zudem kaum übersetzbar, was seine Rezeption außerhalb der französischsprachigen Welt einschränkte. Zu Lebzeiten blieben seine Romane weitgehend unbeachtet.

Heute gilt Vian als Kultautor. Sein Roman L’Écume des jours entwickelte sich in den 1960er und 1970er Jahren zum Kultbuch einer jungen Lesergeneration und zählt inzwischen zu den Klassikern der französischen Nachkriegsliteratur. Laut der Zeitung Le Monde vom 25. Dezember 2007 werden seine Bücher jährlich in mehr als 100.000 Exemplaren gedruckt. Vian gilt als bedeutender Protagonist des Existenzialismus. Serge Gainsbourg sagte, dass Vians Auftritte ihn zum Komponieren inspiriert hätten.

Deutsche Übersetzungen seiner Romane erschienen 1964–1966 im Düsseldorfer Karl Rauch Verlag; 2003 legte der Berliner Verlag Wagenbach sie in neuer Übersetzung wieder auf, und der Verlag Zweitausendeins edierte eine Gesamtausgabe mit von Art Spiegelman gestalteten Einbänden. Seit 1972 verleiht die „Académie du Jazz“ den nach ihm benannten Jazzpreis Prix Boris Vian. Der Autorenkreis Oulipo, 1960 von François Le Lionnais und Raymond Queneau gegründet, vollendete Vians Fragment gebliebenen Roman On n’y échappe pas, der 2020 erschien.

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