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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Das Eis-Schloss
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Das Eis-Schloss
1963
– Werkseintrag –

Das Eis-Schloss

1963 · Roman

Eine kurze, tiefe Freundschaft verbindet die elfjährige Siss mit der still ins Dorf gezogenen Unn – im Mittelpunkt der Geschichte steht ein gewaltiger Eispalast, geformt von einem gefrorenen Wasserfall.

Überblick↑

Der Roman Das Eis-Schloss des norwegischen Schriftstellers Tarjei Vesaas, im norwegischen Original Is-slottet, erschien 1963. Geschrieben ist er in Nynorsk. Der Titel verweist auf das zentrale Bild des Buches: einen mächtigen Eispalast, den ein gefrorener Wasserfall im Winter geformt hat. Erzählt wird die Geschichte zweier Mädchen und einer kurzen, tiefen Freundschaft. 1964 erhielt Vesaas für das Werk den Literaturpreis des Nordischen Rates.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Siss, ein lebhaftes elfjähriges Mädchen aus einer ländlichen Gemeinde in Norwegen. Ihr Leben verändert sich, als Unn ins Dorf zieht – ein stilles Mädchen, das nach dem Tod seiner Mutter bei der Tante lebt. Die beiden sind neugierig aufeinander und können es kaum erwarten, sich kennenzulernen.

Schließlich besucht Siss die neue Mitschülerin zu Hause. Die Mädchen reden, Unn zeigt ein Foto aus dem Familienalbum, und zwischen ihnen entsteht eine seltsam vertraute, zugleich unsichere Stimmung. Unn deutet an, dass sie ein Geheimnis mit sich trägt. Verunsichert läuft Siss am Ende nach Hause, überwältigt von der Angst vor der Dunkelheit. Was aus dieser einen Begegnung erwächst, bildet den Kern der Geschichte.

Die Handlung im Detail↑

Siss und Unn treffen sich zum ersten Mal in Unns Haus. Sie unterhalten sich eine Weile, Unn zeigt ein Bild ihres Vaters aus dem Familienalbum, und schließlich überredet sie Siss, sich zum Spaß auszuziehen. Die Mädchen betrachten einander, und Unn fragt, ob Siss etwas Besonderes an ihr erkennen könne. Siss verneint. Unn erwidert, sie habe ein Geheimnis und fürchte, nicht in den Himmel zu kommen. Rasch ziehen sich beide wieder an, die Lage wird ihnen peinlich. Siss verlässt das Haus und rennt heim, von Angst vor der Dunkelheit überwältigt.

Um die Verlegenheit eines Wiedersehens am nächsten Tag zu vermeiden, schwänzt Unn die Schule. Stattdessen geht sie zu dem Eisschloss, das ein naher Wasserfall geformt hat. In kalten Wintern gefriert das Wasser rund um solche Wasserfälle zu gewaltigen Gebilden. Unn klettert in diesen Eispalast hinein, wandert durch die Räume und ist von seiner Schönheit überwältigt. Im siebten Raum verliert sie die Orientierung und findet nicht mehr hinaus. Nach einer Weile glaubt sie, ein Auge im Eis zu sehen, wird müde und schläft ein.

Die Suche nach Unn bleibt vergeblich. Die Leute fragen sich, ob Siss mehr über das Verschwinden weiß, als sie zugibt, und was am Abend zuvor zwischen den Mädchen vorgefallen ist. Siss selbst versinkt in Verlust und Einsamkeit. Sie gibt sich das Versprechen, Unn niemals zu vergessen. So übernimmt sie die Rolle, die einst Unn zufiel: Sie steht allein auf dem Schulhof, will nicht spielen und nicht sprechen. Nach und nach muss Siss aus diesem inneren Eispalast wieder herausfinden, ehe sie ihren Weg ins Erwachsenwerden fortsetzen kann.

Stil↑

Getragen wird der Roman von einer knappen, ruhigen Sprache und einem langsamen, ganz vom Winter durchdrungenen Erzählrhythmus. Die verschneite Landschaft und das gefrorene Eisschloss sind mehr als bloßer Schauplatz: Sie werden zum Sinnbild für die Gefühle der Mädchen, für Nähe, Angst und Einsamkeit. Vesaas schrieb das Werk in Nynorsk. Vieles bleibt unausgesprochen und wird nur angedeutet, etwa Unns Geheimnis. Gerade diese Zurückhaltung, die Stille zwischen den Sätzen, gibt der Erzählung ihre eindringliche Wirkung.

Rezeption↑

Schon bald nach dem Erscheinen fand das Werk hohe Anerkennung: 1964 wurde Vesaas mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet. Der Roman fand über Norwegen hinaus Verbreitung, unter anderem in einer englischen Übersetzung von Elizabeth Rokkan, die in London herauskam und mehrfach neu aufgelegt wurde. Für die Weihnachtszeit 2017 war eine erneute Ausgabe in der Reihe der Verlagsklassiker geplant.

Auch als Film wirkte der Stoff nach. Der norwegische Regisseur Per Blom verfilmte Is-slottet 1987; für die beiden Hauptrollen standen zwei zwölfjährige Mädchen vor der Kamera. Der Film hält sich eng an die Vorlage und bewahrt deren langsames, schneereiches Tempo, rückt Unns verborgene Gefühle jedoch etwas stärker in den Vordergrund. 1988 wurde er beim Internationalen Filmfestival von Flandern mit dem Grand Prix ausgezeichnet.

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