Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Clara Viebig
Eingang · Autoren · Clara Viebig
Porträt Clara Viebig
Clara Viebig
1860 – 1952
– Autorenporträt –

Clara Viebig

1860 – 1952 · 92 Jahre

Erzählerin der kleinen Leute in Eifel, Berlin und Posen und als „deutsche Zolaide“ eine der meistgelesenen Autorinnen um 1900.

Kurzbiografie↑

Zu den meistgelesenen Erzählern des deutschen Sprachraums um 1900 gehörte Clara Viebig, geboren 1860 in Trier, gestorben 1952 in Berlin. Sie schrieb Romane, Novellen und Feuilletons im Geist des Naturalismus und schilderte mit Vorliebe das Leben der einfachen Leute in der Eifel, in Berlin, im Rheinland und in der Provinz Posen. Ihr großes Vorbild war Émile Zola, weshalb sie auch die „deutsche Zolaide“ genannt wurde. Im Kaiserreich wie in der Weimarer Republik zählte sie im In- und Ausland zu den angesehensten deutschen Autorinnen, ehe sie nach dem Zweiten Weltkrieg fast völlig in Vergessenheit geriet.


Biografie↑

Am 17. Juli 1860 kam Clara Emma Amalie Viebig in Trier zur Welt. Ihr Vater Ernst Viebig war Oberregierungsrat und hatte 1848/49 als liberaler Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung angehört. Die Familie stammte ursprünglich aus der Provinz Posen und war durch die Versetzung des Vaters ins Rheinland gelangt. Zeit ihres Lebens behielt Clara Viebig ihre Geburtsstadt in guter Erinnerung.

Im Jahr 1868 wurde der Vater zum stellvertretenden Regierungspräsidenten befördert und zog mit der Familie nach Düsseldorf, die Geburtsstadt des von ihr verehrten Heinrich Heine. Dort besuchte Clara eine Höhere Töchterschule. Ein prägendes Jahr verbrachte sie 1876 bei einem befreundeten Landgerichtsrat in Trier, den sie später in ihren Schriften „Matthieu“ nannte. Als Untersuchungsrichter nahm er sie auf seine Dienstfahrten zu Verhören und Tatbestandsaufnahmen mit. Während sie in den Wirtsstuben wartete, lernte sie durch die Erzählungen der Wirtinnen Land und Leute kennen. Aus dieser Zeit stammt ihre Liebe zur Eifel, die sie später literarisch verarbeitete.

Nach dem Tod des Vaters zog Clara Viebig 1883 mit ihrer Mutter nach Berlin. Dort begann sie eine Gesangsausbildung an der Hochschule für Musik und gab Privatstunden, um sich etwas hinzuzuverdienen. Die Ausbildung brach sie ab; es folgten erste schriftstellerische Versuche. Über viele Jahre verbrachte sie zudem die Ferien bei Verwandten auf deren Gütern in der Provinz Posen, deren Eindrücke ebenfalls in ihr Werk einflossen.

Für ihre ersten Arbeiten verwendete sie das Kürzel „C. Viebig“, um in der männlich dominierten Literatur des Kaiserreichs leichter Fuß zu fassen; man riet ihr, hinter dem C. einen männlichen Vornamen vermuten zu lassen. So gelang es ihr, zahlreiche Skizzen, Märchen und Novellen in den Feuilletonbeilagen von Zeitungen und Zeitschriften unterzubringen. 1896 debütierte sie mit dem Fortsetzungsroman Wildfeuer in einer Berliner Zeitung auch als Romanautorin.

Ein Jahr zuvor, 1895, war sie über Theodor Fontane mit dem Verlag seines Sohnes Friedrich Fontane in Kontakt gekommen. Dort lernte sie den jüdischen Teilhaber Friedrich Theodor Cohn kennen, den sie 1896 in Berlin heiratete. Fortan erschienen fast alle ihre Werke in seinem Verlag. Der gemeinsame Sohn Ernst, geboren 1897, wurde Komponist und Dirigent. Die Familie lebte in Zehlendorf bei Berlin in großbürgerlichen Verhältnissen. Ihr erster Roman Rheinlandstöchter erschien 1897; es folgten die Künstlerromane Dilettanten des Lebens und Es lebe die Kunst, beide 1899.

Ab 1900 veröffentlichte Clara Viebig fast jährlich einen Roman oder einen Band mit Erzählungen. Zwischen 1898 und 1933 unternahm sie, allein oder mit ihrem Mann, immer wieder Vortragsreisen, unter anderem nach Paris, Wien, Sankt Petersburg und New York. Ihre Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs äußerte sie sich zunächst patriotisch; ihr Enthusiasmus schlug jedoch bald in Skepsis um, als sich der Sohn zum Heer meldete.

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 musste ihr Mann als Jude seine Verlagsanteile an die Deutsche Verlags-Anstalt abgeben, was ihre Veröffentlichungsmöglichkeiten stark einschränkte. Nach seinem Tod 1936 trat Clara Viebig der Reichsschrifttumskammer bei und konnte so drei ältere Romane neu auflegen. Eine Brasilienreise 1937 führte nicht zu der vom Sohn gewünschten Auswanderung. 1941 floh sie vor dem Bombenkrieg ins schlesische Mittelwalde. Sie überlebte den Krieg mit ihrer langjährigen Haushälterin und kehrte 1946 krank und verarmt nach Zehlendorf zurück. Am 31. Juli 1952 starb Clara Viebig im Alter von 92 Jahren in Berlin. Ihre letzte Ruhe fand sie in der Ehrengrabstätte ihres Vaters auf dem Nordfriedhof Düsseldorf.


Literarische Merkmale↑

Prägend für Clara Viebigs Schreiben war der Naturalismus. Als Schlüsselerlebnis nannte sie selbst die Lektüre von Émile Zolas Germinal: „Dieser ‚Germinal' war mir eine Offenbarung. […] so muß man schreiben, so! Ohne Rücksicht, ohne Furcht, ohne scheues Bedenken […] nur ehrlich, ehrlich!“ Zolas Einfluss zeigte sich vor allem in der Schilderung von Milieus und Massenszenen. Am französischen Erzähler Guy de Maupassant schulte sie zudem ihre sprachliche Genauigkeit: „Von ihm habe ich gelernt, sprachlich wählerisch zu sein.“

Im Mittelpunkt ihrer Bücher steht das Leben der kleinen Leute. Ihre Schauplätze waren die Eifel, Berlin, das Rheinland und die Provinz Posen – Landschaften und Menschen, die sie aus eigener Anschauung kannte. Ihr erster Roman Rheinlandstöchter knüpfte als bürgerliches Gegenstück unmittelbar an Fontanes Roman Poggenpuhls an, während die beiden Künstlerromane von 1899 in der Tradition des Berliner Romans standen. Ab 1900 folgten in dichter Folge ihre Zeitromane aus der Welt der einfachen Menschen, darunter Das Weiberdorf, Das tägliche Brot, Die Wacht am Rhein und Das schlafende Heer. Neben Romanen und Novellen schrieb sie auch für die Bühne, etwa das Drama Barbara Holzer.


Rezeption↑

Ihre Romane gehörten um 1900 zu den meistgelesenen im deutschen Sprachraum, wie mehrere Bibliotheksumfragen jener Zeit belegen. Im Kaiserreich wie in der Weimarer Republik zählte sie im In- und Ausland zu den angesehensten deutschen Autorinnen. Davon zeugen laut der Neuen Deutschen Biographie die hohen Auflagen ihrer Werke und eine Dokumentation über ihre Aufnahme in der Presse, die eine Freundin 1930 zusammengestellt hatte. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, einige sogar in Blindenschrift übertragen. In Düsseldorf, Trier und Dresden wurden Straßen nach ihr benannt, in Manderfeld und Wittlich Schulen.

Das „Dritte Reich“ brachte Verfolgung für ihren jüdischen Mann, für sie selbst und für den Sohn. Nachdem der Ehemann aus der Deutschen Verlags-Anstalt gedrängt worden und 1936 gestorben war, hatte Clara Viebig keine feste Verlagsverbindung mehr. Nach dem Krieg lebte sie in bescheidenen Verhältnissen; einzelne Werke wurden in Ostberlin neu aufgelegt. Das Fehlen eines Verlages und der mangelnde Einsatz ihrer Erben trugen dazu bei, dass sie nach dem Krieg weitgehend in Vergessenheit geriet. Ihre Wiederentdeckung in den letzten Jahrzehnten ist unter anderem der 1992 in Bad Bertrich gegründeten Clara-Viebig-Gesellschaft zu verdanken, die mit einer Dauerausstellung, Nachdrucken und Untersuchungen zu ihrer Bekanntheit beiträgt.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (30 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten