1892 – 1927
Akutagawa Ryūnosuke
Kurzbiografie↑
Zu den Erneuerern der japanischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts zählt Akutagawa Ryūnosuke, geboren 1892 in Tokio, gestorben 1927. Neben Essays und Gedichten schrieb er etwa 150 Kurzgeschichten, Erzählungen und Romane. Seine Stoffe entnahm er häufig alten japanischen Sammlungen und Volkssagen, doch er erzählte sie mit dem psychologischen Blick der Moderne. Weltweit bekannt wurde er durch Akira Kurosawas Film Rashomon von 1950, der auf zwei seiner Erzählungen beruht. Nach ihm ist der Akutagawa-Preis benannt, der halbjährlich an japanische Schriftsteller verliehen wird.
Biografie↑
Geboren wurde Akutagawa Ryūnosuke am 1. März 1892 in Tokio. Sein Vater Niihara Toshizō war ein wenig erfolgreicher Milchviehhalter. Kurz nach der Geburt des Sohnes erkrankte die Mutter Fuku an einer Psychose und wurde in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert. Der Junge konnte zu ihr keine gefühlsmäßige Bindung aufbauen, was ihn schwer belastete; in seinem autobiografischen Werk Das Leben eines Narren hat er das später geschildert. Die Mutter starb 1902, da war er zehn Jahre alt. Ein Onkel adoptierte ihn, und die Tante übernahm die Mutterrolle.
An der Kaiserlichen Universität Tokyo studierte Akutagawa englische Literatur. In dieser Zeit, zwischen 1912 und 1916, veröffentlichte er seine ersten Texte. Danach arbeitete er drei Jahre lang als Englischlehrer. Anschließend schrieb er für die Zeitung Ōsaka Mainichi.
Schon als Student wollte er seine Jugendfreundin Yoshida Yayoi heiraten, doch die Familie missbilligte die Verbindung. 1916 verlobte er sich mit Tsukamoto Fumi, 1918 heirateten die beiden. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor: Hiroshi, geboren 1920, Takashi, geboren 1922, und Yasushi, der von 1925 bis 1989 lebte und ein bekannter Komponist wurde.
Die Erzählungen dieser Jahre machten ihn rasch bekannt. Für Rashōmon, Die Nase und Imogyu griff er auf Vorlagen aus der Sammlung Konjaku Monogatarishū zurück und arbeitete sie neu aus. Es folgten unter anderem Qualen der Hölle und Der Faden der Spinne, beide 1918, sowie 1922 Im Dickicht.
Ab 1919 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Auch er litt an einer Psychose, hatte Halluzinationen und Angstzustände. Die Medizin jener Zeit verstand diese Krankheit noch kaum; sein Hausarzt führte die Halluzinationen auf das Rauchen zurück. Zugleich wurden seine Erzählungen realistischer und gesellschaftskritischer. Neben der eigenen Krankheit erlebte er, wie sein Land auf einen Expansionskrieg zusteuerte.
Obwohl er inzwischen ein angesehener Schriftsteller war, nahmen seine Beschwerden zu. In der Erzählung Zahnräder versuchte er, seine Lage zu verarbeiten: Der Titel spielt auf seine Halluzinationen an, denn er sah immer wieder Zahnräder, die sich in sein Blickfeld schoben. Aus der Krise fand er nicht mehr heraus. Er beschäftigte sich mit dem Gedanken an Selbsttötung. In der japanischen Gesellschaft galt diese damals als moralisch vertretbar, wenn kein anderer Ausweg blieb; Akutagawa legte den Satz so aus, dass jeder, der sich das Leben nehme, eben keine andere Lösung mehr gesehen habe und damit richtig gehandelt habe. Dass er vor seiner Frau die von der Gesellschaft erwartete Rolle des Ehemanns nicht mehr ausfüllen konnte, gab 1927 den Ausschlag. Am 24. Juli 1927 starb er in Tokio von eigener Hand, im Alter von fünfunddreißig Jahren.
Aus dem letzten Lebensjahr stammen mehrere Arbeiten, darunter Kappa, Genkakus Bergklause und die aphoristische Lebensrückschau Das Leben eines Narren. Der Text Der Mann aus dem Westen blieb als Manuskript im Nachlass.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Akutagawa ist die Verbindung zweier Welten: Er versuchte als einer der ersten asiatischen Schriftsteller, den einheimischen Literaturstil mit der europäischen Literatur zu verknüpfen und auf diese Weise zu erneuern. Er kannte die japanische und die chinesische Literatur ebenso wie die europäische. Als prägende Vorbilder gelten unter anderem Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire, Oscar Wilde, Mori Ōgai und Natsume Sōseki. Der Titel seiner Lebensrückschau Das Leben eines Narren nimmt Bezug auf August Strindbergs ebenfalls autobiografischen Roman Le plaidoyer d'un fou von 1895, in dem Strindberg ein schonungsloses Bild seiner Ehe mit Siri von Essen zeichnet.
Den Stoff seiner Kurzgeschichten entnahm Akutagawa oft japanischen Volkssagen oder der Literatur des japanischen Mittelalters. Was er daraus machte, ist jedoch keine historische Ausmalung. Die Geschichten haben fast immer einen psychologischen Kern, sie fragen nach den Beweggründen der Menschen. Deshalb lassen sie sich auch dann auf die Gegenwart beziehen, wenn sie in einer fernen Epoche spielen.
Innerhalb der japanischen Literatur gilt er als einer der wichtigsten Vertreter der sogenannten Intellektuellen Schule. Diese Richtung suchte einen Mittelweg zwischen der rein sachlichen Beschreibung des Naturalismus und dem gefühlsüberladenen Neoromantismus. In den späteren Jahren traten Realismus und Gesellschaftskritik in seinen Erzählungen stärker hervor.
Rezeption↑
Als Erneuerer wirkte Akutagawa weit über sein kurzes Leben hinaus. Mit seinem Schreibstil, so heißt es, habe er seine Epoche umgewälzt und die bedeutenden japanischen Schriftsteller nach ihm nachhaltig geprägt. Zu seinem Gedenken wird der Akutagawa-Preis halbjährlich an herausragende japanische Schriftsteller verliehen; er zählt zu den angesehensten Literaturpreisen Japans.
Einen großen Anteil an seiner internationalen Bekanntheit hat der Film. 1950 verarbeitete Akira Kurosawa die Erzählungen Rashōmon von 1915 und Im Dickicht von 1922 unter dem erstgenannten Titel zu einem Film. Dieselben beiden Vorlagen wurden seither immer wieder verfilmt, in den Vereinigten Staaten, in Japan, in Thailand und in Russland. Auch Der Christus von Nanjing kam auf die Leinwand, verfilmt 1995 von Tony Au. Die Anime-Serie Aoi Bungaku widmete 2009 je eine Folge den Erzählungen Der Faden der Spinne und Qualen der Hölle.
Auch die Musik griff seine Stoffe auf. Die japanische Komponistin Mayako Kubo schuf 1996 eine Oper nach Rashōmon, Alejandro Viñao zwischen 1995 und 1999 die Oper Rashomon: The Opera. Michael John LaChiusa verwendete diese und weitere Geschichten Akutagawas für sein Musical See What I Wanna See.
Ins Deutsche kamen seine Texte über viele Jahrzehnte hinweg. Bereits 1934 erschien in Tokio eine Übersetzung von Kappa. Der Sammelband Japanische Novellen von 1966 in der Übertragung von Jürgen Berndt machte zahlreiche Erzählungen im deutschen Sprachraum zugänglich. 1997 legte der Suhrkamp Verlag Das Leben eines Narren in der Übersetzung von Otto Putz vor. Die Forschung hat sich unter anderem mit den Schwierigkeiten seiner Übersetzung und mit der aphoristischen Form seines Spätwerks befasst.
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