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Das Erwachen
1899
– Werkseintrag –

Das Erwachen

1899 · Roman

Eine junge Frau in Louisiana entdeckt in einem Sommer am Meer, dass sie ganz anders leben möchte als es ihr Stand, ihr Mann und ihre Zeit vorsehen.

Überblick↑

Der Roman Das Erwachen von Kate Chopin erschien 1899 unter dem Originaltitel The Awakening im amerikanischen Verlag Herbert S. Stone & Co. Er erzählt von Edna Pontellier, der jungen Frau eines wohlhabenden Kreolen in Louisiana. An der Wende zum 20. Jahrhundert macht sie sich auf, ihr eigenes Selbst zu erkunden. Im deutschsprachigen Raum ist das Buch wenig bekannt. In den Vereinigten Staaten dagegen zählt es zu den Romanen, die im Englischunterricht der High Schools am häufigsten gelesen werden.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Am Golf von Mexiko liegt der Ferienort Grand Isle. Dort verbringt die Familie Pontellier den Sommer des ausgehenden 19. Jahrhunderts: der reiche, sehr auf Konventionen bedachte Léonce, seine 28-jährige Frau Edna und die beiden kleinen Söhne Etienne und Raoul. Léonce liebt seine Frau aufrichtig und verwöhnt sie mit kostbaren Dingen. Trotzdem ist Edna nicht glücklich. Ihren Kindern gegenüber bleibt sie merkwürdig distanziert, was ihren Mann bekümmert.

Als Léonce zur Arbeit zurückkehrt, bleibt Edna mit den Kindern in Grand Isle. Sie freundet sich mit drei anderen Feriengästen an: mit Robert Lebrun, dem 26-jährigen Sohn der Pensionswirtin, mit der schwangeren, warmherzigen Adèle Ratignolle und mit Mademoiselle Reisz, einer alternden, unverheirateten Pianistin. Robert pflegt jeden Sommer eine unverbindliche Freundschaft mit einer verheirateten Frau. Adèle warnt ihn davor, mit Edna zu flirten: Diese verschlossene Frau nehme so etwas nicht leicht.

Ohne es zu wollen, tritt Edna in diesen Wochen eine Entdeckungsreise zu sich selbst an. Das Klavierspiel von Mademoiselle Reisz rührt sie unerwartet stark an. Sie lernt schwimmen, was zuvor als aussichtslos gegolten hatte, und genießt es mit allen Sinnen. Und sie erkennt, dass sie Robert liebt. Zurück in New Orleans entzieht sie sich mehr und mehr den gesellschaftlichen Pflichten einer Dame ihres Standes. Ihr Mann ist ratlos, der Familienarzt rät ihm zu Geduld. Edna beginnt zu malen, sucht neue Bekanntschaften und fasst schließlich einen Entschluss, der ihr Leben von Grund auf ändern soll.

Die Handlung im Detail↑

Die Erzählung setzt im Sommer in der eleganten Pension von Aline Lebrun auf Grand Isle ein. Edna Pontellier ist die Tochter eines Plantagenbesitzers und Bürgerkriegsveteranen aus Kentucky. Ihre Mutter starb früh, und es wird angedeutet, dass der tyrannische Vater ihr das Leben schwer gemacht und verkürzt hat. Als Halbwüchsige schwärmte die fantasievolle Romanleserin mehrfach für unerreichbare Männer. Léonce Pontellier heiratete sie, weil er unermesslich in sie verliebt und dazu katholisch war, was ihrem presbyterianischen Vater gründlich gegen den Strich ging.

Léonce reist als erster aus Grand Isle ab, weil ihn seine Geschäfte rufen. Edna bleibt mit den Kindern zurück, die von einer Kinderfrau betreut werden. Sie freundet sich mit Robert Lebrun, mit Adèle Ratignolle und mit Mademoiselle Reisz an. Adèle richtet zu Hause musikalische Abende aus, geht aber vor allem in ihrer Mutterrolle auf; sie erwartet ein Kind. Edna zieht deren Schönheit und spontane Herzlichkeit an. Zur eigenwilligen Pianistin Reisz findet sie erst Zugang, als deren Klavierspiel sie tief bewegt.

Der Klavierabend ist nur eine Station dieser unbeabsichtigten Reise ins eigene Innere. Edna lernt schwimmen, obwohl langer Unterricht zuvor vergeblich geblieben war, und empfindet dabei sinnlichen Genuss. Zugleich wird ihr bewusst, dass sie Robert liebt und begehrt. Zu zweit unternehmen die beiden einen Ausflug in den Fischerort Cheniere Caminada.

Zur Überraschung aller reist Robert dann wegen einer unbestimmten beruflichen Angelegenheit nach Mexiko ab. Edna ist tief enttäuscht, ihre eben erst erwachte Sehnsucht so plötzlich wieder zu verlieren. Sie kehrt mit den Kindern in das Haus in der Esplanade Street in New Orleans zurück. Den gesellschaftlichen Pflichten entzieht sie sich zusehends: Statt an ihrem wöchentlichen Empfangstag Gäste zu begrüßen, geht sie spazieren. Als Léonce ihr Vorhaltungen macht, zieht sie später voller Wut den Ehering vom Finger und tritt darauf. Sie beginnt zu malen, betreibt es aber ohne echte Leidenschaft. Léonce sorgt sich und fragt Dr. Mandelet um Rat, den Familienarzt und Freund des Hauses. Der weiß nichts Besseres zu empfehlen, als Edna nicht zu bedrängen und geduldig mit ihr zu bleiben. Dann bricht Léonce zu einer längeren Geschäftsreise nach New York auf.

Bei einem Besuch entdeckt Edna, dass Mademoiselle Reisz mit Robert im Briefwechsel steht. Weil die Pianistin ihrem Bedürfnis, über Robert zu sprechen, gern nachgibt, sehen die beiden Frauen einander nun oft. Mademoiselle Reisz ist überzeugt, dass Robert Edna liebt. Über eine Bekannte, Mrs. Highcamp, lernt Edna den jungen Dandy Alcée Arobin kennen, einen Mann von zweifelhaftem Ruf, der seine Tage beim Pferderennen verbringt. Edna merkt bald, dass sie ihn begehrt. Da sie ihn aber nicht liebt und er ihr im Grunde nichts bedeutet, zögert sie, ein Verhältnis zu beginnen.

Edna beschließt, aus der ehelichen Villa auszuziehen, und kauft ein kleines Haus in der Nachbarschaft, das sie „Taubenschlag“ nennt. Zu ihrem Geburtstag und zum bevorstehenden Umzug gibt sie in der Villa ein großes Abendessen. Es verläuft glänzend und turbulent und endet für Edna mit einer Liebesnacht mit Alcée.

In New York erfährt Léonce vom Hauskauf seiner Frau. Um die Ehe zu retten, stellt er ihr die lang versprochene, nie angetretene gemeinsame Auslandsreise in Aussicht; an der New Yorker Börse hat er viel Geld verdient. Damit der Umzug kein Gerede auslöst, beauftragt er einen Architekten mit einer umfassenden Renovierung der Villa.

Nach mehreren Monaten in Mexiko kehrt Robert nach New Orleans zurück. Zwei Tage nach seiner Ankunft trifft Edna ihn zufällig in der Wohnung von Mademoiselle Reisz und ist verletzt, dass er nicht sogleich zu ihr gekommen ist. Robert lässt sie überdies wissen, dass ihn allein berufliche Gründe zurückgeführt haben, nicht der Wunsch, sie wiederzusehen. Wenig später begegnen sie einander erneut durch Zufall, und es kommt zum ersten Kuss. Robert gesteht ihr, dass er nur nach Mexiko geflohen war, weil er sie über alles liebt, ihr aber durch einen Ehebruch keinen schweren Schaden zufügen wollte.

Bevor Edna ihm eine Verbindung jenseits der gesellschaftlichen Regeln vorschlagen kann, wird sie zu Adèle gerufen, deren Geburtswehen eingesetzt haben. Während sie der Freundin beisteht, gehen ihr die eigenen Gedanken weiter durch den Kopf. Als sie in ihr Haus zurückkehrt, findet sie von Robert nur noch einen Abschiedsbrief vor. Edna geht zum Strand und schwimmt weit ins Meer hinaus, bis die Kräfte sie verlassen. Sie wählt den Tod, statt auf ihre Selbstbestimmung und die Erfüllung ihrer Sehnsüchte zu verzichten.

Stil↑

Erzählt wird in ruhiger, nüchterner Prosa, die dem Innenleben der Hauptfigur folgt. Die Handlung schreitet nicht durch große äußere Ereignisse voran, sondern durch eine Kette kleiner Erfahrungen: ein Klavierabend, die erste gelungene Schwimmbewegung, ein Bootsausflug. Jede dieser Szenen öffnet Edna ein Stück weiter die Augen über sich selbst.

Auffällig ist, wie sparsam die Autorin urteilt. Sie zeigt ihre Figuren, ohne sie zu verurteilen, auch den konventionsverhafteten Ehemann und den zaudernden Verehrer nicht. Wiederkehrende Bilder halten den Roman zusammen, allen voran das Meer, das am Anfang die Befreiung bringt und am Ende die Handlung beschließt. Auch das Haus, das Edna „Taubenschlag“ nennt, trägt seine Bedeutung schon im Namen. Der Schauplatz ist genau erfasst: die kreolische Gesellschaft Louisianas mit ihren Ferienpensionen, Empfangstagen und ungeschriebenen Regeln.

Rezeption↑

Im deutschsprachigen Raum ist der Roman bis heute wenig bekannt geblieben. In den Vereinigten Staaten dagegen gehört er zu den Büchern, die im Englischunterricht der High Schools am häufigsten gelesen werden. Damit hat das Werk über Generationen hinweg junge Leserinnen und Leser erreicht.

Seine Wirkung verdankt es vor allem der Hauptfigur. Eine verheiratete Frau, die um 1900 ihr eigenes Leben, ihre Wünsche und ihre Sinnlichkeit entdeckt und die Erwartungen ihrer Umgebung abstreift, war für die Zeit eine Zumutung. Genau diese Figur macht das Buch bis heute zu einem viel diskutierten Text über weibliche Selbstbestimmung.

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