1923 – 1996
Endō Shūsaku
Kurzbiografie↑
Zu den bekanntesten japanischen Erzählern des 20. Jahrhunderts zählt Endō Shūsaku, geboren 1923, gestorben 1996. Er war katholisch getauft und machte den Glauben in einem überwiegend nicht-christlichen Land zum Kernthema seines Werks. Sein Roman Chinmoku (deutsch Schweigen) über die Christenverfolgungen im Japan des 17. Jahrhunderts begründete seinen internationalen Ruf. Endō erhielt den Akutagawa-Preis, den Tanizaki-Jun'ichirō-Preis und den japanischen Kulturorden. Er gilt als einer der bedeutendsten christlichen Schriftsteller Japans im 20. Jahrhundert.
Biografie↑
Geboren wurde Endō Shūsaku am 27. März 1923 in Nishi-Sugamo, das damals zum Landkreis Kita-Toshima in der Präfektur Tokio gehörte und heute zu Toshima zählt. Er war der zweite Sohn eines Bankangestellten und einer Musikerin. Der Vater stammte aus einer Ärztefamilie in Tottori. Die Mutter hatte zunächst eine Ausbildung zur Violinistin an der Tōkyō Ongaku Gakkō angestrebt, der heutigen Tōkyō Geijutsu Daigaku.
Die Kindheit verbrachte er zum Teil in Dairen in der Mandschurei. 1933 ließen sich die Eltern scheiden, und die Mutter kehrte mit den beiden Söhnen nach Japan zurück. In Nishinomiya traten Mutter und Kinder der katholischen Kirche bei, beeinflusst von katholischen Verwandten. Mit zwölf Jahren wurde Endō auf den Namen Paulus getauft. Diese Taufe war keine eigene Entscheidung eines Erwachsenen, und das Verhältnis zum ererbten Glauben blieb eine der treibenden Fragen seines Lebens.
Nach der Nada-Oberschule in Kōbe studierte er an der Keiō-Universität französische Literatur. Schon als Student veröffentlichte er Essays und literaturkritische Arbeiten über französische katholische Autoren, darunter François Mauriac und Georges Bernanos. Von 1950 bis 1953 studierte er mit einem Stipendium an der Katholischen Universität Lyon. Dort erkrankte er schwer an Tuberkulose und musste zwei Lungenoperationen überstehen. In den langen Krankenhausaufenthalten entwickelte er jene existenziellen und religiösen Fragen, die sein späteres Werk bestimmten. Aus dieser Zeit stammt auch seine Vorstellung eines „mütterlichen“ Christus, der vor allem mit den Leidenden mitleidet.
1953 kehrte er gesundheitlich geschwächt nach Japan zurück und musste sich weiteren schweren Operationen an der Lunge unterziehen. Im selben Jahr erlitt seine Mutter einen Schlaganfall und starb überraschend im Alter von 58 Jahren. 1955 heiratete er die Literaturstudentin Junko Okada. Der gemeinsame Sohn Ryūnosuke wurde 1956 geboren. Endō arbeitete zeitweise als Dozent an der Sophia-Universität und als Redakteur.
In den 1950er Jahren machte er sich mit Kurzgeschichten einen Namen. Für Shiroi hito, „Der weiße Mensch“, erhielt er 1955 den Akutagawa-Preis; es folgte Kiiroi hito, „Der gelbe Mensch“. Als ernstzunehmender Autor etablierte er sich 1957 mit dem Roman Umi to dokuyaku, auf Deutsch Meer und Gift. Das Buch behandelt die Vivisektionen an amerikanischen Kriegsgefangenen in Fukuoka. Es wurde mit dem Mainichi-Kulturpreis und dem Shinchō-Literaturpreis ausgezeichnet.
Sein internationales Ansehen begründete 1966 der Roman Chinmoku, deutsch Schweigen. Er handelt von den Christenverfolgungen im Japan des 17. Jahrhunderts und fragt zugleich, warum Gott zum Leiden der Menschen schweigt. Das Werk erhielt den Tanizaki-Jun'ichirō-Preis, wurde vielfach übersetzt und mehrmals verfilmt. Endōs Bild eines mütterlichen Christus, der den Schwachen beisteht, wurde innerhalb der katholischen Kirche kontrovers diskutiert.
In den 1970er Jahren wandte er sich historischen Stoffen zu. 1973 erschien Iesu no shōgai, „Das Leben Jesu“, eine erzählerische Lebensbeschreibung Christi. 1980 folgte Samurai über die Gesandtschaft des Hasekura Tsunenaga nach Europa; dafür erhielt er den Noma-Literaturpreis. Sein spätes Hauptwerk Fukai kawa von 1993, auf Deutsch Wiedergeburt am Ganges, begleitet japanische Pilger an den Ganges und verbindet die Reise mit Fragen nach Tod und Wiedergeburt. Es gilt als sein spirituelles Vermächtnis und wurde 1994 mit dem Mainichi-Kunstpreis ausgezeichnet.
Endō engagierte sich auch im Theater. 1968 gründete er die Amateurtheatergruppe „Za“ und inszenierte unter anderem Romeo und Julia. Von 1985 bis 1989 stand er dem japanischen P.E.N.-Zentrum als Präsident vor. 1988 wurde er zur Person mit besonderen kulturellen Verdiensten ernannt, 1995 erhielt er den Kulturorden.
Am 29. September 1996 starb er im Krankenhaus der Keiō-Universität in Tokio an den Folgen einer Lungenentzündung. Zu seiner Beisetzungsmesse in der St.-Ignatius-Kirche kamen rund 4000 Trauergäste. Sein Grab liegt auf dem katholischen Friedhof von Fuchū. Im Jahr 2000 wurde in Sotome ein Literaturmuseum eröffnet, das seinen Namen trägt.
Literarische Merkmale↑
Prägend für Endōs Schreiben ist die Frage, wie sich christlicher Glaube und japanische Lebenswelt zueinander verhalten. Er stellt seine Figuren immer wieder vor Gewissensentscheidungen, in denen es kein sauberes Richtig gibt. In Umi to dokuyaku sind es Ärzte, die an Menschenversuchen mitwirken. In Chinmoku sind es verfolgte Christen und ihre Priester, die zwischen Standhaftigkeit und Verrat stehen.
Sein Christusbild bleibt dabei ungewöhnlich. Aus der Erfahrung schwerer Krankheit und langer Klinikaufenthalte entwickelte er die Vorstellung eines „mütterlichen“ Christus, der nicht richtet, sondern mitleidet und gerade bei den Schwachen bleibt. Diese Deutung durchzieht sein Werk und wurde in der katholischen Kirche kontrovers aufgenommen.
Formal bewegte er sich zwischen Kurzgeschichte, Roman und erzählender Lebensbeschreibung. Mit Iesu no shōgai schrieb er das Leben Jesu als Erzählung. Historische Stoffe wie die Christenverfolgungen des 17. Jahrhunderts oder die Europareise des Hasekura Tsunenaga dienten ihm nicht als Kulisse, sondern als Prüfstein für Fragen, die ihn auch als Zeitgenossen umtrieben. Seine frühen Studien über französische katholische Autoren wie Mauriac und Bernanos zeigen, in welcher Tradition er sich sah.
Rezeption↑
Anerkennung fand Endō in Japan früh und dauerhaft. Bereits 1955 erhielt er für Shiroi hito den Akutagawa-Preis, danach folgten der Mainichi-Kulturpreis und der Shinchō-Literaturpreis für Umi to dokuyaku, der Tanizaki-Jun'ichirō-Preis für Chinmoku, der Noma-Literaturpreis für Samurai und 1994 der Mainichi-Kunstpreis für Fukai kawa.
Über Japan hinaus bekannt wurde er vor allem durch Chinmoku. Der Roman wurde in viele Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt. Innerhalb der katholischen Kirche löste er auch Widerspruch aus, weil Endō dort einen Christus zeichnet, der den Schwachen beisteht, statt Stärke zu fordern.
Sein öffentliches Ansehen zeigte sich auch in Ämtern und Ehrungen: Von 1985 bis 1989 war er Präsident des japanischen P.E.N.-Zentrums, 1988 wurde er zur Person mit besonderen kulturellen Verdiensten ernannt, 1995 erhielt er den japanischen Kulturorden. Zu seiner Beisetzungsmesse kamen rund 4000 Trauergäste. Im Jahr 2000 eröffnete in Sotome das Endō-Shūsaku-Literaturmuseum. Er gilt als einer der bedeutendsten christlichen Schriftsteller Japans im 20. Jahrhundert.
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