Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Tarjei Vesaas
Eingang · Autoren · Tarjei Vesaas
Porträt Tarjei Vesaas
Tarjei Vesaas
1897 – 1970
– Autorenporträt –

Tarjei Vesaas

1897 – 1970 · 72 Jahre

Tarjei Vesaas zählt zu den bedeutendsten norwegischen Autoren des 20. Jahrhunderts und erzählte in knapper, bildstarker Sprache von Einsamkeit und Natur – bekannt vor allem durch „Die Vögel“ und „Das Eis-Schloss“.

Kurzbiografie↑

Zu den bedeutendsten norwegischen Autoren des 20. Jahrhunderts zählt Tarjei Vesaas, geboren am 20. August 1897 in Vinje in der Provinz Telemark. Er schrieb Romane, Gedichte und Dramen und gilt als Klassiker der Nynorsk-Literatur. Mehrfach wurde er für den Literaturnobelpreis nominiert, erhielt ihn jedoch nie. International bekannt wurde er vor allem durch die Romane Die Vögel und Das Eis-Schloss. Er starb am 15. März 1970.


Biografie↑

Aufgewachsen ist Vesaas auf einem Bauernhof in der Telemark. Nach dem Schulabschluss verbrachte er einige Monate auf der als Internat betriebenen Volkshochschule in Voss. Zwischen 1918 und 1919 lebte er ein gutes halbes Jahr in Kristiania, dem heutigen Oslo, wo er sich sehr für das Theater interessierte. Von 1925 bis 1933 unternahm er zahlreiche Reisen durch Europa und wohnte unter anderem in Paris, London und München.

Zeit seines Lebens litt Vesaas unter dem Schuldgefühl, den eigenen Familienhof entgegen dem Wunsch des Vaters nicht übernommen zu haben. Phasenweise zog er sich von jeder Gesellschaft zurück, auch in den dichtbesiedelten Großstädten Europas, deren „Mahlwerk“ ihn zugleich faszinierte und erschreckte. Er las viel, zunächst vor allem Rudyard Kipling, Knut Hamsun und Selma Lagerlöf, später weitere große europäische Autoren der Moderne. 1934 heiratete er die Lyrikerin Halldis Moren. Mit ihr bezog er den Hof Midtbø in seiner Heimatkommune Vinje und lebte dort bis kurz vor seinem Tod.

Seine ersten Bücher erschienen ab 1923 und tragen vor allem romantisch-lyrische Züge. Der Durchbruch gelang ihm 1928 mit dem deutlich realistischeren und spannungsgeladenen Roman Die schwarzen Pferde. Der Erste Weltkrieg hatte den jungen Vesaas stark beeindruckt: In seinen frühen Büchern kehren bevorstehende Gefahren und die ständige Bedrohung der Lebensfreude als Motive wieder. Das vom deutschen Expressionismus beeinflusste Schauspiel Ultimatum wurde 1932 geschrieben und 1934 uraufgeführt; es handelt von jungen Menschen, die einen verheerenden Kriegsausbruch erwarten. Als positive Gegenmächte treten in seinem Frühwerk Kinder, Tiere und Elemente der Natur hervor, die jedoch nie idyllisiert werden.

Im Herbst 1940 erschien mit Der Keim (älterer deutscher Titel: Nachtwache) sein bis dahin bedeutendstes Werk. Nach einem Gewaltverbrechen auf einer kleinen Insel organisiert die bäuerliche Gesellschaft eine Hetzjagd auf den psychisch instabilen Täter, der schließlich selbst ermordet wird. Danach versuchen die Menschen, die sich in einer Art Massenhysterie gegenseitig zur Rachetat angetrieben haben, auf je eigene Weise ihr Gewissen zu erleichtern. Der Roman lebt von suggestiven, atmosphärischen Bildern und lässt erstmals jene allegorische Technik erkennen, die Vesaas nach dem Krieg zur Meisterschaft entwickelte. Schon 1945 versinnbildlichen die bedrohlichen Ereignisse im Roman Das Haus in der Dunkelheit kaum verhüllt die deutsche Okkupation Norwegens.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte Vesaas, nach einer Formulierung des Kritikers Øystein Rottem, einen „Modernismus mit humanistischem Gesicht“. 1946 erschien Johan Tander, ein Roman mit einem Minimum an äußerer Handlung, meisterhafter Innenschau und teilweise lyrischer Sprache. 1950 folgte die allegorische Parabel Das Signal, die die angsterfüllte Atmosphäre nach der Bombardierung Hiroshimas spiegelt: In einem Bahnhof warten Reisende auf ein Signal zur Weiterfahrt, das nie gegeben wird. Diese Situation des existentiellen Wartens erinnert an Samuel Becketts Warten auf Godot, das allerdings erst zwei Jahre nach Vesaas' Roman erschien.

Sein bis heute international wohl bekanntester Roman Die Vögel erschien 1957. Er beschreibt den Sonderling Mattis, den seine Umgebung als geistig behindert wahrnimmt und verlacht. Vesaas bestätigte in Interviews, dass er mit dieser Figur „die Situation des Künstlers“ beleuchten und mit gewissen Einschränkungen ein Selbstporträt schaffen wollte. Der 1963 vollendete Roman Das Eis-Schloss erzählt von zwei Mädchen am Rande der Pubertät, von ihrer zarten Freundschaft und ihrer Trennung durch den Tod. Der von der Kritik gefeierte Roman wurde ein Jahr darauf mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet. Das Preisgeld stiftete Vesaas für den neu geschaffenen Tarjei-Vesaas-Debütantenpreis, mit dem in Norwegen bis heute eines der besten literarischen Debüts des Jahres ausgezeichnet wird.

Erst als 49-Jähriger debütierte Vesaas auch als Lyriker. Nach einer traditionellen ersten Veröffentlichung 1946 überraschte er die Öffentlichkeit mit dem Band Das Spiel und der Blitz, der eine modernistische Formsprache aufweist und deutlich von Edith Södergran und dem deutschen Expressionismus beeinflusst ist. Er starb am 15. März 1970. In den Quellen finden sich unterschiedliche Angaben zum Sterbeort: Die Deutsche Nationalbibliothek nennt Oslo, während Wikidata das Osloer Rikshospitalet angibt.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Vesaas ist ein knapper, konzentrierter Erzählstil. Seine Prosa arbeitet mit einer prosalyrischen Erzählweise, einer straffen Komposition und der Technik der Andeutung. Immer wieder überhöht er das Geschehen symbolisch und allegorisch. Diese Mittel kommen in seinen Kurzgeschichten besonders wirkungsvoll zur Geltung.

Seine Romane beschreiben Entfremdung, Einsamkeit und ein Gefühl von Unwirklichkeit, ohne dass sie dafür eine Großstadtkulisse bräuchten. Fast immer gibt es jedoch – oft nur angedeutet – ein vitales Element. Der Hang zur Selbstzerstörung, den mehrere seiner Figuren zeigen, wird mit Lebenskraft kontrastiert; in vielen Werken bleibt eine Dimension der Hoffnung. Charakteristisch ist zudem der Einsatz eines starken zentralen Symbols, das sich zugleich vollkommen real lesen lässt, wie das titelgebende Eis-Schloss. Elemente der Natur, Kinder und Tiere spielen eine wiederkehrende Rolle, werden aber nie idyllisiert.


Rezeption↑

In seinem Heimatland wird Vesaas zu den bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts gerechnet und gilt als Klassiker der Nynorsk-Literatur. Mehrfach war er für den Literaturnobelpreis nominiert. Neben den Romanen genossen schon früh seine vier Kurzprosa-Bände hohe Wertschätzung; sie zählen heute zum Kanon der norwegischen Literatur. Der Band Der Wind weht, wie er will von 1952 wurde mit dem Venezia-Preis für eines der besten europäischen Bücher des Jahres ausgezeichnet. Gedichte wie Regen in Hiroshima gehören in Norwegen heute zu den Lesebuchklassikern.

Mehrere Werke wurden verfilmt, darunter Die Vögel in Polen unter dem Titel Żywot Mateusza sowie Das Eis-Schloss. Im deutschsprachigen Raum sorgten Neuübersetzungen von Hinrich Schmidt-Henkel im Berliner Guggolz-Verlag für eine Renaissance: Das Eis-Schloss erschien 2019, Die Vögel 2020, Der Keim 2023 und Frühlingsnacht 2025. Diese Neuausgaben wurden von der Kritik sehr positiv aufgenommen und fanden eine große Leserschaft. Der nach ihm benannte Tarjei-Vesaas-Debütantenpreis hält seinen Namen in Norwegen bis heute lebendig.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (27 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten